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Rezensionen Sachbuch\Susan Sontag (2003)
SUSAN SONTAG: "DAS LEIDEN ANDERER BETRACHTEN"
Aus dem Englischen von Reinhard Kaiser
Rezension von Günter Kaindlstorfer
In
ihrer berühmten Essaysammlung "Über Fotografie"
aus dem Jahr 1977 beschreibt Susan Sontag eine "persönliche
Urszene". Im Juli 1945 stößt sie in einer
Buchhandlung in Santa Monica zufällig auf Fotografien
aus den befreiten Konzentrationslagern von Dachau und Bergen-Belsen.
Susan Sontag, damals zwölf Jahre alt, ist zutiefst schockiert.
Zitat:
"Nichts, was ich jemals gesehen habe ob auf Fotos
oder in der Realität hat mich so jäh, so tief,
so unmittelbar getroffen. Und seither erschien es mir ganz
selbstverständlich, mein Leben in zwei Abschnitte einzuteilen:
in die Zeit, bevor ich diese Fotos sah und in die Zeit danach."
"Das Leiden anderer betrachten" ist die Fortsetzung
der berühmten Sontagschen Foto-Essays aus den siebziger
Jahren. Dabei nimmt die New Yorker Autorin eine bemerkenswerte
Akzentverschiebung vor, man könnte auch sagen: eine kritische
Revision ihrer damaligen Ansichten. Stand in den Untersuchungen
der 70er-Jahre das manipulative Potential der Fotografie im
Vordergrund, der inflationäre und notwendig abstumpfend
sich auswirkende Gebrauch, den die modernen Massenmedien von
Bildern und Fotos machen, mit einem Wort: ging Susan Sontag
vor zweieinhalb Jahrzehnten eher kritisch mit den Möglichkeiten
des Mediums ins Gericht, betont sie heute die aufklärerischen
Potentiale der Fotografie. Ein Beispiel: "Kriege, von
denen es keine Fotos gibt, werden vergessen", schreibt
sie. Trotzdem, Susan Sontag ist weit davon entfernt, die Möglichkeiten
des Mediums unkritisch zu bewerten. Die Drastik der modernen
Kriegs- und Katastrophenfotografie hat in ihren Augen durchaus
problematische Seiten. Bombenanschläge und Massaker aller
Art sind heute ja fester Bestandteil des abendlichen Pantoffelkinos.
Ob wir wollen oder nicht: Grauenhaftigkeiten und Brutalitäten
aller Art werden uns von tollkühnen Kameramännern
und reaktionsschnellen Vor-Ort-Journalisten abend für
abend frei Haus geliefert. Sontag schreibt:
Zitat:
"Zuschauer bei Katastrophen sein, die sich in einem
anderen Land ereignen, ist eine durch und durch moderne Erfahrung...
Kriege, das sind inzwischen auch Bilder und Töne, die
uns im Wohnzimmer erreichen. 'If it bleeds, it leads', lautet
seit jeher die Faustregel der Massenpresse und der Nachrichtenkanäle:
Blut zieht immer."
Blut zieht immer, das wußte auch der englische Philosoph
Edmund Burke, der 1757 die scharfsichtigen Sätze notierte:
"Ich bin überzeugt, daß wir ein gewisses Maß
an Entzücken, und zwar kein geringes, angesichts der
Mißgeschicke und Leiden anderer empfinden." Burke
hatte recht, schließlich man muß sich auch heute
fragen: Warum füllen die Fernsehsender ihre Programme
unaufhörlich mit Berichten über Naturkatastrophen
und Morde, über Terrorattacken, Eifersuchtsskandale,
tödliche Epidemien? Susan Sontag versucht eine Antwort:
Weil die Liebe zum Unheil dem Menschen genauso eingeschrieben
ist wie die Fähigkeit zum Mitleid. Wir alle sind Voyeure
des Grauens, darüber macht sich Sontag keine Illusionen.
Aber welche Schlüsse zieht sie daraus? Schwer zu sagen:
Eine klare, griffige These formuliert die US-amerikanische
Essayistin in ihrem Buch nicht. Der 150-Seiten-Band bietet
lockere und ziemlich unsystematische Betrachtungen zum Thema
Fotografie, mal banal, mal brillant, mal erhellend, dann wieder
altbekannt. Susan Sontag geht weit zurück in die Kunstgeschichte,
zu Leonardo da Vinci, zu Goya und anderen Künstlern,
die sich mit der Darstellung des Krieges beschäftigt
haben bis hin zu den fotografischen Frontberichterstattern
des Krimkriegs und des amerikanischen Bürgerkriegs.
