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Rezensionen Sachbuch\Jürgen
Trimborn (2003)
JÜRGEN TRIMBORN: "DER HERR IM FRACK JOHANNES
HEESTERS"
Biographie
Rezension von Günter Kaindlstorfer
(Heesters
singt: "Lippen schweigen")
Diese Stimme hat Millionen betört, nicht nur in den dreißiger
und vierziger Jahren. Als Bonvivant vom Dienst, als Gesangsschmeichler
mit Charme hat Johannes Heesters sein Publikum jahrzehntelang
um den Finger gewickelt.
Der deutsche Filmhistoriker Jürgen Trimborn vor eineinhalb
Jahren mit einer fulminanten Leni-Riefenstahl-Monographie
hervorgetreten widmet jetzt auch dem Jahrhundertstar Johannes
Heesters eine opulente Biographie. Am Anfang sei der Künstler
seinem Buchprojekt durchaus reserviert gegenübergestanden,
erzählt Trimborn, zumal der Biograph ein durchaus kritisches
Buch zu schreiben gedachte. Dann aber habe sich Heesters ungewöhnlich
kooperativ gezeigt. Trimborn über seine Begegnung mit
dem alten Herrn:
OT Trimborn: "Ich bin auf einen Menschen gestoßen...
ein sehr perfektionistischer Mensch."
Ausführlich widmet sich Trimborn in seiner Biographie
den Heesterschen Kindheits- und Jugendjahren in Holland. Der
Sproß einer Kaufmannsfamilie aus Amersfoort feierte
schon als junger Sänger und Schauspieler beachtliche
Erfolge an niederländischen Bühnen. 1934 kam er
nach Wien. Der "Bettelstudent" an der Volksoper
brachte den ersten spektakulären Erfolg. Bald schon war
Heesters auf die Rolle des Herzensbrechers, des champagnerseligen
Frauenschwarms festgelegt. Gegenüber anderen Gesangsstars
jener Zeit hatte der niederländische Schmachttenor zwei
entscheidende Wettbewerbsvorteile. Erstens: Er konnte auch
Schauspielen. Zweitens: Er war ein wirklich fescher Kerl.
OT Trimborn: "Wenn man die anderen Tenöre...
Tauber, Kipura.... war er eigentlich schon der Publikumsliebling."
Man dürfe Heesters, den Film- und Bühnenstar, nicht
mit Heesters, dem Privatmann verwechseln, warnt Jürgen
Trimborn:
OT Trimborn: "Heesters hat immer die gleichen
Rollen... vor den Kameras dargestellt hat."
Heesters und das Dritte Reich ein unrühmliches Kapitel
in der Biographie des Schauspielers und Sängers. 1935
folgt der Operettenstar dem Ruf nach Berlin. Er wird zu einem
der populärsten Unterhaltungsstars des Dritten Reichs
die Theater in Berlin und München stehen ihm ebenso
offen wie die Filmstudios der UFA, in denen Heesters einen
Film nach dem anderen drehen wird. Heesters' offizielle Haltung
zu den Nazis schwankt zwischen Opportunismus und fein dosierter
Renitenz. So weigert sich der Sänger standhaft, in den
besetzten Niederlanden aufzutreten. Dennoch: Als Widerstandskämpfer
wird Jopie, der des Führers liebster Danilo war, wohl
nicht in die Annalen der deutschen Unterhaltungskultur eingehen.
OT Trimborn: "Heesters hat nichts gemacht...
dann eben passierte."
Eines der schwärzesten Daten in der Heesterschen Biographie
war der 21. Mai 1941. An diesem Tag besuchte der Sänger
zusammen mit einigen Ensemblemitgliedern des Münchner
Gärtnerplatztheaters auf Anweisung der SS das Konzentrationslager
Dachau. Mehrere Fotos belegen den Besuch des Stars im Todeslager.
Heesters bestreitet bis heute, dass er damals für die
SS getanzt und gesungen hätte. Jürgen Trimborn hat
trotz penibler Recherchen nicht herausfinden können,
ob Heesters dabei die Wahrheit sagt.
OT Trimborn: "Ich habe sehr intensiv geforscht...
ob es den gegeben hat oder nicht. Insofern bleibt die Tatsache...
Und Heesters hat immer gesagt: Ich bedaure das, und ich schäme
mich dafür, dass die SS und die Nazis es geschafft haben,
mich dort hinzubringen... formuliert haben."
Mit Johannes Heesters geht Jürgen Trimborn weitaus nicht
so hart ins Gericht wie er es vor eineinhalb Jahren mit Leni
Riefenstahl getan hat. Der 32jährige, in Köln lebende
Filmpublizist bemüht sich um eine ausgewogene, eine sachliche
Sicht der Dinge. Eine faire Biographie über einen höchst
umstrittenen Künstler.
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Gesendet in der Radio-Sendung "Kontext", Ö1,
November 2003.
Buchhinweis:
Jürgen Trimborn: DER HERR IM FRACK JOHANNES HEESTERS
Aufbau Verlag (2003), 528 Seiten, ISBN: 3351025556.
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