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Rezensionen Literatur\John Updike
(2006)
JOHN UPDIKE: "TERRORIST"
Roman aus dem Englischen von Angela Praesent
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Nichts
leichter als John Updikes neuen Roman zu verreißen.
Die rezensierende Kollegenschaft von der "Zeit"
bis zur FAZ hat die Chance denn auch gerne, allzu gerne
genützt. Fragt sich nur: Wenn der ewige Nobelpreis-Anwärter
aus Neuengland so gnadenlos gescheitert ist, wie viele behaupten,
warum bereitet die Lektüre seines neuen Romans dann ein
derartiges Vergnügen sofern man einem Buch mit
Terrorismus-Thematik überhaupt ein Attribut wie "Vergnüglichkeit"
zubilligen möchte. Eine Antwort könnte sein: Weil
Updike auch im Scheitern ein Meister ist, weil er mit leichter
Hand Figuren, Plots, Konflikte zu entwerfen vermag, die sich
auf wundersame Weise ins Gedächtnis brennen. Wen stört's,
daß die Story kleine Übertreibungen, Unglaubhaftigkeiten
aufweist? Mit seinem schwungvollen Erzählstil macht Updike
das mehr als wett.
Die Archaik des islamistischen Terrors, bei John Updike kommt
sie geradewegs aus dem Herzen der westlichen Kultur. Ahmed
heißt der Protagonist seines Romans, ein 18jähriger
High-School-Schüler aus einem schäbigen Industriestädtchen
an der US-amerikanischen Ostküste. Ahmeds Vater, ein
ägyptischer Austauschstudent, hat sich vor Jahr und Tag
aus dem Staub gemacht, seine "Mam", Aushilfskrankenschwester
und Hobbymalerin mit irischen Wurzeln, versucht mit dem eigenwilligen
Jungen als Alleinerzieherin so gut es geht zurechtzukommen.
Ahmed ist ein ernsthafter junger Mann: Zwei Mal die Woche
pilgert er in eine versteckt gelegene Moschee in der West
Main Street, um bei Scheich Rashid, seinem verehrten Lehrer,
Koranunterricht zu nehmen.
Zitat:
"Der Imam bot ihm ein halbes Gesicht dar, die untere
Hälfte verbarg ein gestutzter, grau melierter Bart. Seine
dünne Nase war gebogen und die Haut seiner Wangen bleich,
jedoch nicht so bleich wie bei den Angelsachsen oder Iren,
sondern auf jemenitische Art bleich - wächsern, ebenmäßig,
undurchdringlich."
Von seiner Erscheinung her erinnert Scheich Rashid ein bisschen
an Osama bin Laden, eine ironische Pointe, die Updike sich
offenbar nicht verkneifen konnte. Imam Rashid führt seinen
Schüler nicht nur in die Mysterien des klassischen Hoch-Arabisch
ein, er diskutiert mit ihm auch Fragen der rechten Koran-Auslegung.
Eines Tages wagt Ahmed den Lehrer zu fragen, ob es in der
Auseinandersetzung mit den Ungläubigen nicht besser sei,
auf "Bekehrung" zu setzen als auf den Dschihad,
ob man nicht auch Mitleid haben sollte mit den Gottlosen.
Eine Frage, auf die der Imam ungehalten reagiert.
Zitat:
"Die Kakerlaken, die unter der Fußleiste und
unter dem Spülbecken hervorkommen hast du mit
ihnen Mitleid?" fragte er. "Die Fliegen, die um
das Essen auf dem Tisch herumsirren, darauf herumkrabbeln
mit ihren schmutzigen Füßen, die eben noch über
Kot und Aas spaziert sind hast du mit Ihnen Mitleid?
Nein, du willst sie vernichten. Mit ihrer Unsauberkeit sind
sie dir lästig... Sie sind Äußerungen des
Satans, und Gott wird sie am Tag des Jüngsten Gerichts
erbarmungslos vernichten. Er wird frohlocken, wenn sie leiden.
Du, Ahmed, tu gleichermaßen. Wer meint, Kakerlaken verdienen
Erbarmen erhebt sich über den Allmächtigen,
maßt sich mehr Erbarmen an als der Barmherzige."
