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Rezensionen Sachbuch\Arno Gruen (2003)
ARNO GRUEN: "VERRATENE LIEBE FALSCHE GÖTTER"
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Allmählich
verbreitet sich Arno Gruens Ruhm auch in unseren Breiten
wobei Ruhm vermutlich keine Kategorie ist, auf die der 80jährige
gesteigerten Wert legt. In seinen Büchern beschäftigt
sich der Schweizer Psychotherapeut seit jeher mit den Grenzbereichen
zwischen Tiefenpsychologie und Politik. So auch in seinem
jüngsten Buch, der überarbeiteten und erweiterten
Neuausgabe einer bereits 1991 erschienen Schrift mit dem Titel
"Falsche Götter". Woher, so fragt Arno Gruen
in diesem Werk, woher kommt das Bedürfnis vieler Menschen,
autoritäre Volksverhetzer oder narzisstisch gestörte
Polit-Parvenues zu umjubelten Idolen zu erheben? Woher rührt
die weitverbreitete Sehnsucht nach dem "starken Mann",
seltener: nach der starken Frau? Warum kommen etwa die Billy-the-Kid-Parolen
von Donald Rumsfeld in den USA so gut an? Und warum schließlich
darf Osama bin Laden mit seinen mörderischen Kapriolen
auf offene oder klammheimliche Massenunterstützung im
arabischen Kulturkreis rechnen? Die Antworten auf diese Fragen,
so meint Arno Gruen, lägen stets in die Kindheit, sowohl
bei den Verführten wie bei den Verführern.
OT Gruen: "Und leider ist es so, daß viele
Menschen, vielleicht ein Drittel, im Aufwachsen sehr wenig
Liebe erhalten... daß sie lernen sehr früh lernen,
sie müssen den Erwartungen der Eltern entsprechen müssen,
um nicht abgelehnt zu werden... daß Kinder die Propaganda
der Eltern ... daß die Eltern nicht liebend sind, hassend
sind.... das Image der Eltern müssen sie als die Wahrheit
erkennen.... ein Drittel, vielleicht die Hälfte sehr
früh darauf geprägt werden, nicht auf die Wirklichkeit
eines Menschen einzugehen, sondern auf das Image, das er von
sich produzieren."
Auch die Anhänger Stalins, Hitlers und Mussolinis sind
auf das Image ihrer jeweiligen Abgötter hereingefallen.
Einer der Gründe dafür: Die genannten Diktatoren
boten klare Feindbilder: Juden, Homosexuelle oder Menschen
mit anderer Hautfarbe auf der einen Seite, "kapitalistische
Blutsauger" oder "sowjetfeindliche Kosmopoliten"
auf der anderen. Es ist im Grunde der Haß auf alles
Lebendige, der sich in extremistischen Ideologien gleich welcher
Couleur manifestiert.
Auf anschauliche und instruktive Weise beschreibt Arno Gruen
in seinem Buch die psychodynamischen Mechanismen, die immer
wieder gewalttätige und demokratiefeindliche Tendenzen
nicht nur in den Kulturen des Westens hervorbringen. Viele,
allzu viele Menschen waren in ihrer Kindheit elterlicher Feindseligkeit
ausgesetzt, schreibt Gruen. Im Erwachsenenalter suchen diese
Menschen oft nach Erlöserfiguren.
Zitat:
"Immer wieder machen verzweifelte Menschen jene zu
ihren Führern, ihren Göttern, die den Anschein von
Stärke offerieren, aber im Grund leer und destruktiv
sind."
Auf diese "falschen Götter" projizieren die
Erniedrigten und Beleidigten dieser Welt ihre oft gewalttätigen
Sehnsüchte. Immer auch haben diese Menschen ein Bedürfnis
nach starren, rigiden Strukturen, diagnostiziert Arno Gruen.
Zitat:
"Das Bedürfnis nach Strukturen ist kennzeichnend
für Menschen, die kein eigenes Selbst entwickeln konnten.
Autoritäre Strukturen verleihen ihnen das Gefühl
einer Identität. Es ist das Auseinanderbrechen dieser
Strukturen, das die angestaute Wut in ihnen zum Ausbruch bringt.
Die Rebellion, die dadurch ausgelöst wird, hat nicht
Freiheit zum Ziel, sie will sich neuen Autoritäten und
Strukturen ergeben."
Für demokratische Gesellschaften eine permanente Gefahr.
Für Arno Gruen besteht ein enger Zusammenhang zwischen
der Liebesfähigkeit eines Menschen und seiner "Demokratiefähigkeit".
Liebe bedeutet, die Individualität eines Vis á
vis erkennen und schätzen zu können, sie bedeutet
auch, sich am Wachstum des anderen zu erfreuen. Wer liebt,
zeigt sich weniger anfällig für narzisstische Ersatzbefriedigungen
wie Größe, Macht und Image alles Dinge, die unsere
Kultur in alarmierendem Ausmaß vergöttert. Kein
gutes Haar lässt der in Zürich lebende Psychotherapeut
in seinem Buch an demokratisch gewählten Polit-Hardlinern
wie Margaret Thatcher oder George W. Bush. Liebesfähigkeit
ist nicht gerade eine Tugend, die Gruen der eisernen Lady
oder dem derzeit amtierenden US-Präsidenten zuschreiben
würde. Im Gegenteil.
OT Gruen: "Ich denke, Bush ist auch jemand,
der das Tödliche liebt. Er hat nie jemanden begnadigt,
als er Gouverneur im Texas war... Aber auch Bin Laden ist
nicht anders. Die Menschen, die in die Twin Towers flogen,
die haben ja auch das Tödliche zu etwas erhoben, das
ihnen ein Gefühl der Lebendigkeit gibt."
Natürlich, es gibt auch Menschen mit einer als lieblos
erlebten Kindheit, die aus dem Teufelskreis von Selbsthaß
und Destruktion auszubrechen vermögen. Auch nach einem
mißglückten Start ist es möglich, ein geglücktes
Leben zu führen, sagt Arno Gruen. Man muß sich
nicht zwangsweise falschen Erlösern verschreiben.
OT Gruen: "Well, es ist schmerzhaft, sich nicht
zu verschreiben, weil man sich seine eigene Geschichte anschauen
muß... nicht hoffnungslos... ein Drittel haben eine
Kindererziehung gehabt, die auf Liebe beruhte.... wo die Eltern
nicht auf dem Image beharrten... ein Drittel hat etwas erlebt
von Zuwendung, von Wärme... die es möglich machen
würde, auf das Menschliche einzugehen und nicht dem Image
zu verfallen."
Auch in der großen Politik sind Hopfen und Malz noch
nicht verloren, meint Arno Gruen. Die politische Sphäre
ist nicht bloß von narzisstischen Manipulateuren und
ich-süchtigen Demagogen bevölkert. Immer hat es
auch vorbildhafte Politiker gegeben in der Geschichte der
Menschheit Politiker, denen es um einen vernünftigen
Umgang mit der Macht zu tun war.
OT Gruen: "Ich denke, Leute wie Franklin D. Roosevelt,
Havel und Abraham Lincoln oder Mandela sind sich sehr bewusst,
was die wahren Bedürfnisse von Menschen sind... Würde,
Wärme, auch Essen... die nicht darauf basiert, daß
man andere zerstört. Diese Menschen hat es auch immer
gegeben."
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Gesendet in der Radio-Sendung "Kontext", Ö1,
Juli 2003.
Buchhinweis:
Arno Gruen: VERRATENE LIEBE - FALSCHE GÖTTER
Klett Cotta Verlag (2003), 292 Seiten, ISBN: 3608942467.
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