|
Rezensionen Literatur\Margit Schreiner (2003)
MARGIT SCHREINER: "HEISST LIEBEN"
Roman
Rezension von Günter Kaindlstorfer
"Am
Ende bringen wir unsere Mütter um, weil wir nicht mehr
lügen wollen." Margit Schreiners Roman beginnt
mit einem starken Satz. Ähnlich stark geht es dann weiter
auf den folgenden 150 Seiten. Die österreichische Autorin
schreitet zu einer ebenso effektvollen wie bissigen Abrechnung
mit überfürsorglichen, ängstlichen, besitzergreifenden
Müttern. Tenor der Schreinerschen Mutterkritik: Viele
"Mammas" übten einen regelrechten Aufopferungs-Terror
aus, vielen von ihnen sei es ausschließlich um die Meinung
der Nachbarn und Anverwandten zu tun, nicht um das wahre Wohlergehen
ihrer Kinder. Margit Schreiner, selbst Mutter einer 12jährigen
Tochter, wird emotional, wenn es um dieses Thema geht.
OT Schreiner: "Da gibt's ja diese berühmten
Aussagen von Müttern: Du musst immer eine frische Unterhose
anhaben, sonst muß ich mich noch für dich genieren,
wenn du einmal einen Unfall hast. Ich glaube schon, dass Mütter
unter einem enormen Anpassungsdruck stehen, denn sie kriegen's
ja zurück, von den Nachbarn, Lehrern, anderen Erziehungsberechtigten."
Wie in ihren früheren Büchern macht Margit Schreiner
auch in ihrem jüngsten auf witzig-humorvolle Weise die
Licht- und Schattenseiten des österreichischen, aber
nicht nur des österreichischen, Kleinbürgertums
zum Thema. Im ersten Teil ihres Romans steigert sich die in
Linz lebende Autorin zu einem ironischen Mutterbeschimpfungs-Furor,
der in seiner polemischen Rücksichtslosigkeit an die
Schimpfkanonaden Thomas Bernhards erinnert. An einer der Schlüsselstellen
des Buchs heißt es:
Zitat:
"Unsere Mütter haben uns nie gesehen, wie wir
wirklich sind. Unsere Mütter haben uns nie beachtet.
Haben uns nie erkannt. Manchmal denken wir, alles war ihnen
wichtiger als wir. Jeder Nachbar war ihnen wichtiger, jede
Familienfeier, jeder Eindruck, den andere von uns hatten.
Wir denken, der Eindruck, den jeder einzelne Lehrer von uns
hatte, war ihnen wichtiger als wir, der Eindruck, den wir
auf irgendeinen Arzt machten, war ihnen wichtiger als unser
Wohlbefinden. Es war ihnen viel wichtiger, was andere über
uns sagen, als das, was wir selbst sagen."
Souverän hält Margit Schreiner in ihrem Buch die
Balance zwischen heiter-sarkastischen und melancholischen
Elementen. Eindringlich beschreibt sie das Sterben ihrer alten
Mutter, den Abschied der Tochter von einer Frau, die mehr
als jede andere ihr Leben geprägt hat. Am Ende wird doch
noch so etwas wie Versöhnung möglich zwischen der
einst so schrapnellhaften Mutter und ihrer um Selbstbestimmung
ringenden Tochter. Wie nebenbei gelingt Schreiner auch das
Porträt einer Generation von vorfeministischen Frauen,
die sich mehr oder weniger widerstandslos auf die Rolle von
Hausfrauen und Müttern festlegen ließen. Das vorherrschende
Lebensgefühl dieser Frauengeneration war oder ist in
Schreiners Augen: Angst.
OT Schreiner: "Ein Mensch, der sich nicht frei
bewegen kann... der wird eine Grundlage an Lebensangst haben.
Dann gibt's noch einmal eine Generation... Zweiten Weltkrieg...
mehr Angst... die die Erfahrung gemacht haben: Absolute Anpassung
ist notwendig, sonst können bestimmte Familienmitglieder
spurlos verschwinden."
Margit Schreiner versteht sich als gesellschaftspolitisch
engagierte, als auch feministisch aufgeklärte Autorin.
Da muß man sie natürlich fragen: Wo bleiben die
Väter in ihrem Roman?
OT Schreiner: "Ja, also in dem Buch, das ich
jetzt geschrieben hab, sind die Männer überhaupt
abwesend... haben die Eigenschaft zu verschwinden... früher
ausschließlich zum Stammtisch, heute gehen Sie vielleicht
Extremklettern oder Segeln... aber die Väter sind die
großen Familienflüchter."
Margit Schreiner hat ein peppiges Buch geschrieben ein
Buch, das für hitzige Debatten sorgen sollte, nicht nur
unter Töchtern und Müttern.
____________________
Gesendet in der Radio-Sendung "DRS 2 aktuell",
DRS/Schweiz, August 2003.
Buchhinweis:
Margit Schreiner: "HEISST LIEBEN"
Roman, Schöffling Verlag (2003), 152 Seiten, ISBN: 3895612731.
Alle LITERATUR-REZENSIONEN
im Überblick
|