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Rezensionen Sachbuch\Florian Illies (2003)
FLORIAN ILLIES: "GENERATION GOLF ZWEI"
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Eines
muß man Florian Illies lassen: Chuzpe hat er. Drei Jahre
nach seinem Lifestyle-Bestseller "Generation Golf"
pfeffert der 32jährige jetzt eine Fortsetzung auf den
Markt: "Generation Golf zwei". Der Inhalt des Buchs
in wenigen Worten zusammengefaßt: Neokonservativismus
mit Augenzwinkern. Offenbar geht das rein bei den Leuten.
Wer nämlich glaubt, das Publikum hätte sich an den
charmanten Flappsigkeiten des FAZ-Redakteurs a. D. bereits
sattgelesen, irrt. In der "Spiegel"-Bestsellerliste
rangiert Illies' jüngstes Werk bereits wenige Wochen
nach seinem Erscheinen auf den vordersten Rängen.
"Generation Golf zwei" die Verlagsstrategen des
Hauses Blessing werden sich wohl gesagt haben, warum soll,
was Arnold Schwarzenegger und dem "Terminator" reingeht,
nicht auch bei Florian Illies funktionieren? Und es funktioniert.
Im wesentlichen bietet Illies in seinem jüngsten Buch
das Gleiche wie in seinem Erstling. Amüsante Sottisen
gegen Wellness-Trend und Berlin-Hysterie paaren sich mit ironischen
Respektlosigkeiten gegen die 68er und ihre politisch korrekten
Nachfolgegenerationen.
OT Illies: "Man findet eigentlich diese 68er
und ihre Epigonen nur mehr lächerlich... diese leidenschaftliche
Engagement hält man für lächerlich... was diese
Generation ausmacht: Sie will sich ihre gute Laune nicht verderben
lassen... Wir kümmern uns nicht darum, ob ein AKW in
die Luft fliegt, darum kümmern sich sowieso die 68er...
Sie kümmern sich eigentlich nur noch um sich selber.
Eine Generation von ganz, ganz vielen Individuen, die das
Gefühl haben: man muß sich um sich selber kümmern,
dann ist an alle gedacht."
Dabei weiß Illies genau: Mit der Baisse an den Börsen
und dem Niedergang der New Economy ist die einst so selbstbewußte
Generation Golf aufs schmerzhafteste zurechtgestutzt worden.
Viele seiner Freunde, seufzt der Jungautor, hätten noch
vor drei, vier Jahren als Start-Up-Unternehmer eine dicke
Lippe riskiert, während sie sich heute mit den Schalteröffnungszeiten
des Arbeitsamts Berlin-Mitte vertraut machen müssen.
Katzenjammer ist angesagt unter den Thirty-Somethings von
heute. Umso mehr, als auch der 11. September und die Kriege
im Irak und in Afghanistan ihre Spuren hinterlassen haben
im kollektiven Bewußtsein der deutschen Jugend. Um einen
entsprechend melancholischen Tonfall bemüht sich Illies
in seinem neuen Buch.
Zitat:
"Unsere Generation hat bisher ja, wie es sich für
eine ordentliche Jugend gehört, geglaubt, daß das
Beste noch vor uns liege. Doch plötzlich beginnen wir
zu ahnen, daß wir das Beste vielleicht schon hinter
uns haben."
Was sind denn so die Themen, für die sich die Generation
Golf im Jahr 2003 begeistert? Wenn Florian Illies neues Buch
auch nur einigermaßen repräsentativ ist für
die Interessen der jungen Leute, dann müßten engagierte
Pädagoginnen und Pädagogen der 68er und 78er-Zeit
die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Also,
Florian Illies beschäftigt sich in seinem Buch unter
anderem mit folgenden Themen: Warum gibt es bei H&M seit
geraumer Zeit nur mehr Pyjamas mit Snoopies drauf? Darf man
die Zellophanfolie eines frischgeöffneten Nutella-Glases
mit dem Messer durchstechen oder nicht? Kann man als Angehöriger
der Generation Golf auf der Terrasse des Cafés "Strandbad-Mitte"
in Berlin vor einem Glas Latte Macchiato angetroffen werden,
ohne allzu mainstreamig zu wirken? Denn nichts, aber auch
gar nichts ist den Angehörigen der "Generation Golf"
peinlicher als mainstreamig zu wirken.
