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Rezensionen Literatur\Gerhard Roth
(2007)
GERHARD ROTH: "DAS ALPHABET DER ZEIT"
Roman
Rezension von Günter Kaindlstorfer
850
Seiten umfassen Gerhard Roths monumentale Kindheits- und Jugenderinnerungen.
Der in Graz geborene Autor hat nicht nur ein vom Umfang her
gewichtiges Werk vorgelegt. In dichten, bunten, eindringlichen
Prosaskizzen beschwört der Schriftsteller die Jahre der
Nachkriegszeit noch einmal herauf, die späten 40er, 50er
und 60er Jahre, die nicht nur in Österreich Jahre des
Mangels, des muffigen Biedersinns, des verbissenen Schweigens
über die Jahre des Nationalsozialismus waren. Spät
erst hat Gerhard Roth erfahren, daß seine Eltern in
der NS-Zeit mehr waren als bloße Mitläufer. Sowohl
sein Vater, ein Arzt, als auch seine Mutter waren um einiges
früher in die NSDAP eingetreten, als sie ihrem Sohn gegenüber
immer behauptet hatten. Nach dem Krieg, erinnert sich Gerhard
Roth, reagierten die Eltern gereizt und beleidigt, wenn die
Sprache auf ihre Mitgliedschaft in der Nazipartei kam.
OT Gerhard Roth: "Es wurde alles verschwiegen
und unter den Teppich gekehrt. Dadurch war es so schwierig
für mich, ein Bild von dieser Zeit zu gewinnen. Als ich
mit fünfzehn oder sechzehn im Grazer Opernkino den Film
"Der Nürnberger Prozeß" gesehen habe,
ist das wie eine Welle über mich hereingebrochen. Ich
habe erst damals begonnen darüber nachzudenken, was für
ein gewaltiges Verbrechen der Nationalsozialismus eigentlich
gewesen ist."
Gerhard Roths Kindheits- und Jugenderinnerungen setzen mit
einer starken Szene ein: in einem eindrucksvollen "Prolog"
beschreibt der 65jährige, wie er im Jänner '45 als
Zweieinhalbjähriger zusammen mit seiner Mutter und den
beiden Brüdern eine Bahnfahrt von Graz nach Würzburg
unternommen hat. Meisterlich, wie Roth die dem Kleinkind unverständliche
Dramatik der Eisenbahnreise schildert: die Fahrt im bitterkalten
Zug, der über keine Fensterscheiben verfügt, der
milchigweiße Winterhimmel, der Tieffliegerangriff in
der Nähe des Bahnhofs Mautern, die Flucht der Mutter
mit den Buben über ein abgeerntetes Feld, der erste Tote,
den das Kind zu sehen bekommt, ein Mann mit gespenstisch verdrehten
Augäpfeln...
Was an Gerhard Roths Memoiren so verblüfft, ist die
Einfühlsamkeit, mit der sich der Schriftsteller in das
Kind zurückzuversetzen vermag, das er einmal war. Das
betrifft vor allem die Nachkriegs-Passagen. Roth war ein trauriger,
ein depressiver Bub, wie er von sich behauptet. Trost und
temporäre Erlösung fand er im Kino und in der
Welt seiner Bücher. "Gullivers Reisen", "Robinson
Crusoe", "Doktor Doolittle", das waren die
dutzendfach durchbuchstabierten Kultbücher des Knaben.
OT Gerhard Roth: "Der Einstieg in das Lesen war
wie eine Droge, ich finde keinen anderen Vergleich. Es war
die Möglichkeit, aus der drückenden Atmosphäre
meiner Kindheit in eine phantastische Welt, eine Parallelwelt
einzusteigen. Die Bücher waren ein wirksames Heilmittel
gegen die Depressionen, unter denen ich litt."
Das politische Klima im Österreich der 50er und der
frühen 60er Jahre zeichnet Gerhard Roth in düsteren
Farben. Das Schweigen über die Nazizeit und der Kalte
Krieg, die restaurative Sehnsucht nach Ruhe und Ordnung, die
autoritäre Lebenshaltung von Eltern, Lehrern und Nachbarn,
das alles sorgte für ein allumfassendes Klima der Angst
und des Duckmäusertums.
OT Gerhard Roth: "Ich konnte eigentlich all das,
was mich interessiert hat, nicht machen. Mich hat interessiert
die Sexualität: Die war vollständig tabuisiert.
Mich hat das Lesen interessiert und etwas später auch
das Schreiben: Das musste ich geheim machen. Und mich hat
die Politik interessiert, die nationalsozialistische Vergangenheit:
Die war natürlich auch tabuisiert. Dazu kam der Kalte
Krieg und der in den 50er Jahren immer noch beträchtliche
Einfluß der katholischen Kirche, gepaart mit einer nostalgischen
Sehnsucht nach der ,guten, alten k&k-Zeit', die so gut
natürlich nicht gewesen ist... All das zusammen hat ein
furchtbar drückendes und lähmendes Klima erzeugt,
aus dem ich in meinem Alter nicht ausbrechen konnte, obwohl
ich es immer wieder versucht habe."
