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Rezensionen Sachbuch\Hew Strachan (2004)
HEW STRACHAN: "DER ERSTE WELTKRIEG"
Eine neue illustrierte Geschichte, aus dem Englischen von
Helmut Ettinger
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Zehn
Millionen Tote, zwanzig Millionen Verwundete und die gigantische
Vernichtung materieller Ressourcen der Erste Weltkrieg war
der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, die Wiege auch späteren
Schreckens. Vieles von dem, was später kam, wäre
ohne das Trauma des großen Kriegs nicht denkbar gewesen:
nicht die russische Revolution und nicht der Siegeszug Hitlers,
auch die wirtschaftlichen Krisen der 20er Jahre nicht. Manche
Historiker sehen den Ersten und den Zweiten Weltkrieg als
Einheit, wir hätten es, so lautet ihre These, im Grunde
mit einem einzigen Krieg zwischen 1914 und 1945 zu tun. Der
schottische Militärhistoriker Hew Strachan Strachan
geschrieben kann mit dieser These nichts anfangen.
OT Strachan (ÜS): "Das kann man so sehen,
wenn man aus Deutschland oder Österreich kommt. Als Brite
oder Amerikaner stellt sich die Sache durchaus anders dar.
Es ist gefährlich, Geschichte aus der Perspektive der
Nachgeborenen zu betrachten. Wenn Sie den Ersten Weltkrieg
als Teil eines langen, dreißigjährigen Krieges
sehen, dann unterstellen Sie, dass die Menschen, die damals
im Feld standen, schon gewusst haben, dass auf den ersten
ein zweiter Krieg folgen würde. Also: Ich bin nicht glücklich
über diese Hypothese. Eine Sache ist allerdings interessant:
Einige Militärs auf deutsche Seite ich denke da an
Hindenburg und Ludendorff gingen durchaus davon aus, dass,
wenn Deutschland den Krieg verliert, noch ein zweiter Krieg
folgen könnte. Sie stellten Vergleiche mit Ersten Punischen
Krieg an, dem auch ein zweiter und ein dritter Krieg folgten.
So gesehen war das Konzept vom dreißigjährigen
Krieg auf deutsche Seite vielleicht angelegt, wer weiß.
Meiner Meinung nach müssen wir uns deutlich machen, dass
die Menschen 1918 wirklich davon ausgingen, dass der Krieg
zu Ende war, ja mehr noch, dass es ein Krieg war, der das
Ende aller Kriege bedeuten sollte."
Hew Strachan ist einer der weltweit profiliertesten Militärhistoriker.
Seine illustrierte Geschichte des Ersten Weltkriegs, soeben
bei Bertelsmann erschienen, ist das Nebenprodukt einer zehnteiligen
Fernseh-Serie, die der Oxford-Professor für den britischen
"Channel 4" erarbeitet hat. Interessant sind vor
allem die Farbfotografien, die Strachan aufgetrieben hat,
sie zeigen das Geschehen von damals in neuer, bisher unbekannter
Form.
Strachans Resümee des Ersten Weltkriegs: Das große
Morden war ein weitgehend sinnloses Unterfangen, das unsere
Welt und unsere Weltsicht bis heute prägt. In seinem
Buch bietet Strachan einen kompakten Überblick über
die Ereignisse von 1914 bis 1918. Gestützt auf unzählige
Augenzeugenberichte und umfassende Recherchen liefert der
gebürtige Schotte ein bedrückendes Bild der Schützengräben
an der Front, er beschreibt die Kämpfe, die Entbehrungen
und das Leid der Soldaten wie der Zivilbevölkerung. Österreich-Ungarn,
so meint Strachan, war militärisch auf einen Krieg dieser
Dimension nicht vorbereitet. Das Habsburgerreichs verfügte
über die schwächste Armee aller Großmächte
ohne deutsche Unterstützung hätte Österreich-Ungarn
den Krieg nur ein paar Monate durchhalten können.
