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Mario R. Dederichs: HEYDRICH - DAS GESICHT DES BÖSEN
Piper Verlag (2003), 328 Seiten, ISBN: 349204543X.

Mario R. Dederichs: Heydrich - Das Gesicht des Bösen

Rezension von Günter Kaindlstorfer

Die Nachwelt kennt Reinhard Heydrich als einen der ruchlosesten Verbrecher des Dritten Reichs: als Chef der Gestapo und des SS-Geheimdiensts SD, später des Reichssicherheitshauptamts in Berlin, war Heydrich maßgeblich an der Verfolgung und Ermordung zehntausender Hitlergegner beteiligt. Auch für Planung und Ausführung der Shoa war er als engster Mitarbeiter Himmlers maßgeblich mitverantwortlich. Entsprechend schlecht ist sein Ruf, auch in der Geschichtsschreibung. Hitler-Biograph Joachim Fest sah in Heydrich einen "Mann von luziferischer Gefühlskälte", einen "jungen, bösen Todesgott", einen "Teufel in Menschengestalt" wollten Heydrichs Zeitgenossen in ihm erblicken.

Solche Atrributierungen werden dem Musikersohn aus dem Sächsischen nicht wirklich gerecht, meint Mario R. Dederichs, Verfasser einer 300seitigen Heydrich-Biographie, die soeben im Piper-Verlag erschienen ist. Reinhard Heydrich war ein skrupelloser Killer, aber auch ein virtuoser Organisator – eine zerrissene, in sich widersprüchliche Figur, ein Mann, der glänzend Geige spielte und als Sportfechter brillierte, aber auch Hunderttausende ohne Bedenken in den Tod schickte. "Die Nazis sind archaisch und modern zugleich", notierte einst Ernst Bloch, "sie bauen Autobahnen und schreiben in Runen". Ähnlich verhält es sich mit Heydrich. In den Augen seines Biographen war der gnadenlose SS-Schlächter ein modern denkender und handelnder Mann, allerdings unter massenmörderischen Auspizien. Dederichs schreibt.

Zitat:
"Leute wie Heydrich, durchdrungen und getrieben von Geltungssucht, Machtgier und Rücksichtslosigkeit, können zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft für all jene, die ein Gewissen haben, gefährlich werden – wenn man ihnen die Instrumente der Macht in die Hand legt."

Ursprünglich wollte Mario R. Dederichs, Redakteur der Hamburger Illustrierten "Stern", bloß eine Zeitschriften-Serie über Heydrich schreiben. Das starke Echo auf die Serie veranlaßte ihn später, die Ergebnisse seiner Recherchen zu einem Buch umzuarbeiten. Ein Buch, das seine Abkunft aus dem Geist des Magazinjournalismus nicht recht zu verleugen vermag: Obwohl Dederichs sorgfältig recherchiert hat, obwohl er sich um seriöse und sachliche Darstellungslinien bemüht hat, verfällt er dann und wann doch in einen allzu boulevardesken Stil.

Zitat:
"Ein Foto aus dem Herbst 1941 zeigt Heydrichs Gesicht. Nur ganz kurz wendet es sich der Kamera zu. Die Kamera fixiert diesen Blick, eisig, zornig, unendlich böse. Wolfsaugen starren da und lähmen den Betrachter mit unerwarteter Feindseligkeit. Heydrichs Bild – aus Adolf Hitlers Reich der Finsternis schaut da ein Gesicht des Bösen in unsere Zeit, abschreckend und doch auf schaurige Weise faszinierend. Sofort stellt sich die Frage: Was geht hinter dieser feindseligen Miene vor? In welche Abgründe führt ein Kontakt mit diesen Augen? Was hat diesen Menschen zu seinen Untaten getrieben?"

Fragen, auf die auch Dederichs Buch letztlich keine Antworten zu geben vermag. Wie so oft, wenn man den destruktiven Kern des Nationalsozialismus bloßzulegen versucht, wird man auf die, fast möchte man sagen, metaphysische Frage nach dem Bösen zurückgeworfen. Was die äußeren Fakten betrifft, ist Heydrichs Leben gut dokumentiert. Im März 1904 kommt Reinhard Tristan Eugen Heydrich in einem Musikhaushalt in Halle an der Saale zur Welt. Mutter Elisabeth, eine strenge, von katholischen Nonnen in der Schweiz erzogene Frau, arbeitet als Klavierlehrerin, Vater Bruno, Komponist und Opernsänger, leitet das von ihm gegründete Konservatorium der Stadt. Ein wilhelminischer Bürgerhaushalt, wagnerianisch, nationalstolz, kaisertreu. Sohn Reinhard wird zum Wunderkind gedrillt, ein zweiter Mozart soll er dem Willen des Vaters zufolge werden, doch daraus wird nichts. Zeitlebens frönt der Filius dem Geigespiel, allerdings in amateurhaftem Rahmen. Um seiner schwächlichen Konstitution auf die Sprünge zu helfen, beginnt Gymnasiast Reinhard fanatisch Sport zu treiben: Schwimmen, Fechten, Reiten, Segeln.

Zitat:
"Hier tobte Heydrich seinen lebenslangen Ehrgeiz aus, stets der Beste zu sein."

schreibt Dederichs.

