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Rezensionen Sachbuch\Madeleine
Albright (2003)
MADELEINE ALBRIGHT: "MADAM SECRETARY DIE AUTOBIOGRAPHIE"
Aus dem Englischen von Holger Fliessbach und Angela Schumitz
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Gab
es jemanden, der sie nicht gemocht hat, von Slobodan Milosevic
vielleicht einmal abgesehen? Schwer vorstellbar. Madeleine
Albright war nicht nur eine energische Außenpolitikerin,
sie verstand es auch mühelos, das internationale Politik-Jet-Set
mit mütterlichem Charme und alteuropäischer Courtoisie
um den Finger zu wickeln. Das Fernsehpublikum in weiten Teilen
der Welt scheint die charmante Ministerin mit dem Habichtsgesicht
ebenso gemocht zu haben wie ihr Förderer und Mentor Bill
Clinton. Unvergeßlich Albrights Auftritt mit Vaclav
Havel, unvergeßlich ihre nicht nur politischen Flirts
mit Joschka Fischer. Jetzt also hat "Madam Secretary"
ihre Lebenserinnerungen vorgelegt. Wer Augen hat zu lesen,
der kann hier in aller Detailliertheit nachvollziehen und
miterleben, wie sich die atemberaubende Karriere des tschechischen
Flüchtlingsmädchen Madlenka zur ranghöchsten
Frau der US-amerikanischen Geschichte vollzogen hat. madeleine
Albright hat einen inspirierten Schmöker vorgelegt. Der
Mensch, dem sie am meisten zu verdanken habe, schreibt die
Außenministerin a.D., sei ihr Vater Josef Körbel
gewesen.
Körbel, Diplomat aus dem Kreis um den legendären
tschechoslowakischen Außenminister Jan Masaryk, muß
ein charismatischer Mann gewesen sein. In den 30er Jahren
diente er der ersten tschechoslowakischen Republik als Diplomat
in Belgrad. Nach dem Einmarsch der Nazis in Prag emigriert
Körbel mit seiner Familie nach London. Dort arbeitet
er für die tschechoslowakische Exilregierung. 1945 kehrt
die Familie nach Tschechien zurück, im gleichen Jahr
wird der damals 36jährige als Botschafter nach Jugoslawien
berufen. Als die Kommunisten 1948 mit einem Staatsstreich
die Macht in Prag übernehmen, werden Körbel und
die seinen zum zweiten Mal ins Exil getrieben. madeleine ist
zu diesem Zeitpunkt elf Jahre alt. Die Familie flieht ins
"Gelobte Land" der tschechischen Demokraten, in
die Vereinigten Staaten. Familie Körbel lebt in Armut,
später in bescheidenem Mittelschicht-Wohlstand. Ihr Vater,
schreibt Madeleine Albright, habe ihr von Anfang an eine fundamentale
Aversion gegen Totalitarismen aller Art eingeipmft. Um sie
zu verstehen, betont Clintons Außenministerin, müsse
man ihren Vater verstehen.
Zitat:
"Ich stelle mir immer vor, daß anderer Leute
Väter über weniger ernste Dinge wie zum Beispiel
Sport reden. Mein Vater redete mit mir über Geschichte
und Außenpolitik, wann immer sich die Gelegenheit dazu
bot. Seine Überzeugungen wurden nach und nach die meinen."
Madeleine Albright wächst in Denver/Colorado auf. Ihre
Eltern kultivieren wie Emigranten es tun einen zutiefst
europäischen Lebensstil: Papa Körbel bringt seinen
Töchtern tschechische und slowakische Volkslieder bei,
Mama Körbel brilliert bei den bescheidenen Gardenparties,
die sie bisweilen veranstaltet, mit ihren Knedliky-Kochkünsten.
Tochter Madeleine sind diese Koch- und Kalorienexzesse schrecklich
peinlich. Sie ist zu dieser Zeit eifrig bemüht, ein unauffälliger
amerikanischer Teenager zu werden.
Zitat:
"Ich mochte nie jemanden zum Essen oder zum Übernachten
bei uns einladen, aus Angst, meine Eltern könnten irgendetwas
Europäisches tun und mich in Verlegenheit bringen."
Madeleines Ehrgeiz zu dieser Zeit: eine zuckersüße
High-School-Maus zu sein wie alle anderen. Ihre Erfolge dabei:
bescheiden, äußerst bescheiden.
Zitat:
"Weil ich eher pausbäckig und mollig war als
groß und blond, konnte ich mit den eleganteren All-American-Girls
nicht mithalten. Ich hatte offenkundig nicht den Stallgeruch
des Denver Country Club. Da aber der Gruppendruck enorm war,
MUSSTE ich zu den diversen Partys gehen. Mit anderen Worten:
ich wurde zu dem Martyrium eingeladen, das ewige Mauerblümchen
zu sein."
Eine Demütigung, die Madeleine Körbel mit ihren
intellektuellen Leistungen mehr als wettmacht. Ihr Ehrgeiz
ist es nun, zur Klassenbesten zu werden, ohne ihre Mitschülerinnen
allzu sehr zu provozieren. Das scheint ihr zu gelingen, obwohl
sie das Image der Streberin nie ganz loswird, wie sie schreibt.
