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Rezensionen Sachbuch\Salomon Malka
(200)
SALOMON MALKA: "EMMANUEL LÉVINAS - EINE BIOGRAPHIE"
Aus dem Französischen von Frank Miething
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Was
ist das für ein eigenwilliger Denker, zu dessen Bewunderern
Jacques Derrida und Vaclav Havel ebenso gehören wie Papst
Johannes Paul II.? Vom Pontifex Maximus ist der Ausspruch
überliefert, dass er Emmanuel Lévinas für
einen der bedeutendsten Religionsphilosophen des Zwanzigsten
Jahrhunderts halte. Es ist nicht einfach, die Philosophie
des Husserl- und Heidegger-Schülers Lévinas, der
zugleich ein bedeutender Talmud-Gelehrter war, auf den Punkt
zu bringen. Im wesentlichen geht es dem aus Litauen stammenden
Philosophen um die Überwindung des "egozentrischen
Denkens", die er in der abendländischen Tradition
seit Sokrates' Tagen am Werk sieht.
In einschlägigen Lexika wird Emmanuel Lévinas
als "Theoretiker des ANDEREN" geführt. "Einem
Menschen begegnen heißt, von einem Rätsel wach
gehalten zu werden", hat der Philosoph einmal formuliert.
Anders gesagt: Einen Menschen respektieren bedeutet, ihm seine
"Andersheit" zu lassen, ihn nicht mir gleich machen
zu wollen. Der Pariser Essayist Salomon Malka hat Emmanuel
Lévinas nun ein respektvolles Buch gewidmet, ein durchaus
persönliches Werk, war Malka doch Schüler in der
"École Normale Israélite Orientale",
jenem jüdischen Internat in Paris, das Lévinas
jahrzehntelang als Direktor geleitet hat. Malka schreibt über
den Philosophen:
Zitat Malka:
"Den Menschen kannte ich schon seit meinem siebzehnten
Lebensjahr, als ich Schüler in jenem Internat war, das
er leitete. Das kleine Energiebündel, das durch die Gänge
fegte, machte damals Eindruck auf uns. Ich erinnere mich an
Wutausbrüche gegen Mädchen, deren Haare die Waschbecken
im Internat verstopften, seine Nervosität, wenn man nicht
zum Gottesdienst herunterkam... Wir lebten in seiner Philosophie,
ohne uns darüber im klaren zu sein. Ich denke an die
Aufmerksamkeit, die er, ohne es sich anmerken zu lassen, den
ungeduldigen Fragen der jungen Leute, ihrem Bedürfnis,
bemerkt zu werden, widmete."
Emmanuel Lévinas' Biographie war aufs engste mit der
Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts verwoben. 1906 im
litauischen Kaunas geboren, wuchs der spätere Philosoph
in der blühenden jüdischen Kultur der zweitgrößten
Stadt Litauens heran. Seine Eltern führten ein Schreibwarengeschäft,
die Familie lebte ein frommes Leben mit koscheren Speisen
und regelmäßigem Synagogenbesuch. Der Bub begeistert
sich früh für Tolstoi und Puschkin, bald gesellen
sich zu den literarischen auch philosophische Interessen.
Ende der zwanziger Jahre studiert Lévinas zuerst in
Straßburg, dann in Freiburg bei Edmund Husserl. Bald
lernt er auch Martin Heidegger kennen wie viele andere Studenten
lässt sich Lévinas von der Heideggerschen Philosophie
begeistern. Sein Leben lang setzt sich Lévinas mit
dem archaisierenden Denken des Freiburger Meisterphilosophen
auseinander. Daß der bewunderte Lehrer sich 1933 mit
den Nazis einlässt, wenn auch nur kurz, kann ihm Lévinas
nicht verzeihen. Sein Verhältnis zu Heidegger: eine Mischung
aus Zuneigung und Abscheu, aus Faszination und Aversion. Jahrzehnte
später wird Lévinas in einem Interview folgendes
zu Protokoll geben:
Zitat Lévinas:
"Es ist immer Beschämung dabei, wenn ich meine
Bewunderung für diesen Philosophen eingestehe. Man weiß,
was Heidegger 1933 war, auch wenn er es nur für kurze
Zeit war, und auch wenn seine Schüler es bisweilen vergessen.
