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Rezensionen Sachbuch\Simon Sebag
Montefiore (2008)
SIMON SEBAG MONTEFIORE: "DER JUNGE STALIN"
Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Leo
Trotzki ließ kein gutes Haar an seinem Widersacher:
Für ihn war Josef Stalin die personifzierte Mittelmäßigkeit,
ein einfältiger Provinzler, der zu weitsichtiger Analyse
und differenziertem Denken nicht fähig war. Ein Stalin-Bild,
dem Simon Sebag Montefiore in seiner aufsehenerregenden Biographie
des jugendlichen Tyrannen vehement widerspricht. Der 1878
in der georgischen Kleinstadt Gori geborene Schuhmachersohn
Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili war in Montefiores Augen
eine hochbegabte, aber moralisch defekte Persönlichkeit,
die bereits in jungen Jahren mit verblüffenden Talenten
von sich reden machte: auf intellektuellem, literarischem
und sogar musikalischem Gebiet.
Montefiore gelingt es in seinem 500 Seiten starken Werk,
ein ebenso fesselndes wie differenziertes Bild der Stalinschen
Kindheit und Jugend zu zeichnen. Stalins Vater, ein Alkoholiker,
besaß eine Schuhmacherwerkstatt mit mehreren Lehrlingen,
seine Mutter, eine attraktive junge Frau, vergötterte
den kleinen Josef, den sie wie alle anderen "Sosso"
nannte, weckte in ihm früh die Liebe zu Blumen und zu
den Liedern der georgischen Heimat. Stalins Gebärerin
und Nährerin, so Montefiore, gab ihrem Sohn von früh
auf das Gefühl, zu Höherem geboren zu sein, nach
Freud die sicherste Methode, in empfindsamen Knabenseelen
extreme Größenphantasien zu entwickeln. Und so
ließ Stalin bereits in zartem Knabenalter ein gebieterisches
Selbstbewußtsein erkennen. Zugleich, und das dürfte
entscheidend für seine spätere Entwicklung gewesen
sein, versank der Vater immer tiefer in den Zwängen seiner
Sucht. Der Schuhmacher Wissarion Dschugaschwili vernachlässigte
sein Geschäft, misshandelte seine Frau, verdrosch den
Sohn, oft mehrmals am Tag. Bei diesen Prügelexzessen
konnte sich Dschugaschwili senior in regelrechte Rasereien
hineinsteigern. Einmal schleuderte er den Vierjährigen
Sosso so heftig zu Boden, berichtet Montefiore, daß
der Kleine tagelang Blut im Urin hatte.
Eine verzärtelnde Mutter und ein gewalttätiger,
dem Alkohol ergebener Vater - eine unheilvolle Konstellation,
die auf frappierende Weise an die familiären Verhältnisse
im Hause eines elf Jahre nach Stalin geborenen Zollamtsoberoffizial-Sohns
aus Oberösterreich erinnert: an Adolf Hitler. Gewaltgetränkt
war die Atmosphäre der Stalinschen Kindheit auch abseits
des Elternhauses. Sosso wuchs als Straßenbub in einer
Welt gewalttätiger Jugendbanden auf, Banden, die im traditionell
machistischen Georgien noch um einiges brutaler, archaischer,
gewaltversessener waren als andernorts. Zugleich erwies sich
Sosso als engagierter, auffallend intelligenter Schüler,
der nicht nur als Klassenprimus in verschiedenen Fächern,
sondern auch als Chorknabe gute Figur machte. Mit 16 durfte
er auf Initiative seiner frommen Mutter ins orthodoxe Pristerseminar
von Tiflis wechseln, DER damaligen Eliteschule Georgiens.
Simon Sebag Montefiore zeichnet dieses Internat als totalitäre
Zwangsanstalt, in der die Mönche ihre Schüler nach
Kräften drangsalierten. Das Priesterseminar von Tiflis
bot Stalin nicht nur machttechnisch erstklassigen Anschauungsunterricht,
es gab ihm auch intellektuell jenes Rüstzeug zur Hand,
das er für seine spätere Karriere als Politiker
gut gebrauchen konnte. Montefiore schreibt:
Zitat:
"Stalins Erfolg gründet zumindest teilweise auf
der Verbindung von höherer Bildung die er dem Priesterseminar
verdankte und Straßengewalt. Er war, was selten ist,
sowohl ein ,Intelligenzler', als auch ein Mörder."
Im Priesterseminar wandelte sich Sosso, der Vorzugsschüler,
zum Rebellen. Nachts im Bett liest er verbotene Bücher.
Die Lektüre von Emile Zola, Charles Darwin, Karl Marx
macht ihn zum Atheisten. Zusammen mit Mitschülern gründet
er einen illegalen Lese- und Studienzirkel. Man sympathisiert
mit radikalen antizarisischen Gruppen. Stalin wird Marxist,
schließt sich, nachdem er wegen fortgesetzter Renitenz
des Priesterseminars verwiesen wird, der "Sozialdemokratischen
Arbeiterpartei Rußlands" an, aus denen nach mancherlei
Spaltungen und Zersplitterungen schließlich die Bolschewiki
hervorgehen werden.
Anschaulich schildert Simon Sebag Montefiore die politische
Atmosphäre im Tiflis der späten 1890er Jahre. Soziale
und nationale Spannungen sorgen für fortwährende
Unruhen in der Stadt. Georgische Nationalisten und internationalistisch
orientierte Sozialisten kämpfen um die Vorherrschaft
im anti-zaristischen Befreiungskampf. Die Methoden der revolutionären
Linken sind alles andere als zimperlich. Raubüberfälle
gehören ebenso zum revolutionären Repertoire wie
Fememorde, Attentate und Bombenanschläge mit Dutzenden
Toten. Die Grenzen zum organisierten Verbrechen sind fließend.
