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Rezensionen Sachbuch\Joachim Radkau
(2006)
JOACHIM RADKAU: "MAX WEBER DIE LEIDENSCHAFT
DES DENKENS"
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Max
Weber ist eine der Ikonen der modernen Sozialwissenschaft.
An seiner Theorie der Moderne kommt kein Studierender der
Soziologie vorbei. Die Entzauberung der Welt durch die moderne
Rationalität, die Geburt des Kapitalismus aus dem Geist
der puritanischen Ethik, die strikte Trennung von Gesinnungs-
und Verantwortungs-Ethik, all das sind Webersche Topoi, die
auch dem durchschnittlich Gebildeten zumindest in groben Zügen
ein Begriff sind.
Die Zahl der Titel, die weltweit über den soziologischen
Meisterdenker publiziert werden, geht in die zehntausende.
Erstaunlich, daß es bis jetzt keine ernstzunehmende
Biographie Max Webers gegeben hat. Der Bielefelder Historiker
Joachim Radkau hat da nun Abhilfe geschaffen: Radkau hat sich
durch Berge von Sekundärliteratur gearbeitet, er hat
Webers mehr als unübersichtlichen Nachlaß aufgearbeitet
und er hat vor allem einen originellen und kompromisslosen
Zugang zu Weber und seinem Werk gefunden. Ein solches Unterfangen
braucht natürlich Platz: Radkaus Biographie umfasst,
Anmerkungsapparat inklusive, ziemlich genau 1000 Seiten.
In der von trockener Seminarluft umwehten Gemeinde der Weber-Adoranten
wird sich Radkau mit seinem Werk wohl eher wenig Freunde machen.
Abgesehen davon, daß man in diesem Milieu der Genre
der Biographik tendenziell skeptisch gegenübersteht,
ist das von Radkau gezeichnete Weber-Bild auch keineswegs
dazu angetan, das Ansehen des Gelehrten in den doch eher kopfgesteuerten
Kreisen der akademischen Zunft zu mehren. Das hängt nicht
zuletzt mit dem Tonfall und mit der Stoßrichtung dieser
Biographie zusammen: Joachim Radkau zeichnet Max Weber als
sexuell verklemmten Bourgeois, als wilhelminischen Neurotiker
mit manisch-depressiven Zügen. Seine bahnbrechenden Einsichten
musste Weber, so Radkaus These, einer prekären psychischen
Disposition abringen.
Max Weber, Jahrgang 1864, entstammte einer angesehenen preußischen
Familie: Sein Vater saß ein knappes Jahrzehnt als Abgeordneter
der Nationalliberalen im deutschen Reichstag, Mutter Helene,
eine fromme Protestantin, engagierte sich im Stil der Zeit
in der Armenfürsorge. Vor allem die Mutter scheint eine
Schlüsselfigur in Webers Leben gewesen zu sein. Radkau
schildert sie als hyperaktive Grenzüberschreiterin, die
sich mit größter Selbstverständlichkeit in
Dinge einmischte, die sich nichts angingen, in das Sexual-
und Liebesleben ihres Sohnes zum Beispiel. Max war ein kränkliches
Kind. Mit zwei erkrankte er an Gehirnhautentzündung,
erst nach mehrjähriger Rekonvaleszenz wurde er wieder
leidlich gesund. Eine Schlüsselerfahrung der Weberschen
Biographie, wie Joachim Radkau betont.
Zitat:
"Max Webers Stellung in der Familie war von Anfang
an zwiespältig: Auf der einen Seite war er das Sorgenkind,
auf der anderen "der Große", der erste in
einer Reihe von acht Kindern, von denen sechs das Erwachsenenalter
erreichten."
Max Weber wächst in einer klassisch bürgerlichen
Familie auf. Seine Interessen werden nach Kräften gefördert.
Er studiert Nationalökonomie und Jura 1893 heiratet er
die spätere Soziologin und Frauenrechtlerin Marianne
Schnitger. Ein Jahr später tritt er seine erste Professor
in Freiburg im Breisgau an, als Nationalökonom. Marianne
und Max Weber führen eine kinderlose und vor allem: eine
ganz und gar asexuelle Ehe.
Ausgiebig widmet sich Radkau in seiner Biographie den Höhen
und Tiefen eben dieser Ehe. Wenn man den Recherchen des Bielefelder
Historikers glauben darf, dann hat Weber die längste
Zeit seines Lebens mit quälerischen sexuellen Problemen
zu kämpfen gehabt. Infolge Impotenz und tiefsitzender
Sexualangst war er viele Jahre lang nicht in der Lage, mit
seiner Frau geschlechtlich zu verkehren. Radkau glaubt gar
zu wissen, daß Max und Marianne Weber während ihrer
ganzen, 27 Jahre währenden Ehe kein einziges Mal miteinander
geschlafen haben.
