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Rezensionen Sachbuch\Alice Miller
(2004)
ALICE MILLER: "DIE REVOLTE DES KÖRPERS"
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Es
ist nicht einfach mit Alice Miller. Hunderttausende haben
in ihren Bestsellern Erklärungsmuster für ihr eigenes,
oft lange verleugnetes Unglück erkannt, die Fachwelt
allerdings rümpft schon seit längerem die Nase über
die Schweizer Therapeutin, die in den frühen achtziger
Jahren mit Verkaufshits wie "Das Drama des begabten Kindes"
und "Du sollst nicht merken" die Bestsellerlisten
dominiert hat. Alice Miller gilt vielen als Terrible Simplificatrice,
als "schreckliche Vereinfacherin", ihre Thesen werden
von Psychoanalytikern und anderen Gralshütern der reinen
Lehre als "unterkomplex" abgetan. Wenn man Millers
neues Buch liest, weiß man auch, warum. "Die Revolte
des Körpers" hinterläßt einen zwiespältigen
Eindruck. Es gibt starke und schlüssige, es gibt aber
auch penetrante, ja, nachgerade peinliche Passagen in diesem
Buch. "Die Revolte des Körpers" kommt als Frontalangriff
auf das vierte Gebot daher: "Du sollst deinen Vater und
deine Mutter ehren, auf daß es dir wohlergehe und du
lange lebest auf Erden", so fordert die Heilige Schrift.
Humbug, findet Alice Miller: Das vierte Gebot sei nichts
als ein ideologisches Konstrukt, ein Herrschafts-Ideologem
im Dienste der schwarzen Pädagogik. Millionen Kinder
würden von ihren Eltern mißhandelt, mißbraucht
und in ihren Bedürfnissen mißachtet, diagnostiziert
Alice Miller; viele Therapeuten forderten ihre Patienten zu
falscher Versöhnlichkeit mit den lieblosen Eltern von
einst auf, kritisiert Miller, anstatt die einstmals mißhandelten
Kinder zu ermuntern, ihrem Schmerz und seiner Ursprungsgeschichte
illusionslos ins Auge zu blicken. Eine Praxis, die Alice Miller
gar nicht genug geißeln kann! Abneigung und Haß
gegen nicht-liebende Eltern seien legitime Gefühle, postuliert
die Autorin. Alice Miller spricht auch von sich selbst in
ihrem Buch, von ihrer eigenen, von Gefühlskälte
und eisigem Pflicht-Ethos geprägten Kindheit.
Zitat:
"Ich schulde meinen Eltern keine Dankbarkeit für
meine Existenz, weil sie diese gar nicht wollten. Die Ehe
wurde ihnen von den beiderseitigen Eltern aufgezwungen. Ich
wurde lieblos von zwei braven Kindern gezeugt, die ihren Eltern
Gehorsam schuldeten und ein Kind zur Welt brachten, das sie
gar nicht wollten, und wenn doch, dann einen Jungen für
den Großvater. Sie bekamen indes eine Tochter, die jahrzehntelang
versuchte, all ihre Fähigkeiten einzusetzen, um ihre
Eltern schließlich glücklich zu machen, eigentlich
ein hoffnungsloses Unterfangen. Aber als Kind, das überleben
wollte, hatte ich keine Wahl, als mich anzustrengen. Von Anfang
an erhielt ich den impliziten Auftrag, meinen Eltern die Anerkennung,
Aufmerksamkeit zu Liebe zu geben, die ihnen die Großeltern
vorenthalten hatten."
Wie so viele Kinder ist auch Alice Miller von ihren Eltern
"parentifiziert" worden. Das heißt: Vater
und Mutter haben ihr emotionale Aufgaben aufgebürdet,
die eigentlich sie selbst hätten erfüllen müssen;
sie haben dem Kind die Elternrolle aufgedrängt. Eines
der Resultate: Die Autorin vermag ihren, bereits verstorbenen,
Eltern bis heute keine Liebesgefühle entgegenzubringen,
obwohl sie das als brave Tochter doch tun müßte.
Zitat:
"Es dauerte lange, bis ich mir das Recht zugestand,
meine Eltern nicht zu lieben. Ich merkte mit der Zeit immer
deutlicher, wie mich die Anstrengung, jemanden zu lieben,
der mein Leben stark beeinträchtigt hatte, zutiefst schädigte.
Weil sie mich von meiner Wahrheit wegführte, zum Selbstbetrug
zwang, zu einer Rolle, die man mir so früh aufgezwungen
hat: die Rolle des braven Mädchens."
Die Liebe des ehedem mißhandelten Kinds zu seinen Eltern
ist keine Liebe, meint Alice Miller. Es ist eine mit Illusionen
behaftete Bindung ein gravierender Unterschied. Allerdings:
Befreiung ist möglich, wenn man nur den Mut hat, der
Wahrheit ins Auge zu sehen.
