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Rezensionen Sachbuch\Mario R.
Dederichs (2005)
MARIO R. DEDERICHS: "HEYDRICH - DAS GESICHT DES BÖSEN"
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Die
Nachwelt kennt Reinhard Heydrich als einen der ruchlosesten
Verbrecher des Dritten Reichs: als Chef der Gestapo und des
SS-Geheimdiensts SD, später des Reichssicherheitshauptamts
in Berlin, war Heydrich maßgeblich an der Verfolgung
und Ermordung zehntausender Hitlergegner beteiligt. Auch für
Planung und Ausführung der Shoa war er als engster Mitarbeiter
Himmlers maßgeblich mitverantwortlich. Entsprechend
schlecht ist sein Ruf, auch in der Geschichtsschreibung. Hitler-Biograph
Joachim Fest sah in Heydrich einen "Mann von luziferischer
Gefühlskälte", einen "jungen, bösen
Todesgott", einen "Teufel in Menschengestalt"
wollten Heydrichs Zeitgenossen in ihm erblicken.
Solche Atrributierungen werden dem Musikersohn
aus dem Sächsischen nicht wirklich gerecht, meint Mario
R. Dederichs, Verfasser einer 300seitigen Heydrich-Biographie,
die soeben im Piper-Verlag erschienen ist. Reinhard Heydrich
war ein skrupelloser Killer, aber auch ein virtuoser Organisator
eine zerrissene, in sich widersprüchliche Figur,
ein Mann, der glänzend Geige spielte und als Sportfechter
brillierte, aber auch Hunderttausende ohne Bedenken in den
Tod schickte. "Die Nazis sind archaisch und modern zugleich",
notierte einst Ernst Bloch, "sie bauen Autobahnen und
schreiben in Runen". Ähnlich verhält es sich
mit Heydrich. In den Augen seines Biographen war der gnadenlose
SS-Schlächter ein modern denkender und handelnder Mann,
allerdings unter massenmörderischen Auspizien. Dederichs
schreibt.
Zitat:
"Leute wie Heydrich, durchdrungen und getrieben von
Geltungssucht, Machtgier und Rücksichtslosigkeit, können
zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft für all jene,
die ein Gewissen haben, gefährlich werden wenn
man ihnen die Instrumente der Macht in die Hand legt."
Ursprünglich wollte Mario R. Dederichs, Redakteur der
Hamburger Illustrierten "Stern", bloß eine
Zeitschriften-Serie über Heydrich schreiben. Das starke
Echo auf die Serie veranlaßte ihn später, die Ergebnisse
seiner Recherchen zu einem Buch umzuarbeiten. Ein Buch, das
seine Abkunft aus dem Geist des Magazinjournalismus nicht
recht zu verleugen vermag: Obwohl Dederichs sorgfältig
recherchiert hat, obwohl er sich um seriöse und sachliche
Darstellungslinien bemüht hat, verfällt er dann
und wann doch in einen allzu boulevardesken Stil.
Zitat:
"Ein Foto aus dem Herbst 1941 zeigt Heydrichs Gesicht.
Nur ganz kurz wendet es sich der Kamera zu. Die Kamera fixiert
diesen Blick, eisig, zornig, unendlich böse. Wolfsaugen
starren da und lähmen den Betrachter mit unerwarteter
Feindseligkeit. Heydrichs Bild aus Adolf Hitlers Reich
der Finsternis schaut da ein Gesicht des Bösen in unsere
Zeit, abschreckend und doch auf schaurige Weise faszinierend.
Sofort stellt sich die Frage: Was geht hinter dieser feindseligen
Miene vor? In welche Abgründe führt ein Kontakt
mit diesen Augen? Was hat diesen Menschen zu seinen Untaten
getrieben?"
Fragen, auf die auch Dederichs Buch letztlich keine Antworten
zu geben vermag. Wie so oft, wenn man den destruktiven Kern
des Nationalsozialismus bloßzulegen versucht, wird man
auf die, fast möchte man sagen, metaphysische Frage nach
dem Bösen zurückgeworfen. Was die äußeren
Fakten betrifft, ist Heydrichs Leben gut dokumentiert. Im
März 1904 kommt Reinhard Tristan Eugen Heydrich in einem
Musikhaushalt in Halle an der Saale zur Welt. Mutter Elisabeth,
eine strenge, von katholischen Nonnen in der Schweiz erzogene
Frau, arbeitet als Klavierlehrerin, Vater Bruno, Komponist
und Opernsänger, leitet das von ihm gegründete Konservatorium
der Stadt. Ein wilhelminischer Bürgerhaushalt, wagnerianisch,
nationalstolz, kaisertreu. Sohn Reinhard wird zum Wunderkind
gedrillt, ein zweiter Mozart soll er dem Willen des Vaters
zufolge werden, doch daraus wird nichts. Zeitlebens frönt
der Filius dem Geigespiel, allerdings in amateurhaftem Rahmen.
Um seiner schwächlichen Konstitution auf die Sprünge
zu helfen, beginnt Gymnasiast Reinhard fanatisch Sport zu
treiben: Schwimmen, Fechten, Reiten, Segeln.
Zitat:
"Hier tobte Heydrich seinen lebenslangen Ehrgeiz aus,
stets der Beste zu sein."
schreibt Dederichs.
