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Rezensionen Literatur\Christoph
Ransmayr (2004)
CHRISTOPH RANSMAYR: "GESTÄNDNISSE EINES TOURISTEN"
Ein Verhör
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Wenn
es etwas gibt, das Christoph Ransmayr aus ganzer Seele haßt,
dann sind das Interviews. Um sich die vom Leib zu halten,
hat der 50jährige jetzt ein schmales, aber gehaltvolles
Büchlein vorgelegt. Auf 140 Seiten beantwortet der Dichter
da all die Fragen, die ihm in den letzten Jahren von aufdringlichen
Journalisten gestellt wurden, ob die nun von "Le Monde"
oder von der "Washington Post" kamen. "Wie
gehen Sie mit Kritik um, Herr Ransmayr?" "Was
mögen Sie an Ihrer Wahlheimat Irland?" "Wie
ist Reinhold Messner als Bergkamerad?"
Ransmayrs heimliche Hoffnung: dass er sich solche Interviews
in Hinkunft ersparen könnte. So kann man sich täuschen!
Selbstverständlich muß Ransmayr weiterhin Interviews
geben! Über sein neues Buch zum Beispiel. Was hat es
etwa mit dem Titel auf sich "Geständnisse eines
Touristen"? Sieht sich der Reisekünstler Ransmayr
tatsächlich nur als "Tourist"?
OT Ransmayr: "Niemand will Tourist sein natürlich...
der alles Verständnis für das Fremde und für
die Fremden entgegenbringt."
Er selbst führe eine halbnomadische Existenz, bekennt
Christoph Ransmayr. Da liegt es auf der Hand, dass im neuen
Buch des Dichters viel vom Reisen die Rede ist: Ransmayr erzählt
vom Zauber Marrakeschs und von der abweisenden Schönheit
isländischer Geröll-Wüsten, er lässt uns
an den tibetanischen Bergtouren teilhaben, die er zusammen
mit seinem Freund Reinhold Messner unternommen hat. Und nicht
ohne Rührung erinnert sich der Dichter auch gemeinsamer
Gebirgswanderungen mit einem anderen Freund: zusammen mit
Claus Peymann hat Ransmayr einst so manchen Gipfel in den
oberösterreichischen Kalkalpen erklommen. Ausgangspunkt
war meist ein Ort namens Hinterstoder dort verbrachte Peymann
in den frühen neunziger Jahren bisweilen seinen Sommerurlaub.
OT Ransmayr: "Wir haben uns oft in Hinterstoder
getroffen... hinauf zum Salzstiegjoch... ... sommerliche Bergausflüge."
Claus Peymann, ein glühender Bewunderer der Ransmayrschen
Prosa, hat die sommerlichen Bergtouren mit dem Dichter ganz
anders in Erinnerung: als qualvolle Exerzitien. Mit Ransmayr,
dem muskelstrotzenden Bergfex, konnte der Theatermacher aus
Deutschlands hohem Norden jedenfalls nicht mithalten.
Peymann: "Oft musste ich abbrechen, da war mir
schwindlig. Selbst schon in Hinterstoder war's ja schon ab
1000 Meter aus. Da ist er gar nicht einzuholen... Wir waren
am Dachstein, wir waren in der Schweiz, auch in Irland, wie
er das ja auch beschrieben hat."
Ausführlich beschäftigt sich Ransmayr in seinem
neuen Buch auch mit boshaften Kritikern und missgünstigen
Rezensenten: Ohne dass der Dichter Namen nennen würde,
kriegt etwa Gerhard Stadelmaier, Theaterkritiker der "Frankfurter
Allgemeinen Zeitung", sein Fett ab. Stadelmaier hat es
im Jahr 2001 gewagt, Ransmayrs Stück "Die Unsichtbare"
bei den Salzburger Festspielen in Grund und Boden zu verreissen.
Ransmayrs Rache: Er weist Stadelmaier in einer süffisanten
kleinen Polemik nach, dass er eigentlich nicht richtig Deutsch
kann.
OT Ransmayr: "Also, Abrechnung ist es ganz sicher
nicht... spielerische Auseinandersetzung... Jeder, der mit
seiner literarischen Arbeit an die Öffentlichkeit geht,
muß sich irgendwann überlegen, wie er damit umgeht,
wenn er Stimmen hört, die sagen: sei still, hör
auf, du kannst das nicht, das ist Unsinn, was du sagst oder
schreibst."
Christoph Ransmayr hat sich überlegt, wie er auf solche
Mißfallenskundgebungen am stilvollsten reagiert. Nicht
mit Amokläufen oder chevaleresken Aufforderungen zum
Duell, Gott bewahre, nein, der Dichter hat eine sozial verträglichere
Form der Rache entwickelt, eine Art Kritiker-Voodoo: Wer immer
Ransmayr verreißt, findet sich als Karikatur in des
Dichters "Zwergenkalender" wieder. Der "Zwergenkalender",
das ist eine Art Notizbuch, in dem der 50jährige die
inkompetentesten und niederträchtigsten Rezensenten in
kleinen, satirischen Zeichnungen verhöhnt. Ransmayrs
Motto: Man gönnt sich ja sonst nichts.
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Gesendet in der Radio-Sedung "Scala", WDR,
März 2004.
Buchhinweis:
Christoph Ransmayr: GESTÄNDNISSE EINES TOURISTEN
Ein Verhör, S. Fischer Verlag (2004), 136 Seiten, ISBN:
3100629272.
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