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Rezensionen Sachbuch\Eric Frey
(2004)
ERIC FREY: "SCHWARZBUCH USA"
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Es
gibt ja einiges, was man den USA historisch gesehen zur
Last legen kann: die Versklavung von 12 Millionen Afrikanern,
die Abschlachtung von drei Millionen Ureinwohner, die Unterstützung
blutrünstiger Diktatoren in Chile und anderen lateinamerikanischen
Staaten, nicht zuletzt auch die Atombombenabwürfe von
Hiroshima und Nagasaki. Eric Frey, Journalist der österreichischen
Tageszeitung "Der Standard", hat in seinem "Schwarzbuch
USA" ein umfangreiches Sündenregister der Vereinigten
Staaten zusammengetragen. Mit plumpen antiamerikanischen Ressentiments
will der 40jährige allerdings nicht in Verbindung gebracht
werden.
OT Frey: "Ein Antiamerikaner, der für seine
Einstellungen Munition sucht, wird in diesem Buch wahrscheinlich
auf seine Rechnung kommen. Meine Einstellung ist eine andere:
Ich bin seit vielen Jahren ein Freund der USA, ich habe dort
gelebt, ich habe dort studiert, ich habe viele Freunde dort.
Mein Ansatz war der, genau die Unterscheidung zu finden zwischen
Amerika-Kritik und Antiamerikanismus. Ich wollte die Amerika-Kritik
vom Antiamerikanismus befreien."
Eric Freys Buch beginnt mit dem Satz "Die Vereinigten
Staaten von Amerika könnten ein wunderbares Land sein."
Dann folgen 500 Seiten Kritik der thematische Bogen reicht
von der Ausrottung der indianischen Urbevölkerung bis
zu Bushs Präventivkrieg gegen den Irak. Frey erweist
sich als glänzender Kenner der US-amerikanischen Geschichte,
er verzichtet auf wohlfeile Polemik und bemüht sich um
ausgewogene Argumentationslinien. Vor allem setzt er auf die
Macht der Fakten. Ein Vorwurf wird den USA immer wieder gemacht:
dass sie sich weltpolitisch gern als Moralapostel gerierten,
während sie im Grunde immer nur ihren wirtschaftlichen
Vorteil im Auge hätten. Die Anklage lautet: "Heuchelei".
OT Frey: "Die Heuchelei ist sicher eines der
Grundprobleme in den Vereinigten Staaten. Wobei einem eines
klar sein muß: dass es nicht eine zynische Heuchelei
sein muß. Die Amerikaner glauben selbst oft an ihre
eigene Propaganda, an ihre eigenen Illusionen. Sie sind davon
überzeugt, dass das, was sie tun, richtig ist."
Ausführlich beschäftigt sich Eric Frey in seinem
Buch mit der paranoiden Weltsicht vieler Amerikaner. Frey
ortet einen direkten Zusammenhang mit dem christlichen Fundamentalismus,
der sich in den USA seit den Tagen der Pilgerväter auf
eine breite Anhängerschaft stützen darf. Wer die
Bibel, speziell die Offenbarung des Johannes wörtlich
nimmt, wittert immer und überall eine Verschwörung
des Bösen. Und gegen das Böse sind alle Mittel erlaubt,
vor allem, wenn man sich selbst den Heerscharen des Guten
zugehörig weiß.
OT Frey: "Die Paranoia ist nicht unbedingt ein
Krankheitssymptom, es sind gesunde Menschen, um die es geht,
wir haben es mit einer Grundeinstellung zu tun. Man darf nicht
vergessen: Auch Paranoiker haben echte Feinde. All das, womit
sich die USA auseinandergesetzt haben, das waren wirkliche
Probleme und wirkliche Feinde: Die kommunistische Bedrohung
gab es wirklich. Die Herausforderung durch die Al-Kaida ist
real. Die Frage ist nur: Ist die Bedrohung wirklich so umfassend,
wie es der, der sich als Kämpfer empfindet, gerne sieht?"
Eric Frey bringt in seinem Buch auch die innenpolitischen
Sünden der USA zur Sprache: Ein Fünftel aller Kinder
zwischen Seattle und Miami lebt in Armut, die Slums von Philadelphia
oder L.A. halten jedem Vergleich mit der Dritten Welt mühelos
stand, die Gefängisse in "God's own country"
sind rettungslos überfüllt auch das ein Ausdruck
der sozialen Misere.
OT Frey: "Ein Staat kann nicht beides sein: Er
kann nicht jedem Menschen die Möglichkeit geben, sich
als kleiner Angestellter selbständig zu machen und möglicherweise
eine Menge Geld zu verdienen, und dabei zugleich ein dichtes
soziales Netz zu bieten, wie es viele europäische Staaten
machen. Das Problem ist, dass die USA bei dieser Gratwanderung
wahrscheinlich zu sehr in eine Richtung gegangen sind: das
soziale Netz ist deutlich löchriger als es sein müsste.
Es wäre möglich, dieses Netz dichter zu knüpfen,
mehr Sicherheit zu geben, eine allgemeine Kranken- und Arbeitslosenversicherung
einzuführen ohne deshalb gleich an Dynamik zu verlieren."
Eric Freys Buch endet mit einem optimistischen Ausblick:
Gerade in ihren schlimmsten Krisen hätte die US-amerikanische
Gesellschaft immer wieder ihre Selbstheilungskräfte mobilisiert
von der Abschaffung der Sklaverei bis hin zur Entmachtung
McCarthys. Das heißt: Abgesänge auf Glanz und Glorie
der Vereinigten Staaten sind bis auf weiteres verfrüht.
Bis zum vielbeschworenen Untergang des amerikanischen Imperiums
wird wohl noch eine Menge Wasser den Potomac hinunterfließen.
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Gesendet in der Radio-Sendung "Kulturreport",
Deutsche
Welle, April 2004.
Buchhinweis:
Eric Frey: SCHWARZBUCH USA
Eichborn Verlag (2004), 496 Seiten, ISBN: 3821855746.
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