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Günter Grass: BEIM HÄUTEN DER ZWIEBEL
Roman, Steidl Verlag (2006), 480 Seiten, ISBN: 3865213308.

Günter Grass: Beim Häuten der Zwiebel

Roman
Rezension von Günter Kaindlstorfer


Aus der Perspektive des Literaturkritikers ist, läßt man das Wortgeklingel hysterisierter Leitartikler beiseite, eine einzige Frage von Belang: Was taugt der Text? Versuchen wir diese Frage auch im Fall von Günter Grass\' kontrovers rezipierten Jugenderinnerungen ernst zu nehmen. Die zur Genüge diskutierten Passagen über Grassens Intermezzo bei der Waffen-SS nehmen einige wenige Seiten ein in einem Buch, in dem der Nobelpreisträger "wortreich gemiedene Wörter" endlich aussprechen möchte. Grass tut das, um es vorwegzunehmen, auf ganz und gar überzeugende Weise.

Die Jugend-Memoiren des Nobelpreisträgers setzen mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs ein, Grass war damals zwölf, sie enden mit der Veröffentlichung der "Blechtrommel" Ende der fünfziger Jahre. Zwei Dezennien, in denen eine Menge passiert ist, auch in der Biographie des Kolonialwarenhändlersohns aus Danzig- Langfuhr. "Der Junge, der ich war", nennt Grass sich selbst im Rückblick. Er scheint dem Dichter fremd zu sein, dieser Junge, der als begeisterter Jungvolk-Pimpf die Lieder der Zeit schmetterte – "Unsere Fahne flattert uns voran" – der mit angehaltenem Atem die Wochenschau-Berichte vom siegreichen Vormarsch der Wehrmacht im Westen verfolgte, der die Helden der Zeit verehrte: Jagdflieger Galland, Max Schmeling und vor allem Kapitänleutnant Prien, den Helden von Scapa Flow.

Grass\' Autobiographie ist eine Selbstanklage, eine unverhohlene Selbstbezichtigung: Der Autor wirft sich vor, als Kind nicht oft genug nachgefragt zu haben. Als der Vater eines Schulkameraden ins KZ Stutthof kam etwa. Oder als sein Lateinlehrer, ein katholischer Priester, von einem Tag auf den anderen plötzlich verschwand. "Ich war ein Jungnazi", schreibt Grass, "gläubig bis zum Schluß... Um den Jungen, der ich damals war, zu entlasten, kann nicht einmal gesagt werden: Man hat uns verführt! Nein, wie haben uns, ich habe mich verführen lassen!"

Grass wechselt immer wieder zwischen Ich- und Er-Form hin- und her in seinem Text, oft innerhalb einiger weniger Absätze. Sein Buch ist raffiniert strukturiert, flammende Selbstanklage und farbsattes Zeitpanorama in einem. Vor allem scheint sich Grass nicht verzeihen zu können, daß er sich einst mit fünfzehn freiwillig zum Dienst mit der Waffe gemeldet hat. "Ginterchen", wie seine kaschubische Großtante ihn nennt, will zu den U-Booten, er wird aber, weil zu jung, vom Dienst zurückgestellt. Der Halbwüchsige wird Luftwaffenhelfer vor den Toren der Stadt, nur zwei oder drei Mal hat er Gelegenheit, sich an den Achtkommaacht-Geschützen, an denen man ihn ausgebildet hat, zu erproben. Es folgen einige Monate als Arbeitsdienstmann – das mächtig pubertierende "Ginterchen" bekämpft aufsprießende Pickel mit Pitralon und Mandelkleie – als plötzlich der Einberufungsbefehl auf dem elterlichen Eßzimmertisch liegt.

In Berlin soll sich Arbeitsdienstmann Grass melden, dort wird dem Siebzehnjährigen dann ein Marschbefehl zugeschoben. Reiseziel: Dresden. Von dort geht\'s im Herbst 44 weiter auf einen Truppenübungsplatz der Waffen-SS in die böhmischen Wälder. In der nach einem Landsknechtführer aus den Bauernkriegen benannten Division "Jörg von Frundsberg" soll der begeisterte Jung-Nazi als Panzerschütze ausgebildet werden.

