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Rezensionen Literatur\Bernhard
Schlink (2006)
BERNHARD SCHLINK: "DIE HEIMKEHR"
Roman
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Wie
gnadenlos Literaturkritiker sein können! Kaum ein Rezensent,
der Bernhard Schlinks neuen Roman nicht durch Sonne und Mond
geschossen hätte. Gustav Seibt, Kritiker der "Süddeutschen
Zeitung", will sich bei der Lektüre durch "narratives
Styropor" gefressen haben; der Rezensent der NZZ bemängelte
den "konstruierten" Plot; Volker Weidermann wiederum
kanzelte Schlinks Odyssee-Paraphrase in der FAZ als "Buch
des Grauens" ab, als sprachlich mißglückten
Kolportageroman, der in der "Endlosrille des Kitsches"
hängen bleibe.
"Endlosrille des Kitsches"? Das wohl nicht. Bernhard
Schlink zeigt sich im Gegenteil heftig um eine nüchterne,
die Untiefen des Gefühligen konsequent umschiffende Sprache
bemüht. Daß sein Roman dennoch nicht zu überzeugen
vermag, hängt mit anderen Faktoren zusammen: mit der
klischierten Figurenzeichnung, mit einer gewissen Überkonstruiertheit,
mit ärgerlichen Unglaubhaftigkeiten da und dort.
Dabei fängt das Buch verheißungsvoll an. Der Jurist
Peter Debauer erinnert sich der bukolischen Nachkriegssommer
seiner Kindheit. Die durfte der vaterlose Bub aus West-Deutschland
bei den Großeltern in der Schweiz verbringen. Die Eisenbahnreisen
des Knaben, die beschaulichen, mit bescheidenen Abenteuern
angereicherten Bubensommer am Zürichsee schildert Schlink
in starken, lebensechten Farben. Eines Tages beginnt der halbwüchsige
Ich-Erzähler im Fragment eines jener Groschenromane zu
lesen, über deren Redaktion seine Großeltern abends
am Küchentisch sitzen. Sie fungieren als Herausgeber
einer Groschenroman-Reihe. Der Enkel zeigt sich fasziniert
von der Schilderung einer Kriegsheimkehr: Ein deutscher Landser
berichtet von seiner abenteuerlichen Flucht aus sowjetischer
Kriegsgefangenschaft. Der Bub liest den Heftchen-Roman nicht
zu Ende, was er später, als Erwachsener, bereut.
Jahrzehnte später, bei einem Umzug, bekommt der Protagonist
das Romanfragment wieder in die Hände - die Geschichte
fasziniert ihn heute noch mehr als damals. Er erkennt eine
auf Konsalik getrimmte Variante der "Odyssee" in
dem Text, zudem ist er sicher: Der Landser im Heftchenroman
kehrt genau in jene deutsche Industriestadt zurück, in
der Debauer was für ein Zufall heute lebt.
Der Jurist beginnt zu recherchieren: Wer ist der anonyme Verfasser
des Groschenromans? Beruht die Fluchtgeschichte auf realen
Erlebnissen? Wie endet die Story?
Zu diesem Zeitpunkt ahnt man längst: Der Verfasser des
Romans ist niemand anderer als der in den Wirren des Weltkriegs
verschollene Vater des Protagonisten. Peter Debauer, inzwischen
Lektor in einem juristischen Fachverlag, macht sich auf die
Suche. Sein Vater, ein Schweizer, der mit den Nazis sympathisiert
und in NS-Gazetten wie dem "Reich" Hetzartikel veröffentlicht
hat, lebt heute als angesehener Professor in New York. Unter
dem Namen John de Baur hat der Papa in den letzten Jahrzehnten
eine beachtliche Karriere gemacht, Kenner halten de Baur inzwischen
für einen der einflußreichsten Vertreter der dekonstruktivistischen
Rechtstheorie.
Obacht Anspielung, denkt der Leser: Parallelen zum Fall de
Man sind unübersehbar. In den 80er Jahren wurde bekannt,
daß der aus Belgien stammende Yale-Professor Paul de
Man, einer der Stars der poststrukturalistischen Literaturtheorie,
in der Nazizeit eindeutig faschistische Artikel in belgischen
Kollaborationszeitungen publiziert hatte. Eine kontroversielle,
bis heute nicht verebbende Diskussion um den 1983 verstorbenen
Komparatisten war die Folge.
Daran knüpft Schlink an: Er schickt seinen Ich-Erzähler
nach New York. Inkognito verschafft sich Debauer Zugang zu
einer Lehrveranstaltung seines Vaters. Der Filius wird Zeuge
eines halb-faschistischen Experiments, das der Professor mit
seinen Studenten veranstaltet, um ihnen die archaische Brutalität
der menschlichen Natur vor Augen zu führen. Etwas unglaubwürdig,
das Ganze. Daß Bernhard Schlink seinen Roman mit aufdringlichen
Verweisen auf die Odyssee gespickt hat, macht die Sache nicht
besser.
Zugegeben, das Buch liest sich flott und flüssig, zugegeben
auch, der Autor punktet da und dort mit einfühlsamen
Beobachtungen, in den Schweizer Kindheitssequenzen etwa, oder
in den Passagen, die den universitären Nach-Wende-Betrieb
in Ostdeutschland schildern. Das allein rettet den Roman indes
nicht. Bernhard Schlink hat sich schlicht und einfach überhoben.
Er will zu vieles auf einmal, mit erzählerisch unzulänglichen
Mitteln: dem Plot gebricht es an Glaubhaftigkeit, die Figuren
bleiben schablonenhaft, ihre Gefühle bloß behauptet.
Schade drum. Da wäre mehr drin gewesen. Vorausgesetzt,
Schlink hätte sich mit weniger begnügt.
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Gesendet in der Radio-Sendung "Ex Libris", Ö1,
April 2006.
Buchhinweis:
Bernhard Schlink: DIE HEIMKEHR
Roman, Diogenes Verlag (2006), 376 Seiten, ISBN: 3257065108.
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