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Rezensionen Sachbuch\Noam Chomsky
(2006)
NOAM CHOMSKY: "DER GESCHEITERTE STAAT"
Aus dem Englischen von Gabriele Gockel, Bernhard Jendricke
und Thomas Wollermann
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Noam
Chomsky ist ein Missionar, ein Prediger, einer, der sich im
Vollbesitz unhinterfragbarer Wahrheiten wähnt. Das dürfte
mit ein Grund sein, warum der brillante Linguist als politischer
Analytiker so unerhört umstritten ist. Auch in seinem
jüngstem Werk geht Chomsky mit dem Furor des Agitators
ans Werk: Er diskutiert seine Thesen nicht, er dekretiert
sie. Man hat das Gefühl: Gegenargumente, Einwände,
Differenzierungen lässt dieser Mann nicht gelten, er
weiß von Anfang an, worauf er hinauswill, und darauf
prescht er zu wie ein Kampfstier auf den Torero.
Die zentrale These von Chomskys neuem Buch lässt sich
in einem einzigen, doch eher schlichten Satz zusammenfassen.
Die USA sind schuldig, schuldig, schuldig.
Zitat:
"Im Brustton der Selbstgerechtigkeit verlangen die
Vereinigten Staaten von anderen Ländern die strenge Einhaltung
des Völkerrechts, von Verträgen und Regeln der Weltordnung,
betrachten sie aber für sich selbst als unerheblich
eine seit langem geübte Praxis, die unter den Regierungen
Reagan und Bush II. neue Ausmaße erreicht hat."
"Der gescheiterte Staat", so lautet der Titel von
Chomskys Kampfschrift. Das Buch ist eine wüste Attacke
gegen die Supermacht USA, in der man mag Chomsky da keineswegs
widersprechen eine Menge nicht so läuft, wie es laufen
sollte.
Zitat:
"Das amerikanische System steckt in einer tiefen Krise.
Immer mehr nimmt es Züge eines "failed state",
eines gescheiterten Staates an, um einen modischen Begriff
zu verwenden. Mit dieser Bezeichnung werden üblicherweise
Staaten bedacht, die, wie der Irak, eine potenzielle Bedrohung
für unsere Sicherheit darstellen, oder die wie etwa Haiti
unser Eingreifen benötigen, um ihre Bevölkerung
vor gravierenden Gefahren zu bewahren."
Die Vereinigten Staaten auf einer Stufe mit Irak und Haiti?
Eine polemische Zuspitzung, natürlich. Obwohl man sagen
muß: Vieles von dem, was Noam Chomsky gegen das politische
System der USA vorbringt und was ihn in seiner Heimat zum
halb-dissidentischen Außenseiter macht, ginge in der
europäischen Amerika-Analyse als Mainstream durch. Zuallererst
ortet Chomsky ein Demokratie-Defizit im Mutterland aller modernen
Demokratien. Seine Hauptkritik, wenig originell: Die Lobbyisten
der Großindustrie hätten den Regierungsapparat
fest im Griff. Das Big Business und niemand sonst bestimme
die Politik der Vereinigten Staaten.
Zitat:
"Die reaktionären etatistischen Kräfte,
die die politische Macht in Händen halten, sind engagierte
Krieger. Unbeirrbar und leidenschaftlich bis zum Karikaturhaften
dienen sie mit ihrer Politik den wesentlichen Leuten oder
eher einem kleinen Teil von ihnen , unter Missachtung der
breiten Bevölkerung und zukünftiger Generationen
und zum Schaden beider."
Das heißt: Die USA haben in den Augen Noam Chomskys
ein echtes Demokratieproblem. Die Wahlbeteiligung zum Beispiel
ist immer noch erschütternd niedrig, auch wenn sie in
den letzten Jahren wieder etwas gestiegen ist. Das hängt
Chomskys Einschätzung zufolge nicht zuletzt mit dem Fehlen
einer starken Arbeiterpartei zusammen. Proletarische Schichten
gingen in den USA oft erst gar nicht zur Wahl, weil sie sich
von der politischen Klasse ohnedies nicht vertreten fühlten.
Die Folge: Die Großindustrie bestimmt die politische
Agenda noch ungenierter, als sie's ohnehin schon tut.
Bei der Aushöhlung der US-amerikanischen Demokratie
spielen Chomsky zufolge auch die Massenmedien eine wichtige
Rolle. Sie stehen, wie viele andere Bereiche der Civil Society,
unter der Fuchtel des Großkapitals. Ihre Rolle als demokratische
Kontrollinstanz nehmen sie ebenso unzulänglich wahr wie
eine ihrer im Prinzip vornehmsten Aufgaben: die, Leser, Hörer,
Seher vorurteilsfrei zu informieren. Der Qualitätsverlust
der amerikanischen Massenmedien ist in Chomskys Augen dramatisch.
Nicht minder dramatisch ist die Kommerzialisierung der politischen
Kultur, die er allerorten diagnostiziert.
Zitat:
"Wenn es darum geht, Kandidaten zu verkaufen, greift
die PR-Industrie naturgemäß auf dieselben Techniken
zurück, die sie auch bei Konsumgütern anwendet.
Durch Täuschung wird die Demokratie ebenso nonchalant
ausgehöhlt, wie ansonsten der Markt ausgehebelt wird.
Den Wählern entgeht der Mummenschanz nicht. Vor den Wahlen
des Jahres 2000 bewertete eine breite Mehrheit der Stimmberechtigten
die Wahlen als Operettenveranstaltung reicher Spendenzahler,
Parteimanager und der Werbeindustrie, die Kandidaten darauf
trimmt, ein Image zu verkörpern und mit hohlen Phrasen
auf Stimmenfang zu gehen."
Kein gutes Haar lässt Noam Chomsky auch an der US-amerikanischen
Außenpolitik. Der Irak-Krieg: in seinen Augen ein einziges
Desaster.
Zitat:
"Der Irak ist zu einem Anziehungspunkt für islamistische
Kämpfer geworden, ähnlich wie zwei Jahrzehnte zuvor
das sowjetisch besetzte Afghanistan... Außerdem hat
die Invasion im Irak das "Ansehen" antidemokratischer
Radikaler wie jener von al-Kaida in der gesamten muslimischen
Welt enorm gestärkt."
In dieser Einschätzung wird Chomsky wohl niemand widersprechen.
Daß sein Buch dennoch ein Ärgernis ist, hängt
mit vielen Faktoren zusammen: Der 78jährige weiß
vieles das meiste nur aus zweiter Hand. Es wird
wahnwitzig viel zitiert in diesem Buch, grundsätzlich
freilich nur, was Chomsky in den Kram passt. Überdies
ist nichts, aber auch gar nichts originell an dieser Abrechnung
mit dem US-amerikanischen Polit-System. Während der 340seitigen
Lektüre hat man immerfort das Gefühl: alles schon
gehört, alles schon irgendwo gelesen, bei Michael Moore
zum Beispiel, nur war's dort witziger.
Am meisten enerviert der missionarische Tonfall des Ganzen.
Noam Chomsky ist wie einer von denen, die im Wirtshaus ununterbrochen
auf einen einreden, ohne sich auch nur eine Sekunde lang dafür
zu interessieren, was das Vis a vis an Gegenargumenten, Abwägungen,
Differenzierungen einzubringen hat. Auch wenn sie oft genug
recht haben: Solche Typen nerven.
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Gesendet in der Radiosendung "Kontext", Ö1,
September 2006.
Buchhinweis:
Noam Chomsky: DER GESCHEITERTE STAAT
Antje Kunstmann Verlag (2006), 399 Seiten, ISBN: 3888974526.
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