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Rezensionen Literatur\Richard Yates
(2006)
RICHARD YATES: "ELF ARTEN DER EINSAMKEIT"
Short Stories aus dem Englischen von Anette Grube und Hans
Wolf
RICHARD YATES: "ZEITEN DES AUFRUHRS"
Roman aus dem Englischen von Hans Wolf
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Man
faßt es nicht: 44 Jahre hat es gedauert, bis Richard
Yates' meisterhafte Short-Story-Sammlung "Elf Arten der
Einsamkeit" in deutscher Übersetzung vorliegt. Das
mag mit der prekären Rezeptionsgeschichte des 1992 verstorbenen
Autors zu tun haben. Selbst in den USA war Yates lange Zeit
halb vergessen, obgleich Kollegen wie Richard Ford, Stewart
O'Nan und Joyce Carol Oates sich immer wieder als glühende
Yates-Verehrer geoutet haben.
"Elf Arten der Einsamkeit" ein treffenderer
Titel läßt sich kaum denken. Yates erzählt
von den Schattenseiten des American Dream, von vereinsamten
TBC-Patienten und traurigen Pflichtschullehrerinnen, von wortkargen
Army-Feldwebeln und schicksalsergebenen Sekretärinnen,
die genau den Mann heiraten, der sie todsicher unglücklich
machen wird. Der Autor geht mit äußerster Lakonik
ans Werk, Yates' Texte erzielen mit sparsamsten Mitteln ein
Maximum an Wirkung. In der ersten Story des Bandes
"Doktor Schleckermaul" wird die Geschichte
eines Volksschul-Outcasts erzählt: Vincent Sabella kommt
in eine neue Klasse. Der Bub hat viele Jahre in New Yorker
Waisenhäusern verbracht, seit kurzem lebt er bei Pflegeeltern
in einem Mittelschichts-Städtchen in der Nähe der
Hudson-Metropole. Als Sabella die neue Klasse betritt, mustern
ihn die Mitschüler verächtlich: Seine Kleidung,
der ordinäre Slang, die gelben Zähne, all das weist
ihn unzweifelhaft als Unterschichtler aus.
Zitat:
"Normalerweise trug der Umstand, daß einer aus
New York kam, dem Betreffenden ein gewisses Prestige ein.
Andererseits war auf den ersten Blick zu erkennen, daß
Vincent Sabella überhaupt nichts mit Wolkenkratzern zu
tun hatte."
Die abgetragene Kleidung des Kleinen, die geduckte Haltung,
die krächzende Stimme, all das macht ihn von Anfang an
zum Klassenparia. Daß ihn Miss Price, die junge Lehrerin,
aus naiver Gutwilligkeit heraus gegenüber seinen Mitschülern
bevorzugt, macht den Knirps erst recht zum Klassensozialfall.
Richard Yates zeichnet das einfühlsame Porträt eines
Außenseiters, mit Takt und Empathie, aber auch mit leisem,
unaufdringlichem Witz.
In seinen formvollendeten Kurzgeschichten beweist der 1926
in Yonkers geborene Autor einen klaren Blick für soziale
Differenzen, Yates schreibt cool, präzise, unsentimental.
Eine Edward-Hopper-hafte Melancholie liegt über diesen
Stories. Von einem Durchschnitts-Loser handelt auch die Erzählung
"Ein Masochist". Geschildert wird ein schicksalsschwangerer
Tag im Leben des Angestellten Walter Henderson: der Tag, an
dem er gefeuert wird.
Zitat:
"Die Tür zu seinem Büroabteil schwang auf,
und sein Chef George Cromwell stand da und blickte unbehaglich
drein. "Könnten Sie kurz in mein Büro kommen?"
"Gut, George."
Walter folgt ihm aus seinem Abteil durch das Großraumbüro,
spürt die vielen Blicke in seinem Rücken. Würde
behalten, sagt er sich. Jetzt war es wichtig, Würde zu
behalten."
Walter ahnt es seit Wochen: Die Firma will ihn loswerden.