Zitat:
"Beim Segeln, erinnert sich eine Zeitzeugin, hatte
er immer die gleiche Taktik: Er segelte so, daß er entweder
kenterte oder den ersten Preis machte."
Eigentlich typisch für die spätere Ideologie des
Nationalsozialismus. Aber noch ist Heydrich nicht so weit.
Als Gymnasiast nach dem Ersten Weltkrieg schließt er
sich einem jener rechtsradikalen Freikorps an, die 1919 bei
der Niederschlagung des Spartakistenaufstands mitwirken, auch
in Halle. In seinem Freikorps kommt Heydrich intensiver mit
den rassistischen und antisemitischen Ideologien der völkischen
Rechten in Kontakt. Konsequent der nächste Schritt: Der
junge, militärbegeisterte Mann geht zur Marine, absolviert
eine Kadettenausbildung in Kiel. Auch hier bleibt der ebenso
komplexlerhafte Heydrich ein Einzelgänger. Freunde hat
er keine im Grunde bis zum Ende seines Lebens nicht. Auch
in Kiel lebt Heydrich seine Sportbegeisterung aus, immerhin
wird er es später zu einem der besten Säbel- und
Degenfechter Europas bringen.
Zitat:
"Nicht wenigen Zeitgenossen fiel auf, daß Heydrich
zeitlebens ein zutiefst zerrissener Mensch blieb. Schon äußerlich
zerfiel er in einen zackig-sportlich-harten Soldaten und in
einen sanft-höflich-femininen Musenfreund; stechender
Blick und schnarrender Ton paarten sich mit zarten Händen
und weichen Hüften."
Ein Mann, dem man das spätere Monster nicht ansah, in
seinem Widerspruch. 1931 wird Heydrich einer Frauengeschichte
wegen unehrenhaft aus der Marine entlassen. Er heiratet die
norddeutsche Landadelige Lina von Osten, eine fanatische Nationalsozialistin.
Im Sommer 31 findet der 27jährige Kontakt zu Heinrich
Himmler. Er avanciert zur rechten Hand des SS-Chefs, baut
für die NSDAP einen Nachrichten- und Überwachungsdienst
auf, den späteren SD. Nach der Machtergreifung der Nazis
geht es steil bergauf mit der Karriere des Hallenser Musikersohns.
Heydrich wird zum Mastermind des Terrors, er richtet das KZ
Dachau ein, das erste Konzentrationslager auf deutschem Boden,
weitere Lager folgen, 1939 wird er zum Chef des "Reichssicherheitshauptamts"
ernannt, der Zentrale der braunen Mord- und Unterdrückungsmaschinerie.
Im September 1941 ernennt Hitler den rücksichtslosen
Hardliner zu seinem Statthalter in Protektorat Böhmen
und Mähren. Am 19. November 1941 nimmt Heydrich in der
Prager Wenzelskapelle aus den Händen des tschechischen
Staatspräsidenten Hacha die sieben Schlüssel zur
Krönungskammer der böhmischen Könige entgegen
das Symbol der Unterwerfung Tschechiens unter die Deutschen.
Zitat:
"Jetzt standen die Männer vor dem Allerheiligsten
der Tschechen, der Wenzelskrone. Sie war, so sagte man, mit
einem Fluch belegt: Wer diese Krone unbefugt aufsetzt, so
lautete die Mär, würde binnen Jahresfrist eines
gewaltsamen Todes sterben und danach sein ältester Sohn.
Der alte Aberglaube reizte den Draufgänger und Machtmenschen
Heydrich. Was sollte einen wie ihn schrecken? Kurzentschlossen
setzte sich der 38jährige die Krone auf, zum Entsetzen
der anwesenden Tschechen."
Sechseinhalb Monate später war Heydrich tot ein
Attentat tschechischer Widerstandskämpfer mitten in Prag
setzte seinem Leben ein Ende. Als Vergeltung ließen
die Nazis das Dorf Lidice niederbrennen, alle männlichen
Dorfbewohner über 15 wurden ermordet, sämtliche
Frauen und Kinder in KZs verschleppt. Bis heute glauben viele
Tschechen, daß sich in Heydrichs Tod der Fluch der Wenzelskrone
erfüllt hat und nicht nur in ihm: Eineinhalb Jahre
nach dem Attentat auf den Reichsprotektor kam auch Heydrichs
ältester Sohn Klaus bei einem Fahrradunfall ums Leben.
Im Alter von zehn Jahren.
All das und vieles mehr läßt sich in Mario
R. Dederichs Biographie nachlesen, einem materialreichen und
instruktiven Band, der die Frage nach den Wurzeln der Heydrichschen
Mordlust allerdings unbeantwortet läßt. Leider
konnte der Autor die Publikation seines Werks nicht mehr erleben:
Kurz vor Fertigstellung der Biographie starb Mario R. Dederichs
an Krebs. Sein "Stern"-Kollege Teja Fiedler hat
das Buch nun fertiggeschrieben. Eine Pflichtlektüre für
an der Geschichte des Dritten Reichs Interessierte.
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Buchhinweis:
Mario R. Dederichs: HEYDRICH - DAS GESICHT DES BÖSEN
Piper Verlag (2003), 328 Seiten, ISBN: 349204543X.
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