Ahmed fühlt sich als Außenseiter, nicht nur an
der High-School. Die US-amerikanische Kultur erscheint ihm
als müdes, ausgepowertes System, das auf geistigen Nihilismus
und materiellen Konsumismus setzt. Ein nachgerade prototypischer
Vertreter dieses Systems könnte Jack Levy sein. Mister
Levy, 63, unterrichtet seit 37 Jahren Geschichte und Gemeinschaftskunde
an Ahmeds High School, seit sechs Jahren ist der alte Mann
als Schülerberater tätig, ein schlecht angezogener,
melancholischer alter Brummbaer, der seinen Job ambitionslos
runterbiegt.
Jack Levy will nicht widerspruchslos hinnehmen, daß
Ahmed nach der Schule die Laufbahn eines Lastwagenfahrers
einschlagen soll, wie der Imam es wünscht. Der junge
Mann hat das Zeug zu Höherem, das erkennt er und:
Er ist gefährdet durch die finsteren Fundis, deren Umgang
er sucht. Damit ist Lehrer Levy auf der richtigen Spur: Nach
Abschluß der Schule heuert Ahemd nämlich als LKW-Fahrer
beim Möbelunternehmen "Excellency" an, einer
dubiosen Bude im Besitz einer libanesischen Familie. Hier
wird dem jungen Mann jene Ausbildung zuteil, die ihn in den
Augen seiner islamistischen Hintermänner zu Höherem
prädestiniert: Am Jahrestag des 11. September soll Ahmed
Malloy einen mit Sprengstoff beladenen LKW im Lincoln-Tunnel
in New York in die Luft jagen. Am Vorabend des großen
Tages trifft der junge Suicid Bomber noch einmal mit seinem
Lehrer zusammen.
Zitat:
"Der Imam schaute auf mit einer Neugier auf ihn hinab,
die Ahmed daran erinnerte, wie er selbst stehend auf den Wurm
und den Käfer hinuntergeblickt hatte. Scheich Rashid
war von ihm fasziniert wie von etwas zugleich Abstoßendem
und Heiligem.
"Mein lieber Junge, ich habe doch keinen Zwang auf dich
ausgeübt?" sagte er.
"Also... Nein, Meister. Wie denn auch?"
"Ich meine: Du hast dich doch aus freien Stücken
erboten, erfüllt von deinem Glauben?"
"Ja, und aus Haß auf diejenigen, die Gott verhöhnen
und verwerfen."
Das Kunstvolle an Updikes Roman: Die Wandlung Ahmeds zum
Selbstmord-Attentäter erscheint absolut glaubhaft. So
absurd es klingen mag: Updike lässt den jungen Mann aus
idealistischen Motiven eine Terroristen-Laufbahn als anstreben.
In einem packenden Finale lenkt der junge Mann einen weißlackierten
GMC-LKW mit der Aufschrift "Rollos mit System" in
Richtung Lincoln-Tunnel. Im Frachtraum: 4000 Kilo Ammoniumnitrat-Dünger,
gemischt mit Rennwagentreibstoff. Wellen von Panik überfluten
den 19jährigen. Zugleich ist Ahmed seiner Sache völlig
sicher: Er wird dem Reich des Bösen eine Abreibung verpassen,
auf den Straßen von Damaskus und Karatschi werden sie
ihm zu Ehren tanzen. Da entdeckt er am Straßenrand einen
heftig winkenden alten Mann. Es ist erraten
niemand anderer als Jack Levy, der alte, ausgebrannte, Beratungslehrer,
der den Kampf um Ahmeds Zukunft noch längst nicht aufgegeben
hat. Ahmed zögert, dann lässt er Lehrer Levy einsteigen...
Eine kolportagehafte, eine alles andere als glaubhafte Wendung
aber was solls, irgendwie kauft man Updike auch
das ab. Darin liegt ja die Könnerschaft eines Erzählers,
daß man ihm auch in die absurdesten Verwinklungen einer
Geschichte zu folgen bereit ist, sofern er sie nur einigermaßen
plausibel gestaltet hat. Und irgendwie hat Updike, der alte
Fuchs, das wieder einmal geschafft. Man kann die Verrisse
natürlich für bare Münze nehmen und sich die
Lektüre des neuen Updike-Romans schenken. Man bringt
sich dabei allerdings um ein, zwei Tage intensiven Lesegenuß
sofern man, wie erwähnt, bereit ist, die eine
oder andere Unglaubhaftigkeit in Kauf zu nehmen.
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Gesendet in der Radiosendung "Ex Libris", Ö1,
September 2006.
Buchhinweis:
John Updike: TERRORIST
Roman, Rowohlt Verlag (2006), 396 Seiten, ISBN: 3498068857.
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