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Rezensionen Sachbuch\Götz
Aly (2008)
GÖTZ ALY: "UNSER KAMPF 1968"
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Keine
Frage, der Mann will provozieren. Die 68er-Revolte, so Götz
Aly in seinem heißdiskutierten Buch, sei ein Spätausläufer
des totalitären 20. Jahrhunderts gewesen, zumindest in
Deutschland. In ihrem romantisch-messianischen Furor, in ihrem
antibürgerlichen Affekt, auch in ihren anti-israelischen
Ressentiments seien die 68er der Generation ihren hitler-begeisterten
Eltern näher gewesen als ihnen heute lieb sein kann.
Rudi Dutschke als eine Art antiautoritärer Goebbels -
der Vergleich tut weh. Entsprechend groß ist die Aufregung
in Deutschland. Im sogenannten kritischen Feuilleton ist Götz
Aly für seine Abrechnung mit den 68ern böse abgewatscht
worden.
OT Götz Aly: "Wir sind als Antiautoritäre
1968 angetreten, und auch das Jubiläum verdient natürlich
antiautoritäre Störungen, und ich wundere mich ein
bißchen, wie meine Generations- und ehemaligen Kampfgenossen
mit Bierernst und Blockwartmentalität darauf reagieren
und das Buch als unpassende Störung zurückzuweisen
versuchen."
Götz Aly, 1947 in Heidelberg geboren, ist selbst ein
Aktivist von anno dazumal. Als Sympathisant der maoistischen
KPD-AO und als Mitglied der "Roten Hilfe" hat der
Historiker einige Jahre lang die vom Rauch selbstgedrehter
Zigaretten erfüllte Luft linksradikaler Berliner Zirkel
inhaliert. Sein Buch eine Generalabrechnung mit der 68er-Bewegung
ist erfüllt vom Geist der Selbstkritik, auch eine Kulturtechnik,
die in den späten 60ern eine zweite oder dritte Blütezeit
erlebt hat.
OT Götz Aly: "Und es gibt noch etwas, was
mich richtig ärgert. Ich komme aus der 68er-Bewegung
und habe mich lange mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt.
Und da kriege ich natürlich ununterbrochen Beifall, wenn
ich sage: Die Ärzte haben braune Flecken, das Bundesjustizministerium,
diese und jene Bank haben braune Flecken, überall dürfen
Kontinuitäten aufgedeckt werden. Nur jetzt, wenn ich
entsprechende Kontinuitäten auch bei den 68ern postuliere,
wird plötzlich mit deutscher Spießigkeit darauf
reagiert."
Man darf Götz Alys Buch nicht als vorurteilsfreie Darstellung
der zeitgeschichtlichen Ereignisse lesen. Der 61jährige
wollte die Feierlichkeiten zum vierzigsten Jahrestag der großen
studentischen Revolution von anno 68 mit einer kleinen, polemischen
Einlassung stören, nicht mehr und nicht weniger. Das
ist ihm glänzend gelungen.
Vieles von dem, was Aly wie seine Genossinnen und Genossen
noch vor 35, 40 Jahren verdammt hat, hat er inzwischen zu
schätzen gelernt: das Gewaltmonopol des Staates zum Beispiel.
OT Götz Aly: "Eine Revolte, die zum Beispiel
das Gewaltmonopol des Staates in Frage gestellt hat, ist nicht
emanzipatorisch. Ich war vor einigen Jahren in der Ukraine,
dort habe ich eine interessante Erfahrung gemacht: wo das
Faustrecht herrscht, wo der Reichere, Mächtigere, Brutalere
sich ohne Probleme gegen Schwächere durchsetzt, sehnt
sich jeder sofort nach mehr Staat. In der Ukraine habe ich
gelernt, wie wichtig eine funktionierende Polizei für
das Recht und die grundlegende Sicherheit der Menschen ist."
Die 68er, so hört man immer wieder, hätten ihr
selbstgestecktes Ziel, die klassenlose Gesellschaft, nicht
durchzusetzen vermocht. Sie hätten sich aber bleibende
historische Verdienste erworben, indem sie die autoritären
Nachkriegsgesellschaften Westeuropas freier, offener, toleranter
gemacht hätten. Die Reformen Willy Brandts und Bruno
Kreiskys, so wird gern behauptet, seien ohne den Rückenwind
von anno 68 nicht möglich gewesen. Götz Aly teilt
diese Einschätzung nicht.
OT Götz Aly: "Die deutsche Gesellschaft
war seit Mitte der 60er Jahre von sich aus auf dem Weg zu
Reformen, das verlief ganz unabhängig von der Studentenbewegung.
Auch die sexuelle Revolution, die Erfinung der Pille, hat
nichts mit der Studentenbewegung zu tun."
Eine rein rhetorische Frage: Rudi Dutschke und Co. an der
Macht wäre das eine Vorstellung, die Götz
Aly behagte?
OT Götz Aly: "Um Gottes Willen! Eine ganz
entsetzliche Vorstellung. Ich muß auch heute noch sagen:
Ich werde lieber von Angela Merkel regiert als von Claudia
Roth, einer 68er-Genossin. Ich traue meiner eigenen Generation,
gerade wegen ihres utopischen Überschusses, nur in Ausnahmefällen
über den Weg."
Götz Alys zum Teil blendend formuliertes Buch enthält,
neben mancherlei Zuspitzungen und Übertreibungen, auch
Treffendes und Bedenkenswertes sonder Zahl. Daß jetzt
so viele "Autsch" schreien: vielleicht hat es ja
damit zu tun, daß der Autor da und dort einen wunden
Punkt getroffen hat.
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Gesendet in der Radiosendung "Kontext", Ö1,
April 2008.
Buchhinweis:
Götz Aly: UNSER KAMPF 1968
S. Fischer Verlag, Frankfurt (2008), 256 Seiten, ISBN-10:
3100004213.
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