Weber versucht das erotische Unglück durch manischen
Arbeitseifer zu kompensieren. Er stürzt sich in die Arbeit,
als hinge sein Überleben davon ab. Freunde und Kollegen
schildern ihn als hypernervösen Choleriker. Der Ökonom
Moritz Julius Bonn, ein Zeitgenosse, erblickte in Webers Charakter
"ein großes Stück urgermanischen Barbarentums
das manchmal tobend alle Hüllen sprengte".
Radkaus These: Es war der unerlöste Sexus, der da in
Weber wütete, eine "Unerlöstheit", die
sich nicht zuletzt auch in der fahrigen Handschrift des Soziologen
manifestierte:
Zitat:
"Ein Horror für Biographen ist Webers flüchtig-flatterige
Handschrift. Sie war schon der Schrecken derer, die seine
Briefe empfingen, ebenso wie der Schriftsetzer, die aus seinen
Manuskripten nicht klug werden konnten. Diese Handschrift
zeugt von einer erstaunlichen Rücksichtslosigkeit gegenüber
den Adressaten, aber auch von einer Unfähigkeit, die
eigene Körpermotorik zu beherrschen."
Rücksichtslos war Max Weber auch gegen sich selbst.
Seine Arbeitsmanie kannte keine Grenzen. Im Sommer 1898 erlitt
er einen schweren Zusammenbruch. Heute würde man sagen:
Der Soziologe wurde zum Opfer eines massiven Burn-Out-Syndroms,
garniert mit schweren und schwersten Depressionen. Die Diagnose
damals: Neurasthenie. Weber suchte Heilung in diversen Kurorten
am Bodensee und auf der Schwäbischen Alb vergebens.
Einige Reisen ins Mediterrane nach Korsika und Italien
brachten mit der Zeit doch so etwas wie Genesung. Weber gewann
allmählich die Fähigkeit zu wissenschaftlicher Arbeit
zurück. Erst gegen Ende seines Lebens gelang es ihm sogar,
seine sexuellen Bedürfnisse einigermaßen frei auszuleben.
Biograph Radkau hat seine Studie in drei große Blöcke
unterteilt. Erstens: "Die Vergewaltigung der Natur".
Zweitens: "Die Rache der Natur". Drittens: "Erlösung
und Erleuchtung". Erlösung und Erleuchtung scheint
Max Weber nicht zuletzt in den Armen zweier Frauen gefunden
zu haben, mit denen er sich in den Jahren ab 1912 außerehelich
zu vergnügen begann: in den Armen der Pianistin Mina
Tobler und in jenen von Else Jaffé, einer schönen
Nonkonformistin, die zu den ersten Frauen gehörte, die
in Deutschland promovierten. Bei Else Jaffé findet
Max Weber jene Form der sexuellen Erfüllung, nach der
er sich offenbar ein Leben lang gesehnt hat: Es ist die Wollust
des Beherrschtwerdens, die ihm bei Else in reichem Maße
zuteil wird.
Die erotische Horizonterweiterung scheint sich segensreich
auf Webers Produktivität ausgewirkt zu haben. In seinem
letzten Lebensjahrzehnt er stirbt 1920 an den Spätfolgen
der Spanischen Grippe bringt der Soziologe epochale Texte
über "Politik als Beruf", die Wirtschaftsethik
der Weltreligionen und andere bedeutende Werke zu Papier.
Auch wenn das alles in der gerafften Nacherzähltung
ein wenig spekulativ klingt: Joachim Radkau hat eine in jeder
Hinsicht imponierende Biographie vorgelegt. Der Bielefelder
Historiker schreibt auf Augenhöhe mit den Erkenntnissen
der jüngsten Weber-Forschung, die er mit seiner Biographie
zugleich auch ein Stück vorantreibt. Hut ab vor dieser
Leistung.
Die Arbeit an einem solchen Buch muß natürlich
auch den versiertesten Biographen in gewisse Identifikationsprobleme
verstricken. Joachim Radkau weiß ein Lied davon zu singen:
Während der Arbeit an seinem Werk, so enthüllt er
in seinem Vorwort, sei er mehrere Monate lang in eine Depression
geschlittert, die der Weberschen zum Verwechseln ähnlich
gesehen hat. Nach der Lektüre dieser eindrucksvollen
Max-Weber-Biographie muß man sagen: Radkaus Depression
hat sich ausgezahlt.
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Gesendet in der Radiosendung "Kontext", Ö1,
Juli 2006.
Buchhinweis:
Joachim Radkau: MAX WEBER DIE LEIDENSCHAFT DES DENKENS
Hanser Verlag (2005), 1008 Seiten, ISBN-10: 3446206752.
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