Andererseits das gehört zu den unauflöslichen
Paradoxa dieser Generation andererseits will man sich ja
gerade mit dem Mainstream arrangieren. Schon in den 70er-
und 80er-Jahren hätten er und seinesgleichen einen ehrlich
empfundenen Konformismus kultiviert, erinnert sich Illies.
OT Illies: "Die Kindheit eines Generation-Golf-Angehörigen...
Baden in der Badewanne.... und "Wetten, daß?"
schaute..... denn das war eigentlich das Entscheidende: daß
man mitreden konnte."
Das Fernsehen zählt zu den bevorzugten Kulturtechniken
der Generation Golf, wenn man Illies glauben darf, zumal den
heute 20- bis 35jährigen kraftraubende Tätigkeiten
wie Lesen viel zu anstrengend sind. Über Dieter Bohlen
und die Eheprobleme von Olli Kahn wissen Illies und seine
Freunde so gut wie alles, Loriots preußischer Gentleman-Humor
darf durchaus mit ihrem Respekt rechnen, das schon, ihr Abgott
aber, das uneingeschränkt umjubelte TV-Idol der Generation
Golf, ist Harald Schmidt. Illies betrachtet den inspiriertesten
Pointenschleuderer des deutschen Fernsehens seit Jahr und
Tag als seinen humoristischen Herrn und Meister. Schon als
Pennäler im tiefsten Hessen habe er Schmidts Werdegang
im Fernsehen sympathisierend mitverfolgt, erzählt Illies
von den sozialliberalen Anfängen in der Kabarett-Sendung
"Schmidteinander" bis zum genialischen Edelzynismus
der "Harald Schmidt Show" auf Sat1. Illies erinnert
sich noch genau an die revolutionären Veränderungen
im Schmidtschen Outfit Mitte der 90er-Jahre.
OT Illies: "Plötzlich war er gut angezogen...
merkwürdige Popper-Frisuren, unfaßbar bunte Brillen,
unreine Haut, merkwürdige auberginenfarbene Anzüge
usw. Dann machte er die "Harald Schmidt Show" und
sah plötzlich aus wie ein Vorstandsvorsitzender einer
großen deutschen Bank... Wenn man gut angezogen ist,
darf man sich alles erlauben. Harald Schmidt hat Witze im
deutschen Fernsehen gemacht, die vor ihm nie jemand gemacht
hat. Und es war aber alles möglich, weil er so gut angezogen
ist. Er zeigte also, daß die Ästhetik das Moralinsaure
an sich abzulösen begann."
Nichts verabscheue die Generation Golf mehr als das Moralinsaure
der Altlinken und Junggrünen, erklärt Florian Illies.
Aber obacht zumindest in einer Hinsicht sei mit den in Ehren
ergrauten 68ern noch zu rechnen, schreibt der Verfasser von
"Generation Golf zwei":
Zitat:
"Trotz aller Abgesänge: Die 68er befinden sich
zurzeit wieder im Stadium eines gefährlichen Selbstbewußtseins.
Die männlichen Vertreter dieser Generation sehen heute
aus wie Richard Chamberlain in "Dornenvögel",
wie uns Lehrer Doktor Specht oder wie Ulrich Wickert und werden
plötzlich zu gefährlichen Konkurrenten um die schönsten
jungen Frauen, die sie uns in der Regel, braun gebrannt und
charmant parlierend, beim Stehempfang ausspannen."
Mit den schönen, jungen Frauen ist das so eine Sache:
Vielleicht hat ein durchschnittlicher 68er einfach mehr zu
sagen als die intellektuell doch eher bläßlichen
Repräsentanten der "Generation Golf". Florian
Illies würde das, so steht zu vermuten, allerdings ganz
anders sehen.
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Gesendet in der Radio-Sendung "Kontext", Ö1,
August 2003.
Buchhinweis:
Florian Illies: GENERATION GOLF ZWEI
Blessing Verlag (2003), 224 Seiten, ISBN: 3896672460.
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