|
Rezensionen Sachbuch\Willi Winkler
(2001)
WILLI WINKLER: "BOB DYLAN EIN LEBEN"
Biographie
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Bob
Dylan ist gerade einmal zwanzig Jahre alt, als er im September
1961 seine ersten Auftritte in verrauchten Folk-Clubs in New
York absolviert. Selten hat sich ein "angry young man"
ein derart fulminantes Entree in die Musikwelt verschafft
wie der schmächtige Sproß einer jüdischen
Eisenwarenhändler-Familie aus Hibbing/ Minnessota. In
seinen ersten Songs erzählt der Woody-Guthrie-Fan, der
sich in seiner Pubertät an Gedichten von William Blake
und Dylan Thomas berauscht hat, in seinen Songs erzählt
er von staubigen Highways und der Verlassenheit des Tramps
eine neue Stimme, ein neues Genie? Robert Shelton, Folkmusik-Kritiker
der "New York Times", schreibt nach einem Bob-Dylan-Auftritt
in "Gerdes Folk City" im Frühherbst 1961:
Zitat:
"Mit seinem engelhaften Gesicht und dem dichten, widerborstigen
Haarschopf, den er zum Teil mit einer schwarzen Huckleberry-Finn-Cordmütze
bedeckt, sieht Mr. Dylan wie eine Kreuzung aus Chorknabe und
Beatnik aus. An seiner Kleidung könnte er noch arbeiten,
aber wenn er mit seiner Gitarre oder Mundharmonika oder am
Klavier hantiert und neue Songs schneller komponiert, als
er sie sich überhaupt merken kann, dann gibt es keinen
Zweifel daran, daß dieser Bursche vor Talent aus allen
Nähten platzt."
Vierzig Jahre nach seinem bravourösen Debüt ist
Bob Dylan längst ein Mythos, eine Ikone der sechziger
Jahre wie Roy Lichtenstein oder Che Guevara. Wie erzählt
man die Lebensgeschichte eines solchen Mannes? Willi Winkler,
Edelfeder bei der "Süddeutschen Zeitung", hat
das einzig richtige getan und sich für die Gattung der
Heiligenlegende entschieden. Im siebten Jahrzehnt des 20.
Jahrhunderts begab es sich also, daß ein blaßhäutiger
Twen aus den Vereinigten Staaten die Musik und ihre namenlose
Schönheit neu definierte. Für Millionen junger Leute
wurden Songs wie "Subterranean Blues" oder "Highway
61 Revisited" zu Erweckungserlebnissen. Wer Ohren hat
zu hören, der höre, fordert Willi Winkler.
Zitat:
"Mit Anfang zwanzig spielt Bob Dylan überzeugend
den alten Mann, der alles gesehen hat und nichts verzeiht.
Die gesamte Erblast der fahrenden Sänger trägt er
auf dem Buckel, der Staub der Okies verklebt ihm die Haare,
der Ruß der streikenden Bergarbeiter frißt ihm
die Stimmbänder weg, der Fusel der wandernden Sänger
umweht ihn mitsamt den Legenden von Messerstechereien und
Eifersuchtsmorden. Er faßt die ganze untergründige
Geschichte der USA in seinen Liedern zusammen."
Bob Dylan soll lange geübt haben, bis er seiner Stimme
den rauhen, kehligen Klang antrainiert hat, der seiner, und
nicht nur seiner Meinung nach zu einem richtigen Straßensänger
gehört. Wie schrieb das "Time Magazin"?
Zitat:
"Die Stimme dieses Mannes klingt, als wehe sie über
die Mauern eines Tuberkulose-Sanatoriums."
Mitte der sechziger Jahre, als die USA sich immer auswegloser
ins blutige Vietnam-Abenteuer verstrickten und die Rassen-Auseinandersetzungen
im Süden sich verschärfen, schlittert Bob Dylan
in eine private Identitätskrise. Er hat sich zum Weltstar
emporpsalmodiert, er hat hunderte Frauen verführt und
kaum einen verbotenen Suchtstoff nicht ausprobiert. Außerdem
darf er sich zugute halten, das Genre der Folkmusik revolutioniert
zu haben. Wie kann es mit so einem weitergehen? Das fragt
sich auch Willi Winkler.
Zitat:
"Bob Dylan ist 25. Innerhalb weniger Jahre ist er
zum Herold des jungen Amerika aufgestiegen. Die Byrds singen
seine Lieder, die Beatles und die Rolling Stones saugen begierig
jedes seiner Worte auf. Es ist die beste Zeit, um jung und
schön zu sterben. Wie zehn Jahre zuvor James Dean. Brian
Jones, Janis Joplin und Jimi Hendrix und Jim Morrison folgten
diesem Muster getreulich nach."