OT Strachan (ÜS): "Österreich-Ungarn
war zwar stark genug, um einen Balkankrieg zu gewinnen, das
heißt, es konnte Serbien besiegen. Aber es konnte keinesfalls
einen Krieg gegen Serbien, Russland und Italien gewinnen,
dazu fehlten die militärischen Ressourcen. Viele Menschen
in Wien und Budapest haben zu Beginn des Jahres 1916 gesagt,
der Krieg muß in diesem Jahr zu Ende gehen, sonst gibt
es eine Katastrophe. Ohne deutsche Unterstützung wäre
der Krieg längst verloren gewesen, aber jetzt stemmte
sich Deutschland gegen Friedensverhandlungen. 1916 hatte Österreich-Ungarn
im Grunde alles erreicht, was es zu Beginn des Krieges erreichen
wollte: Serbien war besiegt, Galizien und Polen hatte man
überrannt, gegen Italien verteidigte man sich durchaus
erfolgreich. Das wäre ein guter Moment gewesen, den Krieg
zu beenden und einen guten Friedensvertrag auszuhandeln. Es
wäre einfach logisch gewesen."
Nur: Die deutschen Waffenbrüder ließen das nicht
zu. Wie bewertet Hew Strachan den Friedensvertrag von Versailles?
Es sei ein Mythos, so meint der Oxford-Historiker, dass der
Vertrag den Deutschen inakzeptabel harte Bedingungen auferlegt
hätte.
OT Strachan (ÜS): "Hitler hat den Vertrag
von Versailles als Rechtfertigung für seine revanchistischen
Ambitionen verwendet. Versailles als Unrechtsvertrag zu sehen,
das hieße die Perspektive Hitlers zu übernehmen.
Ich sehe es anders: Versailles war ein überaus ambitioniertes
Projekt, vielleicht noch ambitionierter als der Wiener Kongreß
von 1815. Beim Wiener Kongreß wollte man eine europäische
Friedensordnung nach den napoleonischen Kriegen schaffen,
in Versailles ging es um mehr: Es ging um eine globale Einigung,
um die Durchsetzung demokratischer Prinzipien, um das Selbstbestimmungsrecht
der Völker, das Woodrow Wilson postuliert hat, und um
die Schaffung eines möglichst verbindlichen Völkerrechts.
Das sind bis heute Ecksteine des internationalen Zusammenlebens
geblieben. Also, ich sehe Versailles in einem durchaus positiven
Licht: Und die Bedingungen für Deutschland waren keineswegs
so hart, wie es die nationalistische Propaganda in München
und Berlin darstellen wollte. Die Höhe der Reparationszahlungen
entsprach ungefähr dem, was Deutschland Frankreich 1871
auferlegt hat. Also, Deutschland ist nach dem Ersten Weltkrieg
gar nicht so schlecht ausgestiegen, wie immer wieder behauptet
wird. Die Friedenskonditionen für Ungarn, Österreich
und das Osmanische Reich waren ähnlich hart oder nicht
hart wie für Deutschland in keinem dieser Länder
ist es zu revisionistischen Bestrebungen gekommen wie in Deutschland
nach Versailles."
Das ist die Perspektive eines Briten, selbstverständlich.
In Deutschland wird man das vermutlich anders sehen, auch
heute noch. Eines der großen Verdienste von Strahans
Buch ist es, die globale Dimension des Ersten Weltkriegs hervorzuheben.
In den Augen vieler Historiker weitet sich der Erste Weltkrieg
erst 1917 zu einem echten Weltkrieg aus mit der Revolution
in Russland und mit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten.
Strachan sieht das anders.
OT Strachan (ÜS): "Meiner Ansicht nach ist
es von Beginn an ein globaler Krieg. Vergessen Sie nicht:
Mit Ausnahme Österreich-Ungarns sind fast ausschließlich
Kolonialmächte in den Krieg involviert, das heißt,
Afrika und Asien werden zu Kriegsschauplätzen, Australien,
Neuseeland und Kanada treten gleich zu Beginn in den Krieg
ein. Und London war damals das Weltzentrum des Geldmarkts,
des Versicherungsmarkts und Schiffsmarkts. Also, die Verstrickungen
waren global, von Anfang an."
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Gesendet in der Radio-Sendung "Kontext", Ö1,
April 2004.
Buchhinweis:
Hew Strachan: DER ERSTE WELTKRIEG
Bertelsmann Verlag (2004), 448 Seiten, ISBN: 3570007774.
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