Mitten im Geschehen: Josef Stalin.
Zitat:
"Zum ersten Mal lässt sich seine Rolle bei Banküberfällen,
Schutzgelderpressungen, Brandstiftungen, Piraterien und Morden
dokumentieren... Dabei war Stalin mehr als ein Gangsterboß:
Er war auch ein begabter politischer Organisator, Vollstrecker
und Meister in der Unterwanderung der zaristischen Sicherheitsdienste."
Der junge Stalin machte rasch Furore als Mastermind des bolschewistischen
Terrors. Das Geld, das seine Leute bei ihren Raubüberfällen
erbeuten, läßt er ohne größere Abzweigungen
zu Lenin ins Ausland überweisen. Wladimir Illjitsch Uljanow,
der Führer der Bolschewisten, weiß die Dienste
seines kaukasischen Verbindungsmanns durchaus zu schätzen.
Als eine georgische Mischung aus Andreas Bader und Al Capone
organisiert der Mittzwanziger Josef Stalin Banküberfälle,
Schutzgelderpressungen und Schiffskaperungen, er gibt Fememorde
und politische Attentate in Auftrag, zugleich inszeniert er
Streiks und Massendemonstrationen, erweist sich auch als hochbegabter
Publizist. Unter wechselnden Pseudonymen gibt Stalin manchmal
fast im Alleingang revolutionäre Zeitungen heraus.
Dabei verstrickt sich der junge Revolutionär immer tiefer
in das System der sogenannten "Konspirazija", ein
Schlüsselbegriff zum Verständnis der Stalinschen
Persönlichkeit. "Konspirazija" heißt:
Revolutionäre Kampforganisationen und zaristische Geheimpolizei
durchdringen einander oft bis zur Ununterscheidbarkeit. Dostojewski
hat diesen Mechanismus in seinen "Dämonen"
eindrucksvoll beschrieben. Die zaristische Ochrana, der nach
Montefiores Einschätzung "beste Geheimdienst"
seiner Zeit, schleuste hunderte und tausende Spitzel in die
revolutionären Organisationen ein. Die Ochrana-Agenten
erforschten nicht nur das Innenleben der oppositionellen Gruppen,
sie leiteten sie bisweilen sogar. Der zaristische Geheimdienst
ging sogar so weit, eigene revolutionäre Gruppen und
Gewerkschaften zu gründen.
Zitat:
"Es war ein kompliziertes Spiel der Verschleierung,
der Spiegel und Schatten. Die Gegner waren in einer intimen,
verzweifelten und amoralischen Umarmung verschränkt,
in der Agenten, Doppelagenten und Dreifachagenten Versprechen
abgaben, Verrat übten, die Seiten wechselten und ihren
Verbündeten erneut untreu wurden."
Mit dem massiven Einsatz von Agents Provocateurs verband
die Ochrana ein strategisches Kalkül: In den revolutionären
Gruppen sollte ein Klima des systematischen Argwohns, der
Hysterie und der Paranoia geschürt werden. Das gelang
aufs glänzendste. Öfter als einmal musste Stalin
erleben, daß er von scheinbar verlässlichen Genossen
verraten wurde eine Erfahrung, die den Verfolgungswahn des
späteren Diktators zumindest im Ansatz zu erklären
vermag.
Montefiores glänzende Biographie des jungen Stalin beschreibt
die Zeit von 1878 bis zum Ende der Oktoberrevolution. In den
knapp zwanzig Jahren im Untergrund brachte es der spätere
Diktator Montefiores Nachforschungen zufolge auf insgesamt
neun Verhaftungen, acht Fluchten und vier Verbannungen nach
Sibirien. Für einen Berufsrevolutionär eine durchaus
stolze Bilanz.
Von seiner äußeren Erscheinung her gab sich der
junge Stalin ganz als Bohemien. Er kleidete sich künstlerhaft-leger,
trug langes, hippiehaftes Haar, hatte zahllose Affären
und Liebschaften. Vor seiner Karriere als Bolschewist war
der spätere Massenmörder auch ein georgienweit gefeierter
Naturlyriker. Montefiore zitiert eines von Stalins frühen
Gedichten:
Zitat:
"Der Rose Knospe war erblüht
Und reckte sich, das Veilchen zu berühren.
Die Lilie erwachte
Und neigte den Kopf in der Brise.
Hoch in den Wolken die Lerche sang
Ein zwitschernd Loblied.
Während die frohe Nachtigall
Mit sanfter Stimme sagte:
"Sei voll von Blüten, o liebliches Land.
Frohlocke, Staat der Iberier.
Und du, o Georgier, durchs Lernen
Mach deiner Heimat Freude."
Auch Osama-bin-Laden liebt es bisweilen, sich als Lyriker
auszudrücken. Eine Parallele, die keineswegs zufällig
sein dürfte. Simon Sebag Montefiores Resümee:
Zitat:
"Terroristische Organisationen ob bolschewistische
zu Beginn des Zwanzigsten oder dschihadistische zu Beginn
des 21. Jahrhunderts haben vieles gemeinsam."
Im Lichte der späteren Stalinschen Karriere betrachtet:
eine alles andere als beruhigende Perspektive.
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Gesendet in der Radiosendung "Kontext", Ö1,
Jänner 2008.
Buchhinweis:
Simon Sebag Montefiore: DER JUNGE STALIN
S. Fischer Verlag (2007), 608 Seiten, ISBN-10: 3100506081.
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