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Rezensionen Literatur\Marlene Streeruwitz
(1999)
WER FORSCHT SCHON GERNE UNTER PALMEN?
Mit "Nachwelt." legt Marlene STREERUWITZ ihren
bisher ambitioniertesten Roman vor.
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Die
Bücher der Marlene Streeruwitz sind alles andere als
leichte Kost. Man kann sie nicht weglesen wie die Romane Margaret
Atwoods oder Donna Leons. Streeruwitz mutet ihrem Publikum
etwas zu: Sie weiß, dass Literatur weh tun muss, wenn
sie etwas taugen soll. Wer also von der Lektüre zeitgenössischer
Prosa Entspannung, Ablenkung und Unterhaltung erwartet, ist
bei dieser Autorin entschieden an der falschen Adresse. Wer
aber aus ästhetischer Radikalität und sprachphilosophischer
Kompromisslosigkeit Vergnügen zieht, dem wird Marlene
Streeruwitz auch in ihrem jüngsten Opus mancherlei bieten.
Im Zentrum des Romans steht eine Wienerin namens Margarethe
Doblinger. Die Enddreißigerin fliegt für zehn Tage
nach Los Angeles, um Material für eine Anna-Mahler-Biographie
zu sammeln. In L.A. trifft sie Freunde und Schüler der
verstorbenen Bildhauerin, interviewt Verflossene und Verehrer.
Die Puzzleteile fügen sich zu keinem kompletten Bild.
Die Umrisse Anna Mahlers, der Tochter von Alma und Gustav
Mahler, bleiben seltsam unscharf. Am Ende muss Margarethe
Doblinger erkennen, dass das Schreiben von Biographien ein
eitles Unterfangen darstellt. Es setzt Kenntnisse voraus,
die man nicht haben kann. Daran vermögen auch detailversessene
Recherchen nichts zu ändern.
"Nachwelt." ist der bisher umfangreichste Roman
von Marlene Streeruwitz. Erstmals wagt sich die Autorin auch
geographisch über die Grenzen Österreichs hinaus,
ein Schritt, der zunächst nach Kalifornien, dann allerdings
wen wundert's gleich wieder nach Österreich zurückführt.
Sprachlich setzt Streeruwitz die Tradition ihrer früheren
Romane fort: Sie schreibt spröd und schmucklos bis zur
Eintönigkeit, mit jähen Rhythmuswechseln und raren
poetischen Momenten.
Überzeugend ist die Konsequenz, mit der sich die Autorin
einer geschlossenen Romankonzeption verweigert. Sie hat umfangreiche
Originalton-Passagen in ihren Text eingebaut Interviews
mit Ernst Krenek und anderen Akteuren im Leben Anna Mahlers.
Die verschiedenen Stimmen sind auf geschickte Weise in das
Romanganze eingewoben.
Am Ende des Romans wird ihre Protagonistin Margarethe Doblinger
nach Wien zurückkehren um einige Einkäufe und
ein paar Erfahrungen reicher. Im sonnigen Kalifornien hat
sie wenig über Anna Mahler und viel über sich selbst
erfahren. "Nachwelt." ist die unsentimentale, präzise
beobachtete Selbstfindungsgeschichte einer Frau.
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Erschienen in "Der
Standard", 25. September 1999.
Buchhinweis:
Marlene Streeruwitz: NACHWELT.
Roman, S. Fischer Verlag (1999), 420 Seiten, ISBN: 3100744241.
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