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Rezensionen Sachbuch\Dietrich
Schwanitz (2001)
DIETRICH SCHWANITZ: "MÄNNER EINE SPEZIES WIRD
BESICHTIGT"
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Irgendwie
hat Dietrich Schwanitz ja was Erfrischendes. Er stromert als
angriffslustiger Hecht durch den linksliberalen Karpfenteich
der deutschen Öffentlichkeit und erschreckt das rot-grüne-Establishment
ein aufgeklärter Konservativer, ein rechter Provokateur,
der die Gewißheiten der 68er und ihrer Nachfolger gehörig
durcheinanderwirbelt. Jetzt hat sich Herr Schwanitz das Thema
"Geschlechterdifferenz" vorgenommen. Seine These:
Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen. Der
einstige Anglistik-Professor aus Hamburg schlüpft in
die Rolle des ironischen Männer-Kritikers: Männer
seien schlampig, angeberisch, gefühlsunfähig und
verantwortungslos, schreibt er.
Allerdings: Schwanitz spricht seine Geschlechtsgenossen unverzüglich
von jeder Verantwortung frei, denn: Sie könnten gar nicht
anders die Natur hat ihnen das Schicksal auferlegt, unappetitlich
zu sein. "Unsere Gene sind die wahren Machos", schreibt
der Autor. Wer sich dabei an die verschimmelten Weisheiten
des Biologismus unseligen Angedenkens erinnert fühlt,
liegt vermutlich gar nicht so falsch. Es ist reichlich abgestandene
Kost, die Schwanitz hier serviert. Man könne das Phänomen
Mann nur verstehen, behauptet er, wenn wir uns auf die Arbeits-Teilung
der Urhorde besinnen.
Zitat:
"Stellen wir uns vor, die Zivilisation sei ein hübsch
eingerichtetes Zimmer: Die Möbel sind geschmackvoll und
durchdacht arrangiert, der Teppich paßt farblich perfekt,
die Tapete ist ein Traum, und die dekorativen Blumensträuße
verleihen dem Ganzen eine heitere und frische Note. Steht
uns das Bild deutlich vor Augen? Ja? Dann wird uns sofort
klar: Der Mann paßt nicht in die Zivilisation. Sie ist
einfach nicht sein Biotop."
Wohlaufgeräumte Zimmer machen Männer nervös,
erklärt Schwanitz. Als willenlose Sklaven des Testosterons
könnten sie gar nicht anders, als das von der liebenden
Gefährtin so gefällig arrangierte Wohn-Idyll skrupellos
wieder zu zerstören.
Zitat:
"Auf der Suche nach seiner Zeitung wird der Mann das
Zimmer rücksichtslos durchpflügen, Möbel beiseite
schleudern und eine Schneise der Verwüstung in die Zivilisation
schlagen. Fällt er gar in Form einer Horde von Kumpanen
in das Zimmer ein, um sich dort einem Gelage, einer Skatrunde
oder der Besichtigung eines Fußballspiels im Fernsehen
zu widmen, so wird man nachher die Zivilisation nicht mehr
wiedererkennen."
Es ist das alte, reaktionäre Rollenklischee, dem Schwanitz
hier ein wenig originelles Comeback verschafft. Der Mann als
Anarch, als vitaler Barbar, der die muffigen Salons der Zivilisation
mit frischem Wind durchlüftet, ein Hunne des 21. Jahrhunderts,
ein SA-Mann des Alltags. Dietrich Schwanitz legt natürlich
größten Wert darauf, nicht als naturtrüber
Stammtisch-Macho von vorgestern zu erscheinen, und so braut
er in seinem Buch einen gefälligen Sud aus konservativen
Geschlechter-Stereotypen und pseudo-einfühlsamem Psycho-Gesülze.
Ohne Rekurs auf die Urhorde kommt er allerdings auch in seinen
psychoanalytischen Auslassungen nicht aus. Seit Menschen in
Rudeln und zivilisierteren Kollektiven zusammenwohnen, schreibt
er, würde Männlichkeit gesellschaftlich konstituiert.
Als Kind noch dürfe sich der Bub wie ein Mädchen
benehmen, er dürfe weinen, Ängste äußern
und sich ohne Furcht vor Entehrung seinen Gefühlen hingeben.
In den Initiationsriten der vormodernen Kulturen, die heute
in verwandelter Form nach wie vor wirkungsmächtig seien,
erfolge dann der Bruch, referiert Schwanitz. In diesen Riten
würde der Mann erst zum Manne gemacht.