Kunst kommt von sterben können, forumliert Winkler.
Der gute alte Künstler-Mythos aus den Tagen der Romantik
in der Todes-Epidemie, die in den späten Sixties prominente
Rockgrößen sonder Zahl dahinrafft, feiert der romantische
Todes-Kult wieder fröhliche Urständ. Bob Dylan hat
ein Problem: Er ist ein Star und lebt dennoch weiter. An
einem Samstag im Juli 1966 kommt der heilige Bob freilich
nur knapp davon. Er rattert auf seinem Lieblings-Motorrad,
einer englischen Triumph 500, in der Nähe seines Wohnorts
Woodstock über die Landstraße, gibt sich dem Rausch
der Geschwindigkeit hin, bis oben hin zugedröhnt. Als
der Musiker durch eine Öllache schlittert, passiert's:
Er reißt eine Pletschen, wie man auf gut österreichisch
sagt, und zieht sich schwere, nein, schwerste Verletzungen
zu. Ein Unfall, der sofort zum Bestandteil der Dylan-Mythologie
wird.
Die Fans sehen ihn als Beginn der Dylanschen Schaffenskrise,
während der Crash in Wahrheit wohl eher Ausdruck derselben
war. Wie auch immer: Wäre Bob Dylan im Juli 1966 ums
Leben gekommen, er hätte sich, zynisch gesagt, eine Menge
Probleme erspart. Sein Ruhm wäre quasi in religiöse
Dimensionen kulminiert, wie im Falle Jim Morrisons oder Che
Guevaras, er hätte sich und seinem Publikum die Peinlichkeiten
der siebziger und achtziger Jahre überdies nicht zugemutet.
Willi Winkler ist ein treuer Biograph, er läßt
auch die Jahre der Düsternis nicht aus. Alkohol- und
Drogen-Exzesse, künstlerische Downs, Bühnen-Schlappen,
zerquältes Wahrheitssuchertum... Und dann findet Bob
Dylan, der Orpheus der Landstraße, auch noch zu Jesus
Christus. Er mutiert zum christlichen Sektierer, zum salbadernden
Fundi, der die Bibel wörtlich nimmt und für mehr
Reinheit, mehr Jungfräulichkeit und weniger Sex kämpft.
Ein Trauerspiel.
Und doch gelingen Bob Dylan auch in den Siebzigern noch Songs
von betörender Kraft, etwa die großartige Ballade
über den Boxer Rubin Carter, auch "Hurricane"
genannt, der in einem unverhohlen rassistischen Prozeß
wegen Mordes verurteilt wird. Songs wie dieser verhindern,
daß sich anspruchsvollere Dylan-Fans wie Willi Winkler
voller Grausen von ihrem Idol abwenden. "Keiner ist so
erfolgreich gescheitert wie Bob Dylan", schreibt Winkler,
und dann, gegen Ende seines Buchs, darf er noch einmal jubeln.
Bob Dylans bislang letzte CD aus dem Jahr 1997, "Time
out of mind", wird auch vom Star-Feuilletonisten der
"Süddeutschen" als phänomenales Comeback
eingestuft. Grabesdunkel und mit unendlicher Melancholie trägt
Dylan kummergetränkte Balladen vor.
Willi Winklers Dylan-Biographie überzeugt mehr durch
prägnante Formulierungskünste als durch akkurate
Recherche. In der einen oder anderen Rezension ist der 200-Seiten-Band
auch schon böse verrissen worden. Um eines der schlechtesten
Dylan-Bücher aller Zeiten handle es sich, war zu lesen,
schlampig geschrieben und hastig auf den Markt geworfen, einzig
und allein, um zum Dylan-Jubiläum ein paar tausend Mark
Tantiemen abzustauben. Das Urteil ist zu hart. Aber es stimmt:
Winklers Monographie kann nicht wirklich, nicht restlos überzeugen.
Allerdings: Ein hübsches Buch für den Kaffeetisch
des Dylan-Afficionados ist es allemal geworden, nicht zuletzt
auch der eindrucksvollen Fotos wegen, mit denen der Band illustriert
ist. Und Bob Dylan selbst? Mit dem Meister ist noch immer
zu rechnen. Nachdem der zuletzt mit einem Oscar Geadelte vor
einiger Zeit auch eine gefährliche Herzbeutel-Entzündung
heil überstanden hat, darf man auf ein würdiges,
ein großes Alterswerk hoffen.
____________________
Gesendet in der Radio-Sendung "Kontext", Ö1,
Mai 2001.
Buchhinweis:
Willi Winkler: BOB DYLAN
Biographie, Alexander Fest Verlag (2001), 206 Seiten, ISBN:
3828600778.
Alle SACHBUCH-REZENSIONEN
im Überblick
|