Zitat:
"Wir müssen erkennen, daß wir den Eltern,
die uns mißhandelt haben, keine Dankbarkeit schulden
und schon gar keine Opfer. Diese brachten wir ja nur den Phantomen,
den idealisierten Eltern, die ja gar nicht existierten. Weshalb
fahren wir fort, uns für Phantome zu opfern? Weil wir
hoffen, daß sich dies eines Tages ändern wird,
wenn wir nur das richtige Wort finden, die richtige Haltung
einnehmen, das richtige Verständnis aufbringen."
Eine Hoffnung, die sich in der Regel nicht erfüllt.
Alice Miller plädiert für einen realistischen Blick
auf die Dinge auch in der Beziehung zu den Eltern.
Zitat:
"Es ist nicht entscheidend, ob man den Kontakt mit
den Eltern ganz abbrechen muß oder nicht. Der Ablösungsprozeß,
der Weg vom Kind zum Erwachsenen, vollzieht sich ja im Inneren
des Menschen. Manchmal ist der Abbruch jeglicher Kontakte
das einzig Mögliche, um den eigenen Bedürfnissen
gerecht zu werden. Wenn aber Kontakte noch sinnvoll erscheinen,
dann nur, nachdem man bei sich abgeklärt hat, was man
erträgt und was nicht."
In ihrer therapeutischen Praxis seien ihr aber auch Fälle
untergekommen, berichtet Alice Miller in ihrem Buch, in denen
eine neue Beziehung zwischen Eltern und erwachsenen Kindern
möglich wurde.
Zitat:
"Eine junge Frau, die sich lange mit ihren Haßgefühlen
gequält hat, sagte schließlich mit Angst und Herzklopfen
zu ihrer Mutter: 'Ich mochte diese Mutter nicht, die du für
mich gewesen bist, als ich Kind war, ich haßte dich
und durfte es nicht einmal wissen.' Die Frau war erstaunt,
daß nicht nur sie selbst, sondern auch ihre schuldbewußte
Mutter mit Erleichterung auf diese Mitteilung reagierte. Denn
im stillen wußten sie ja beide, wie sie sich fühlten,
aber jetzt war die Wahrheit endlich ausgesprochen. Von nun
an konnte eine ganz neue, ehrliche Beziehung aufgebaut werden."
Die Wahrheit läßt sich eben nicht verleugnen.
Versucht man es dennoch, verschafft sie sich indirekt Ausdruck:
durch Krankheiten und physische Bresthaftigkeiten aller Art.
"Der Körper als Hüter der Wahrheit", so
nennt Alice Miller das. Im ersten, im ärgerlicheren Teil
ihres Buchs bringt die Schweizer Therapeutin Beispiele aus
dem Leben großer Künstler, die ihre These illustrieren
sollen. Was an diesen Vignetten aus dem Leben Kafkas, Nietzsches
oder Prousts so nervt, ist der sendungsbewußte Ton:
Alice Miller tut, als sei sie die Erste und Einzige, die bestimmte
Dinge erkennt und ausspricht, dabei sind es oft Gemeinplätze,
die sie verkündet: daß Nietzsche ein geknechtetes
Kind war, daß Virginia Woolf als Mädchen sexuell
mißbraucht wurde, daß sich Kafkas Unglück
seinem totalitären Vater verdankt, das alles hat man
tausend Mal schon gelesen, auch in früheren Büchern
von Alice Miller. Prousts Asthma als Folge der erstickenden
mütterlichen Over-Protection auch das eine keineswegs
neue Einsicht, nachzuschlagen etwa in Alain de Bottons Proust-Brevier
aus dem Jahr 1997.
Aber auch der Dichter der "Recherche" selbst hat
das erkannt. Im März 1903 schreibt Proust an an seine
Mutter: "Denn lieber will ich Anfälle haben und
Dir gefallen, als dir mißfallen und keine haben."
So weit, so wohlbekannt. Ihrem Ruf als gnadenlose Simplifiziererin
vollends gerecht wird Alice Miller aber mit den einfachen
Analogieschlüssen, die sie zieht. Sie gehorchen stets
dem gleichen Muster: Hat jemand Augenprobleme wie Joyce, will
er etwas nicht sehen, ein Epileptiker wie Dostojewski wird
mit seinen traumatischen Kindheitserfahrungen nicht fertig,
Freuds Gaumenkrebs deutet darauf hin, daß der Ahnvater
der Psychoanalyse ein paar fundamentale Wahrheiten nicht aussprechen
wollte. In Alice Millers Welt geht's einfach zu. Zu einfach.
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Gesendet in der Radio-Sendung "Kontext", Ö1,
Mai 2004.
Buchhinweis:
Alice Miller: DIE REVOLTE DES KÖRPERS
Suhrkamp Verlag (2004), 208 Seiten, ISBN: 3518416138.
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