Zitat:
"Irgendwann, um die Zeit der Pubertät herum,
wird der Knabe von den Frauen und Mädchen getrennt und
einem Härtetest unterworfen. Alle Kulturen kennen diese
Prozedur. Dabei werden die Knaben aus der Gesellschaft entfernt
und in die Wildnis geschickt. Hier verlieren sie ihre bisherige
Identität. Sie müssen lernen, die Einsamkeit und
die Verlorenheit auszuhalten, die mit dieser Grenzsituation
verbunden sind. Der Junge wird gewissermaßen mit dem
Nichts konfrontiert. Seine alte Rolle als Kind wird in ihm
selbst vernichtet. Er muß ihre Nichtigkeit erlebt haben."
In der Pubertät lerne der junge Mann, seine Gefühle
zu unterdrücken, behauptet Schwanitz. Und das zeitige
unerfreuliche Auswirkungen. Nachdem er die Konfrontation mit
Schmerz, Angst und Tod übestanden habe, überkomme
den Mann ein merkwürdiges Überlegenheitsgefühl
gegenüber all denen, die diesen Härtetest nicht
mitgemacht hätten, gegenüber Frauen und Kindern
beispielsweise. Aber ach, die maskuline Sicherheit sei eine
brüchige, denn fortan lebe der Mann in der ausgesetzten
Angst, daß sein männliches Ich unter dem Druck
der heroischen Anforderungen wieder zerbreche. Dann würde
er, was für eine Schmach, wieder zum Kind oder zur Frau.
Deshalb müsse sich der Mann in regelmäßigen
Abständen, schreibt Schwanitz, seiner Männlichkeit
von neuem versichern. Er tue das im rituellen Zusammentreffen
mit seinen Geschlechtsgenossen. In Anfällen kollektiver
Barbarei schöpfe er dann Kraft für den Daseinskampf
als Fußballfan beispielsweise. Das Verhalten von
Fußballfans weise verblüffende Parallelen zu den
Ritualen prähistorischer Stammeskrieger auf.
Zitat:
"Zu bestimmten Zeiten, wenn die Buschtrommel des HSV
ins Volksparkstadion oder die des 1. FC Kaiserslautern auf
den Betzenberg ruft, verlassen die Fans ihre Lehmhütten,
begeben sich zu den Versammlungsplätzen der Männer,
nehmen berauschende Getränke oder Drogen ein, schmücken
sich mit den Totems des Stammes und tragen auf ihrer Haut
die Farben der Kriegsbemalung auf. Dann marschieren sie gemeinsam
zu den Kultstätten des Kampfes. Dort verfallen sie in
stundenlange Schlachtgesänge, die abwechselnd der Lobpreisung
des eigenen Stammes und der Herabwürdigung des Gegners
gewidmet sind."
Möchte eine Frau also wissen, was für ein Wesen
ihr Wohnungsgenosse wirklich ist, schreibt Schwanitz, dann
sollte sie sich eine Beruhigungstablette einwerfen und eine
Karte für Fankurve im Fußballstadion lösen.
Dort würde sie endlich das natürliche Soziotop ihres
Lebensabschnittspartners zu Gesicht bekommen. Von dieser Art
sind die Weisheiten, die Dietrich Schwanitz für die Leser
seines neuen Buchs bereithält. Der Bestseller-Autor aus
Hamburg präsentiert sich als hanseatischer Schmalspur-Weininger,
als augenzwinkernder Chauvie, der sich um Originalität
bemüht und dabei auch vor plattesten Klischees nicht
zurückschreckt. Wie käme er sonst zu Diagnosen wie
dieser?
Zitat:
"Der Mann fühlt sich in der Zivilisation einfach
nicht heimisch. Ihm das vorzuwerfen, hieße, einem Büffel
darüber Vorhaltungen zu machen, daß ein Antiquitätenladen
nicht seine natürliche Umwelt darstellt. Und so wie der
Büffel große Flächen von Steppe mit Tümpeln
und Schlammlöchern braucht, so braucht der Mann Hobbykeller,
Garagen, Sportplätze und Kneipen, wo er sich in Gesellschaft
anderer Männer suhlen kann."
Dietrich Schwanitz suhlt sich in biedersten Stereotypen.
Wenn sein Buch auf geistreiche Weise reaktionär wäre,
dann könnte man darüber streiten. Weil die zentralen
Thesen des Druckwerks aber nur eines sind, spießig,
lohnt sich das eigentlich auch nicht.
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Gesendet in der Radio-Sendung "Kontext", Ö1,
Mai 2001.
Buchhinweis:
Dietrich Schwanitz: MÄNNER EINE SPEZIES WIRD BESICHTIG
Eichborn Verlag (2001), 328 Seiten, ISBN: 3821808586.
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