Erst die 68er Zeit, erinnert sich Gerhard Roth, hat umfassende
Befreiungen gebracht. Den "Summer of Love" und das
Aufatmen danach hat der Schriftsteller allerdings schon als
Ehemann und wackerer Familienvater erlebt was für andere
Formen der Einschränkung sorgte.
Daß sich Österreich seit den frühen siebziger
Jahren dramatisch verändert hat, hängt nicht nur
mit den 68ern zusammen, sondern auch mit den Kreiskyschen
Reformen, die Gerhard Roth wie viele andere Schriftsteller
und Intellektuelle euphorisch-kritisch begrüßt
hat. Das Österreich des Jahres 2007 sei um vieles liberaler,
weltoffener, auch hedonistischer als das bedrückende
Land seiner Kindheit, resümiert Gerhard Roth.
Was sich gleichgeblieben ist in all den Jahren, ist des Schriftstellers
Verbundenheit mit "Sturm Graz". Nicht ohne nostalgische
Regungen beschreibt Roth in seinen Erinnerungen, wie er als
Bub mit seinem Vater regelmäßig zu den Heimspielen
des populären Grazer Fußballklubs in das legendäre
Stadion "Gruabn" gepilgert ist. Große Matches
waren das damals, zumindest in der Erinnerung, gegen Kapfenberg,
gegen Admira, gegen Rapid Wien. Und heute? Wie steht es heute
um des Autors Verhältnis zum SK Sturm? Kann man da noch
von Liebe sprechen?
OT Gerhard Roth: "Die Liebe ist gleichgeblieben,
nur bin ich mehr so fanatisch wie früher. Als Bub bot
mir ein Sturm-Graz-Sieg die Möglichkeit, mich selber
irgendwie aufzuwerten. Zu dieser Zeit begann ich auch, die
eben gesehenen Partien im Kopf nachzuspielen. Wenn Sturm Graz
verloren hat, bin ich die entscheidenden Spielzüge im
Geist noch einmal durchgegangen und habe sie entsprechend
korrigiert. In der Phantasie habe ich mich etwa selbst eingewechselt
und prompt das entscheidende Tor geschossen, womit ich den
Sieg in letzter Sekunde sicherstellte. Grundsätzlich
aber muß ich sagen: Als Sturm-Graz-Fan habe ich gelernt,
Niederlagen mit Würde hinzunehmen. Denn Sturm war eine
schwache Mannschaft, hat relativ oft verloren. Ich bin mit
Sturm drei Mal in die zweite Liga abgestiegen, aber wir haben
jedes Mal den Aufstieg wieder geschafft. Daraus habe ich viel
gelernt, auch für das sogenannte richtige Leben."
Gerhard Roths Memoiren sind gespickt mit alltagskulturellen
Details aus den Jahren seiner Jugend. Die Zelluloid-Schmachtfetzen
mit Rudolf Prack und Winnie Markus, die der spätere Schriftsteller
und seine Freunde im Grazer "Kroisbachkino" konsumierten,
werden ebenso herbeizitiert wie die "Brisk"-Frisiercreme,
die sich die Halbwüchsigen in die Haare zu schmieren
pflegten. Zugleich lotet Roth auch die existenziellen Tiefenschichten
seiner Biographie aus, von den peinigenden Schwermutattacken,
die ihn bis heute immer wieder martern, bis hin zu dem einen
oder anderen Nahtoderlebnis, das er glücklich hinter
sich gebracht hat.
OT Gerhard Roth: "Ich war dem Tod relativ oft
nah. Als Kind habe ich etwa eine Fotolinse verschluckt, ohne
die Anwesenheit meines Vaters wäre ich mit Sicherheit
erstickt. Und auch später, bei meinem Herzstillstand,
war's wirklich ernst. Wenn man loslässt und glaubt, jetzt
ist es vorbei, hat man das Gefühl, daß das Sterben
keine Kunst ist. Solange man sich dagegen wehrt, ist es sehr
schwer."
In seinem "Alphabet der Zeit" buchstabiert Gerhard
Roth die Existenzialien seines Lebens noch einmal durch, in
kurzen, prägnanten Prosastücken, die sich zu einem
facettenreichen Panorama der österreichischen Nachkriegszeit
weiten. Der 65jährige Autor hat ein großes, ein
exzeptionelles Bekenntnisbuch vorgelegt, einen Text, der den
Vergleich mit den bedeutenderen Memoirenwerken der europäischen
Literatur nicht zu scheuen braucht.
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Gesendet in der Radiosendung "Büchermarkt",
Deutschlandfunk, Oktober
2007.
Buchhinweis:
Gerhard Roth: DAS ALPHABET DER ZEIT
Roman, S. Fischer Verlag Frankfurt (2007), 817 Seiten, ISBN-10:
3100660609.
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