Zitat:
"Beim Segeln, erinnert sich eine Zeitzeugin, hatte er immer die gleiche Taktik: Er segelte so, daß er entweder kenterte oder den ersten Preis machte."

Eigentlich typisch für die spätere Ideologie des Nationalsozialismus. Aber noch ist Heydrich nicht so weit. Als Gymnasiast nach dem Ersten Weltkrieg schließt er sich einem jener rechtsradikalen Freikorps an, die 1919 bei der Niederschlagung des Spartakistenaufstands mitwirken, auch in Halle. In seinem Freikorps kommt Heydrich intensiver mit den rassistischen und antisemitischen Ideologien der völkischen Rechten in Kontakt. Konsequent der nächste Schritt: Der junge, militärbegeisterte Mann geht zur Marine, absolviert eine Kadettenausbildung in Kiel. Auch hier bleibt der ebenso komplexlerhafte Heydrich ein Einzelgänger. Freunde hat er keine – im Grunde bis zum Ende seines Lebens nicht. Auch in Kiel lebt Heydrich seine Sportbegeisterung aus, immerhin wird er es später zu einem der besten Säbel- und Degenfechter Europas bringen.

Zitat:
"Nicht wenigen Zeitgenossen fiel auf, daß Heydrich zeitlebens ein zutiefst zerrissener Mensch blieb. Schon äußerlich zerfiel er in einen zackig-sportlich-harten Soldaten und in einen sanft-höflich-femininen Musenfreund; stechender Blick und schnarrender Ton paarten sich mit zarten Händen und weichen Hüften."

Ein Mann, dem man das spätere Monster nicht ansah, in seinem Widerspruch. 1931 wird Heydrich einer Frauengeschichte wegen unehrenhaft aus der Marine entlassen. Er heiratet die norddeutsche Landadelige Lina von Osten, eine fanatische Nationalsozialistin. Im Sommer 31 findet der 27jährige Kontakt zu Heinrich Himmler. Er avanciert zur rechten Hand des SS-Chefs, baut für die NSDAP einen Nachrichten- und Überwachungsdienst auf, den späteren SD. Nach der Machtergreifung der Nazis geht es steil bergauf mit der Karriere des Hallenser Musikersohns. Heydrich wird zum Mastermind des Terrors, er richtet das KZ Dachau ein, das erste Konzentrationslager auf deutschem Boden, weitere Lager folgen, 1939 wird er zum Chef des "Reichssicherheitshauptamts" ernannt, der Zentrale der braunen Mord- und Unterdrückungsmaschinerie. Im September 1941 ernennt Hitler den rücksichtslosen Hardliner zu seinem Statthalter in Protektorat Böhmen und Mähren. Am 19. November 1941 nimmt Heydrich in der Prager Wenzelskapelle aus den Händen des tschechischen Staatspräsidenten Hacha die sieben Schlüssel zur Krönungskammer der böhmischen Könige entgegen – das Symbol der Unterwerfung Tschechiens unter die Deutschen.

Zitat:
"Jetzt standen die Männer vor dem Allerheiligsten der Tschechen, der Wenzelskrone. Sie war, so sagte man, mit einem Fluch belegt: Wer diese Krone unbefugt aufsetzt, so lautete die Mär, würde binnen Jahresfrist eines gewaltsamen Todes sterben und danach sein ältester Sohn. Der alte Aberglaube reizte den Draufgänger und Machtmenschen Heydrich. Was sollte einen wie ihn schrecken? Kurzentschlossen setzte sich der 38jährige die Krone auf, zum Entsetzen der anwesenden Tschechen."

Sechseinhalb Monate später war Heydrich tot – ein Attentat tschechischer Widerstandskämpfer mitten in Prag setzte seinem Leben ein Ende. Als Vergeltung ließen die Nazis das Dorf Lidice niederbrennen, alle männlichen Dorfbewohner über 15 wurden ermordet, sämtliche Frauen und Kinder in KZs verschleppt. Bis heute glauben viele Tschechen, daß sich in Heydrichs Tod der Fluch der Wenzelskrone erfüllt hat – und nicht nur in ihm: Eineinhalb Jahre nach dem Attentat auf den Reichsprotektor kam auch Heydrichs ältester Sohn Klaus bei einem Fahrradunfall ums Leben. Im Alter von zehn Jahren.

All das – und vieles mehr – läßt sich in Mario R. Dederichs Biographie nachlesen, einem materialreichen und instruktiven Band, der die Frage nach den Wurzeln der Heydrichschen Mordlust allerdings unbeantwortet läßt. Leider konnte der Autor die Publikation seines Werks nicht mehr erleben: Kurz vor Fertigstellung der Biographie starb Mario R. Dederichs an Krebs. Sein "Stern"-Kollege Teja Fiedler hat das Buch nun fertiggeschrieben. Eine Pflichtlektüre für an der Geschichte des Dritten Reichs Interessierte.

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Buchhinweis:
Mario R. Dederichs: HEYDRICH - DAS GESICHT DES BÖSEN
Piper Verlag (2003), 328 Seiten, ISBN: 349204543X.



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