Er ist der geborene Verlierer, einer, der sich auf perverse
Weise wohlfühlt in der Rolle des Opfers. Yates zeigt
seinen Protagonisten als Schussel vom Dienst, als einen, der
zwanghaft heftig gegen Türen drückt, auf denen "Ziehen"
steht. In seinem Job fühlt Walter sich überfordert,
er bewältigt die Aufgaben nicht, die ihm sein Chef anvertraut
hat.
Zitat:
"Walt, ich möchte nicht um den heißen Brei
herumreden", sagte sein Vorgesetzter... "Mister
Harvey und ich sind widerstrebend zu dem Schuß gekommen,
daß es am besten wäre, Sie gehen zu lassen. Das
ist", fügte er rasch hinzu, "nicht gegen Sie
persönlich gerichtet. Wir haben hier eine hochspezialisierte
Arbeit, und wir können nicht von jedem erwarten, daß
er immer auf dem neuesten Stand ist."
Richard Yates schildert das Drama einer beruflichen Demütigung:
das Ausräumen des Schreibtischs, die Mitleidsbekundungen
der Kollegen, die Sekretärin, die aus allen Wolken fällt,
der tragische Abgang zwischen zwei sich schließenden
Lifttüren, die Ahnungslosigkeit der Kinder zu Hause,
die Frau, die ängstlich um den niedergeschmetterten Gatten
bemüht ist der Autor trifft genau den richtigen
Ton in dieser traurigen Geschichte.
Vielleicht
gibt die Traurigkeit dieser Erzählung auch einen Hinweis
darauf, warum Richard Yates so lange kaum zur Kenntnis genommen
wurde. Wie durch die Short-Stories Raymond Carvers spukt auch
durch Yates' Geschichten eine tiefempfundene Hoffnungslosigkeit,
eine elegische Trostlosigkeit, die gewiß nicht von jedermann
goutiert wird. Einen schwer zu leugnenden Vorzug haben diese
Geschichten allerdings: ihre Wahrhaftigkeit.
Als trostlos darf in gewisser Weise auch Richard Yates Biographie
charakterisiert werden. Zu Beginn der Sechziger feierte der
zu exzessivem Alkohol- und Nikotin-Mißbrauch neigende
Autor einen gewissen Erfolg mit zwei Titeln: mit dem hier
besprochenen Erzählband und mit dem Roman "Zeiten
des Aufruhrs", einer virtuos gearbeiteten Abrechnung
mit der amerikanischen Mittelschichts-Spießigkeit der
50er Jahre. Nachdem er sich so ein beachtliches Entree in
die US-amerikanische Literaturszene verschafft hatte, ging
es rapid bergab mit Richard Yates. Bis in die frühen
Neunziger Jahre verdingte er sich als Creative-Writing-Dozent
an verschiedenen Provinz-Colleges, dabei soff und tschickte
sich der unendlich begabte Schriftsteller konsequent und letztlich
erfolgreich dem Grab entgegen. In seinen späteren Arbeiten,
so versichern Kenner seines Werks, hat Richard Yates nie wieder
die Qualität der ersten beiden Bücher erreicht.
Diese beiden Bücher liegen nun in deutsche Übersetzung
vor: Der Manesse-Verlag hat Yates fulminanten Erstlingsroman
"Zeiten des Aufruhrs" soeben in einer schönen
Ausgabe unter die Leute gebracht. Und in der Erzählsammlung
"Elf Arten der Einsamkeit", die DVA jetzt vorgelegt
hat, lassen sich einige jener Kurzgeschichten nachlesen, die
Richard Yates' Ruhm mitbegründet haben. Denn eines ist
unbestreitbar: Diese Short-Stories gehören zum Vollkommensten,
was das Genre zu bieten hat.
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Gesendet in der Radiosendung "Ex Libris", Ö1,
Juni 2006.
Buchhinweis:
Richard Yates: ELF ARTEN DER EINSAMKEIT
Short Stories, Deutsche Verlags Anstalt (2006), 286 Seiten,
ISBN: 3421058598.
Richard Yates: ZEITEN DES AUFRUHRS
Roman, Manesse Verlag (2006), 570 Seiten, ISBN: 3717520865.
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