Schon Leonardo da Vinci hat vor mehr als 500 Jahren gefordert:
Ein Schlachtengemälde müsse vor allem Entsetzen
hervorrufen. Eine Forderung, der sich wohl auch kritische
Kriegsberichterstatter unserer Tage anschließen würden.
Aber Vorsicht: Es gibt auch so etwas wie eine Routine des
Entsetzens auch die aufrüttelndsten Fotoreportagen,
auch die grausigsten Dokumentarszenen im Fernsehen verlieren
nach der hundersten Wiederholung ihren Schock- und Appellcharakter.
Wer den Fernsehapparat am zwölften oder dreizehnten September
2001 entnervt ausgeschaltet hat, weil auf dem Bildschirm gerade
wieder eine Boeing 767 ins World Trade Center geflogen ist,
weiß, wovon die Rede ist. Bei den KZ-Fotos aus Dachau
und Bergen-Belsen mag das anders sein sie vermögen
auch heute noch zu schockieren, wie Susan Sontag einräumt.
Trotzdem: Die US-amerikanische Autorin warnt davor, die Möglichkeiten
des Mediums Fotografie zu überschätzen:
Zitat:
"Quälende Fotos verlieren nicht unbedingt ihre
Kraft zu schockieren. Aber wenn es darum geht, etwas zu begreifen,
helfen sie kaum weiter. Erzählungen können uns etwas
verständlich machen. Fotos tun etwas anderes: sie suchen
uns heim und lassen uns nicht mehr los. Nehmen wir eines der
unvergeßlichen Bilder aus dem Krieg in Bosnien, ein
Foto, über das John Kifner, ein Auslandskorrespondent
der 'New York Times', schrieb: 'Das Bild ist vollkommen nüchtern,
eines der eindringlichsten aus den Balkankriegen: ein Angehöriger
der serbischen Miliz versetzt einer sterbenden muslimischen
Frau im Vorübergehen einen Tritt gegen den Kopf. Das
sagt einem alles, was man wissen muß.' John Kifner irrt.
Selbstverständlich sagt uns dieses Bild nicht alles,
was man wissen muß."
Auf keinen Fall dürfe man sich der Suggestiv- und Sogkraft
solcher Fotos kritiklos überlassen, fordert Susan Sontag.
Ohne solide Recherche, ohne die Kenntnis von Daten und Fakten
und vor allem: ohne kritische Analyse bleiben der Manipulation
Tür und Tor geöffnet.
Zitat:
"Jedes Foto wartet auf eine Bildlegende, die es erklärt
oder fälscht. Während der Kämpfe zwischen
Serben und Kroaten zu Beginn der jüngsten Balkankriege
wurden von der serbischen und der kroatischen Propaganda die
gleichen Fotos von Kindern verteilt, die bei der Beschießung
eines Dorfes getötet worden waren. Man brauchte nur die
Bildlegende zu verändern, und schon ließ sich der
Tod dieser Kinder so und anders nutzen."
Auch wenn Mißtrauen grundsätzlich angebracht ist:
Aufrüttelnde Film- und Fotoberichte haben vor allem in
der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahhrunderts häufig
dazu beigetragen, Kriege zu beenden und menschliches Leid
zu mildern, ob in Vietnam oder Bosnien, in Ruanda, Mocambique
oder Biafra. Das erkennt Susan Sontag ausdrücklich an.
Trotzdem postuliert die New Yorker Autorin den Primat des
Texts. Jedes Bild entstehe schließlich in einem bestimmten
sozialen und politischen Kontext. Diesen Kontext aufzudecken
das vermag nur die Erzählung, die kritische Analyse.
In diesem Licht läßt sich wohl auch verstehen,
warum Susan Sontag Schriftstellerin geworden ist, nicht Fotografin.
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Gesendet in der Radio-Sendung "Kontext", Ö1,
September 2003.
Buchhinweis:
Susan Sontag: DAS LEIDEN ANDERER BETRACHTEN
Hanser Verlag (2003), 144 Seiten, ISBN: 3446203966.
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