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Paulus Hochgatterer: „Das Matratzenhaus“, Roman, Deuticke-Verlag, Wien, 294 Seiten
ISBN: 978-3-552-06112-5

Paulus Hochgatterer: Das Matratzenhaus

Rezension von Günter Kaindlstorer
Bayerischer Rundfunk, "Diwan", März 2010


Mit Kleinstädten kennt Paulus Hochgatterer sich aus, ist er doch selbst  in der Nähe der Kleinstadt Amstetten aufgewachsen. Man erinnert sich: Im April 2008 geriet die 25.000-Einwohner-Gemeinde im niederösterreichischen Mostviertel durch den sogenannten „Fall Fritzl“ in die internationalen Schlagzeilen. 24 Jahre lang hatte der Amstettner Elektroingenieur Josef Fritzl eine seiner Töchter in ein Kellerverlies gesperrt, sie systematisch vergewaltigt und mit ihr insgesamt sieben Kinder gezeugt. Einer der Psychiater, die sich nach der Verhaftung des sogenannten „Monsters von Amstetten“ der traumatisierten Opfer annahmen, hieß – Paulus Hochgatterer.

Unterdrückte Aggressionen und manifeste Gewalt, wen wundert’s, spielen auch in Hochgatterers jüngstem Roman eine zentrale Rolle. Die Handlung von „Das Matratzenhaus“ hat der 48jährige Autor, im Brotberuf Kinderpsychiater, in der fiktiven österreichischen Kleinstadt Furth angesiedelt. Es ist ein skrupelloser Kinderpornoring, der in einem Further Einfamilienhaus eine kleine, sadistische, sorgfältig mit Matratzen ausgepolsterte Kinderhölle eingerichtet hat.

OT Paulus Hochgatterer: „Die Provinz ist der Ort des Schreckens und Grauens. Dieses Furth ist eine Stadt wie hundert andere Städte dieser Größenordnung auch. Furth wird nur von den Daten so charakterisiert: Es ist eine Stadt, die zwischen 30.000 und 40.000 Einwohner hat und im österreichischen Zentralland liegt, an einem See, und in dieser Stadt verbergen sich jene Dinge, die sich in österreichischen Kleinstädten zu verbergen pflegen. Da gehören Wahnsinn, Gewalt und das Dunkle und das Grauenvolle mit dazu.“

Seltsame Dinge geschehen in Hochgatterers Furth: Ein junger Mann stürzt sich von einem Baugerüst zu Tode, ein anderer versucht, sich aufzuhängen; eine sechzehnjährige Borderline-Patientin in der Psychiatrie fügt sich Schnitte am ganzen Körper zu. Dazu kommt ein mysteriöser Vorfall, mit dem sich Kriminalkommissar Ludwig Kovacs befassen muß: Einer der Further Industrie-Tycoons, ein Plastikfabrikant, hat Anzeige erstattet: Sein sechsjähriger Sohn sei auf dem Schulweg mißhandelt worden. Der Bub gebe an, „etwas Schwarzes“ habe ihn geschlagen, er sei völlig verstört.
Als wenig später auch andere Kinder von solchen Vorfällen berichten, wird der Psychiater Raffael Horn als Sachverständiger zugezogen. Sowohl Horn wie Kommissar Kovacs kennen Hochgatterer-Leser schon aus des Autors vorletztem Roman, „Die Süße des Lebens“. Und wie in jenem Buch wird Furth auch in „Das Matratzenhaus“ zur kleinen Welt, in der sich die Verwerfungen der großen auf beispielhafte Weise abbilden.

Paulus Hochgatterers Roman ist mehr als ein Krimi. Dem 48jährigen geht es nicht um die Produktion von Unterhaltungsliteratur.

OT Paulus Hochgatterer:
„Ich finde das nur bedingt sinnvoll, diese polarisierende Zuordnerei. Es ist wohl beides: Es ist ein Buch, das einen literarischen Anspruch stellt, das ist mir wichtig, und es ist ein Buch, das spannend zu lesen sein soll.“

Paulus Hochgatterer entwickelt sein verstörendes Kleinstadt-Porträt mosaikartig aus der Perspektive von vier Protagonisten. Außer dem Psychiater Horn und dem Kriminalbeamten Kovacs sind es die Volksschullehrerin Stella und das indische Mädchen Fanny - eines der Opfer des Kinderpornorings. Und aus der Perspektive dieses Opfers erleben wir den Fortgang der Ereignisse.

OT Paulus Hochgatterer: „Ein Aspekt in dem Buch ist, daß es um Rache geht. Und im Zusammenhang mit Kindesmißbrauch ist Rache eines der ganz großen Tabus. Kinder, die mißbraucht werden, rächen sich nicht nur nicht – die können nicht einmal dran denken, sich zu rächen.“

In Hochgatterers Roman ist das anders. Fannys Rache ist furchtbar, und es gehört zu den Tugenden des Erzählers Paulus Hochgatterer, daß er der drastischen Thematik seines Romans auch gegen Ende hin mit äußerst diskreten erzählerischen Mitteln zu Leibe rückt. Der 48jährige erweist sich in diesem sorgfältig komponierten Text als Meister der Auslassung, ohne dies auf Kosten der Spannung oder gar der Verständlichkeit gehen zu lassen. Eine erbauliche Lektüre ist „Das Matratzenhaus“ dennoch nicht:

OT Paulus Hochgatterer: „Es ist ein Roman, der das Happy End verweigert. Das hat damit zu tun, daß ich von unerfreulichen Dingen erzähle, vom Mißbrauch an Kindern. Und daß da am Schluß die Idylle verweigert wird, ist wohl auch klar, denke ich.“

„Das Matratzenhaus“ ist ein verstörendes Buch, ein kriminalistisches Puzzle, das den Leser und die Leserin irritiert und aufgewühlt zurückläßt. Keine Wohlfühlliteratur. Sondern Literatur, die weh tut.












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