Ich kann es nicht vergessen. ALLES kann man gewesen sein,
nur nicht Hitlers Anhänger."
Die Nazizeit überlebt Lévinas, der in den dreißiger
Jahren nach Paris übersiedelt ist, in einem deutschen
Kriegsgefangenenlager in Fallingbostel, zwischen Bremen und
Hannover gelegen. Nach der Befreiung erfährt der damals
39jährige, dass seine Eltern und seine beiden Brüder
in Litauen von den Nazis ermordet worden waren. Von da an
wird Emmanuel Lévinas nie wieder deutschen Boden betreten,
bis zu seinem Tod 1995 nicht. Die Erfahrung der Shoa hat den
"extremen Humanismus" des Levinas'schen Denkens
zutiefst mitgeprägt. Die Hauptmaxime seiner Ethik hat
der französisch-litauische Philosoph einmal so formuliert:
Zitat Lévinas:
"Wir müssen ein Gedächtnis derjenigen bewahren,
die sich seien sie Juden oder Nicht-Juden im
größten Chaos so zu verhalten wussten, als ob die
Welt nicht aus den Fugen gewesen wäre."
Es ist nicht eigentlich eine Biographie, was Salomon Malka
da im Verlag C.H. Beck vorgelegt hat. "Hommage"
wäre ein besserer Ausdruck. Malka hat die wesentlichen
Wegmarken der Levinas'schen Vita recherchiert, er hat mit
Freunden, Verwandten und Gefährten des Philosophen gesprochen
und eine Fülle an Material zusammengetragen zu einer
echten Biographie fügt sich das Ganze dennoch nicht zusammen,
was allerdings auch nicht weiter schlimm ist. Es ergibt sich
auch so ein plastisches Bild. Die Levinas'sche Philosophie
eine Philosophie der Offenheit würdigt Malka so:
Zitat Malka:
"Sein Denken erweist sich als "unbewohnbar".
Es ist ein Denken ohne letztes Wort, ohne Endgültigkeit;
ein Denken, in dem nichts ein für alle Mal festgelegt,
nichts definitiv abgesichert ist."
Salomon Malka zitiert in seinem Buch den französischen
Philosophen Jean-Luc Marion. Der fordert:
Zitat Marion:
"Man muß sich die Bedeutung von Levinas bewusst
machen. Neben Bergson ist er der größte französische
Philosoph des Jahrhunderts. Unter einem großen Philosophen
verstehe ich jemanden, der neue Methoden der Analyse entwickelt,
zu neuen Ansätzen findet, die Grundbegriffe verändert.
Das heißt, dass nach ihm das philosophische Vokabular
nicht mehr dasselbe ist, dass der Wortschatz sich verändert
hat... In Frankreich hat es nur zwei Männer gegeben,
die in diese Dimensionen vorgestoßen sind: Bergson mit
offensichtlicher Eleganz und Geschmeidigkeit, Lévinas
mit Härte und Gewalttätigkeit. Beide haben sie den
Lauf des Flusses verändert."
"Der Humanismus verdient nur deshalb Kritik", hat
Lévinas einmal notiert, "weil er nicht human genug
ist." In unseren Breiten ist Emmanuel Lévinas
- außerhalb der akademischen Philosophie erst
noch zu entdecken. Salomon Malkas Buch im Geist der
Liebe und voller Respekt geschrieben bietet sich als
exzellente Einstiegshilfe an.
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Gesendet in der Radiosendung "Kontext", Ö1,
August 2004.
Buchhinweis:
Salomon Malka: EMMANUEL LÉVINAS - EINE BIOGRAPHIE
C.H. Beck Verlag (2004), 314 Seiten, ISBN: 3406516599.
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