Zuletzt hat sie doch noch eine High-School-Romanze: Der junge
Mann heißt Elston Mayhew, mit ihm verbringt Madeleine
ein paar romantische Monate. Die junge Frau wechselt aufs
College nach Wellesley und beginnt sich parteipolitisch zu
engagieren.
Zitat:
"Die meisten Studentinnen in Wellesley waren Republikanerinnen.
Ich war bei den College-DEMOKRATEN. Wir waren eine kleine
Gruppe, aber wir fanden uns tapfer und bekennermütig
zusammen."
Sie habe sich zeitlebens als Liberale mit sozialem Gewissen
betrachtet, schreibt Albright. Den Feminismus der 68erinnen
habe sie mit Sympathie zur Kenntnis genommen, obwohl sie selbst
aus einer anderen, etwas konservativeren Generation stamme.
Zitat:
"Als ich Ende der 50er Jahre mein Studium beendete,
gehörte ich zu einer Generation von Frauen, die sich
noch immer unsicher waren, ob sie gute Hausfrauen und Mütter
sein und gleichzeitig Erfolg im Beruf haben konnten. Vom Tag
meiner Graduierung bis zum Erwachsenwerden meiner Kinder hatte
ich mit dem uralten Problem zu kämpfen, die Ansprüche
der Familie mit meinen akademischen und beruflichen Interessen
zu vereinbaren."
Madeleine Albright hat das ganz gut gemacht: Als Bill Clinton
sie zur UNO-Botschafterin und später zur Außenministerin
ernennt, darf die Karrierepolitikerin stolz auf sich sein.
Keine andere Frau in der Geschichte der Vereinigten Staaten
hat je eine derart hochrangige Position eingenommen wie Madeleine
Albright. Sie wird zur allgemein akzeptierten, zur erstklassigen
Außenministerin. Ihre Leistungen sind eindrucksvoll:
Albrights Politik trägt maßgeblich zur Beendigung
des Völkermords im Kosovo bei, sie sucht den Ausgleich
mit Jelzins Rußland, im Unterschied zur Bush-Administration
bemüht sie sich zusammen mit Bill Clinton ernsthaft um
eine Friedenslösung für den Nahen Osten. In dreitausend
Tagen Regierungstätigkeit legt Madeleine Albright eineinhalb
Millionen Reisekilometer zurück. Sie kann sich dabei
nicht zuletzt auf ein enggeknüpftes Frauennetzwerk stützen,
das sie sich seit ihren High-School-Tagen in Denver aufgebaut
hat. Dabei habe sie sich einiges von ihren männlichen
Kollegen abgeschaut, bekennt Albright:
Zitat:
"Für Männer im offiziellen Washington ist
der Rückgriff auf solche Netzwerke eine Selbstverständlichkeit.
Kontakte werden schon in der Schule oder auf der Universität
geknüpft, oder später beim Einstieg in eine Anwaltskanzlei
oder eine Tätigkeit auf dem Kapitol. Mit fortschreitender
Karriere werden diese Netze natürlich immer verzweigter.
Bei Spielen der Washington Redskins und beim Golf pflegt man
seine Freundschaften, der gemeinsame Konsum von Drinks, Steaks
und Zigarren gehört dazu. Man erweist sich Gefälligkeiten.
In diskreten Anrufen oder Unterredungen werden Probleme gelöst
und Geschäfte ausgehandelt."
Sie habe das so ähnlich gemacht, gesteht Albright, wenngleich
sie ihre Mitstreiterinnen wohl nur in Ausnahmefällen
bei den Heimspielen der Washington Redskins getroffen hat.
Madeleine Albright ist ein Vollprofi, auch beim Bücherschreiben.
Sie habe sichergehen wollen, schreibt sie im Vorwort ihrer
Memoiren, daß die Hauptfigur des Buchs die Leserinnen
und Leser nicht langweile. Das ist Madame Secretary a.D. über
weite Strecken gelungen. Wenngleich man sich bisweilen fragt:
Will man das alles wirklich so genau wissen etwa wenn sich
Albright detailliert über Trends und Probleme der malaysischen
Innenpolitik oder über die Intrigenspiele im Weißen
Haus ausläßt. Amerikanisten, Zeitgeschichtler und
Profileser im elften oder zwölften Stock der Moskauer
KGB-Zentrale werden die Fülle an Material durchaus zu
schätzen wissen. Der politisch interessierte Normalmensch
mag sich allerdings fragen, ob er Albrights wuchtige Memoiren
wirklich stemmen möchte, zumal in diesem Herbst eine
Vielzahl spektakulärer Bücher erscheinen, die man
als teilnehmender Zeitgenosse eigentlich lesen sollte, von
Stefan Müller-Doohms Tausend-Seiter über Adorno
bis zu Susan Sontags Foto-Essays, von Imre Kertesz finaler
Auseinandersetzung mit Auschwitz bis zu Norbert Gstreins vielschichtigem
Kosovo-Roman. Ganz ehrlich: Madeleine Albright hat ein tolles
Buch geschrieben. Nur. Die halbe Länge hätte es
auch getan.
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Gesendet in der Radio-Sendung "Kontext", Ö1,
Oktober 2003.
Buchhinweis:
Madeleine Albright: MADAM SECRETARY DIE AUTOBIOGRAPHIE
Bertelsmann Verlag (2003), 572 Seiten, ISBN: 3570007294.
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