Grass weiß, daß man sechs Jahrzehnte post bellum keine klaren Grenzen mehr ziehen kann zwischen Fakten und Fiktion. Der Erinnerung ist zu mißtrauen, das postuliert der Autor immer wieder. Und so bietet er seine Kriegserlebnisse in Form zusammenhangloser Erinnerungsfetzen dar: die gnadenlose Schleiferei im Ausbildungslager, die Massenentlausung in der Hygienebaracke, die Fahrt im Güterwaggon an die niederschlesische Front, endlose Flüchtlingstrecks und an Chausseebäumen baumelnde Wehrmachtssoldaten... Mitte April 45 dann die erste "Feindberührung": Grassens Truppe, ein zusammengewürfelter Haufen Infanteristen und Panzerschützen, bezieht in einem Jungwald Stellung. Die SS-Division Frundsberg, Ohne Vorwarnung machen vorrückende Sowjettruppen den Forst mit Katjuscha-Raketen platt. "Ginterchen" duckt sich unter einen Jagdpanzer, wie er\'s gelernt hat und pißt sich in die Hosen, während die Stalinorgel den Jungwald rundum zerfetzt und die in ihm Schutz suchenden Kameraden gleich mit. Es sind nicht viele, die das Inferno überleben.

Er habe während seiner Kriegszeit keinen einzigen Schuß abgegeben, behauptet Grass. Keine Rede von Sengen und Mordbrennen, von Massenerschießungen, Judenmorden, Massakern an Zivilisten. Ginterchen stolpert, wenn man seinen Schilderungen trauen darf, durch das Kampfgetöse wie weiland Grimmelshausens Simplicius durch den Dreißigjährigen Krieg. Irgendwo in der Lausitz wird er verwundet. Er erholt sich in einem Lazarett, gerät in amerikanische Kriegsgefangenschaft – und beginnt sich allmählich mit den Irrtümern seiner jungen Jahre auseinanderzusetzen.

Das alles schildert der deutsche Nobelpreisträger in seiner unverwechselbaren Sprache, dem charakteristischen Grass-Idiom aus langen, in eigentümlichen Wortverbindungen sich windenden Sätzen. Man kann diesen Stil manieriert nennen, mit gleichem Recht aber läßt sich die saftige Anschaulichkeit der Grass\'schen Prosa loben, ihr grimmiger Witz, ihre bärbeißige Selbstironie.

Es ist, nehmt alles nur in allem, ein starkes Erinnerungsbuch, das Günter Grass da vorgelegt hat. Als "moralische Instanz" – zu der andere ihn ernannt haben – mag Grass durch das jahrzehntelange Verschweigen seiner SS-Zugehörigkeit Schaden genommen haben. Als Schriftsteller hat sich der 79jährige nichts vorzuwerfen. Grass ist ein Könner, bleibt ein Könner, untadelig auch im kritischen Blick auf sich selbst und seine Biographie.

Das Kriegsende markiert übrigens nicht einmal die Hälfte der Grass\'schen Memoiren. Auf weiteren 300 Seiten erzählt der Autor von den Irrungen und Wirrungen der Nachkriegszeit, von seiner Abneigung gegen Adenauer und den Ekstasen früher Faulkner-Lektüre, von den tragischen Posen des Existenzialismus und den ersten Gedichten, die er sich traklnd abgerungen hat, von geglückter Liebe und romantischen Autostopp-Touren ins ferne Italien. Die ersten literarischen Erfolge des späteren Nobelpreisträgers waren bescheiden genug. Der Gedichtband "Die Vorzüge der Windhühner", Grassens Debüt, hat sich exakt 753 Mal verkauft. Diesmal wird\'s wohl um einiges mehr sein.

Buchhinweis:
Günter Grass: BEIM HÄUTEN DER ZWIEBEL
Roman, Steidl Verlag (2006), 480 Seiten, ISBN: 3865213308.



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