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Rezensionen Literatur\Kurt Palm
(2003)
KURT PALM: "DER BRECHREIZ EINES HOTTENTOTTEN"
Ein James-Joyce-Alphabet von Aal bis Zahl
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Kurt Palm ist ein glühender Joyce-Bewunderer. Diese
Bewunderung manifestiert sich in jeder Zeile des erstaunlichen
Joyce-Breviers, das der aus Oberösterreich stammende
Autor und Theaterkünstler da vorgelegt hat. Eineinhalb
Jahre lang hat Palm an seinem Buch gearbeitet, ein Zeitinvestment,
das sich gelohnt hat: "Der Brechreiz eines Hottentotten"
ist ein Lesegenuß ersten Ranges, eine Trägerrakete
ins Joycesche Literaturuniversum, eine kurzweilige und erfrischend
schräge Einführung in "Ulysses" und "Finnegans
Wake", die beiden vielleicht ungelesensten Bücher
der Weltliteratur. Strukturiert ist Palms Buch als Joyce-Alphabet
von "Aal" bis "Zahl" reichen die Kapitelüberschriften.
OT Palm: "Die Struktur hat sich... nicht chronologisch
lesen... Man kann das Buch von hinten nach vorne... Da hab
ich mir gedacht... Alphabet als Strukturelement wählt...
Joyce selbst haben die 26 Buchstaben des Alphabets eigentlich
immer genügt, um für sich eine neue Welt zu erschaffen,
ja."
Kurt Palm geht es nicht zuletzt darum, den "Ulysses"
vom Nimbus des Schwerverständlichen zu befreien. Joyces
Meisterepos über den Alltag des trinkfesten Anzeigenaquisiteurs
Leopold Bloom ist vor allem ein hinreißend komisches
Buch, findet Palm. Komisch geht es auch in Palms eigenem Werk
zu. Ausführlich informiert uns der Autor über Joyces
Essvorlieben, über des Dichters eigentümliches Interesse
an Defäkationsritualen und seine nicht ganz unperverse
sexuelle Schwäche für Blähungen, Darmwinde
und die braunen Flecken in den Unterhosen der Gattin. Man
sieht: Kurt Palm hat ein derbes und deftiges, ein ganz und
gar unakademisches Buch vorgelegt. Sein Motto: Kampf den Korinthenkackern,
Kampf den blutleeren akademischen Literaturverwesern, die
den "Ulysses" unter einer Lawine von Strukturanalysen
und diskurstheoretischen Untersuchungen begraben haben.
OT Palm: "Im Verlauf der letzten achtzig Jahre
hat sich so viel Ballast an Sekundärliteratur um dieses
Buch angehäuft, dass man als Leser keinen Blick... das
Werk mehr oder weniger zubetoniert... dass man sich wieder
einen naiven Blick auf dieses Werk aneignet."
Man ist, was man isst. Keiner weiß das besser als Kurt
Palm. In den letzten Jahren hat der 49jährige ja nicht
nur als Theaterkünstler und Schriftsteller Aufsehen erregt,
sondern auch als gesuchter Schau-Koch, der in öffentlichen
Happenings den "Dressed Chef" gibt und dabei, so
heißt es, nichts anbrennen lässt. Kein Wunder,
dass sich der Ulysses-Experte in seinem Joyce-Reader auch
mit dem Thema "Essen und Trinken bei James Joyce"
auseinandersetzt.
OT Palm: "Joyce hat sehr ausgeprägte Vorlieben
gehabt, was Essen und Trinken betrifft. Merkwürdigerweise
mochte er Innereien überhaupt nicht... Hammelnieren...
hat er sich auf einen Wein festgelegt... Rotwein hat er überhaupt
nicht gemocht.... Ansonsten hat er alles getrunken, was alkoholhaltig
war, vor allem Absinth und Whisky."
Von kritikloser Joyce-Verehrung ist Kurt Palm weit entfernt.
So macht er in seinem Buch beispielsweise deutlich, daß
der Autor des "Ulysses" ausgesprochen merkwürdige
Ansichten über Frauen hatte, nicht nur, wenn er betrunken
war. Joyces Bruder Stanislaus zufolge soll der Dichter als
junger Mann mehrfach und mit einer gewissen Inbrunst ein damals
offenbar weitverbreitetes Bonmot zitiert haben. Das Bonmot
geht so: "Das Weib ist ein Tier, das täglich 1 Mal
uriniert, wöchentlich 1 Mal den Darm entleert, monatlich
1 Mal menstruiert und jährlich 1 Mal gebiert." Nun
ja. Frage an Palm: Wenn James Joyce heute noch leben würde
wie stünden da die Chancen, dass ihn die Frauenzeitschrift
"Emma" zum "Pascha des Monats" wählen
würde?
OT Palm: "Die stünden, glaube ich, sehr
gut... im Spiegel der Zeit sehen muß... Wobei ich Ihnen
dahingehend recht gebe, wonach es einige Aussagen gibt, die
auch im damaligen Kontext indiskutabel waren... Das waren
sexistische Äußerungen eines Mannes, der in bestimmten
Phasen seines Lebens einfach Probleme mit Frauen hatte."
Trotzdem: Über den Schriftsteller und Sprachkünstler
Joyce lässt Palm nichts kommen. Die revolutionäre
Leistung des "Ulysses"-Autors: dass er die Niederungen
des Alltags literaturwürdig gemacht habe. Das Dublin
der Jahrhundertwende eine schäbige, durch und durch
provinzielle Stadt wird bei Joyce zum Spiegel der Welt.
OT Palm: "Das Tolle an "Ulysses" ist
ja, dass sich in diesen 1000 Seiten, die ja nur in Dublin
spielen, das ganze Universum wie in einem Brennspiegel spiegeln...
dann kann er sozusagen zum Herzen jeder Stadt vordringen."
Im Zentrum der Joyceschen Literatur steht dennoch: die Sprache.
OT Palm: "In seinem Roman 'Ein Porträt
des Künstlers als junger Mann'... als würde er durch
eine Gasse gehen, die umgeben ist von Bergen toter Sprache...
Joyce hat versucht, diese Berge wegzuräumen... hindurchzuarbeiten...
Joyces Werk ist nichts anderes als das eines Spracharchäologen,
der im Lauf der Jahrzehnte versucht hat, die Sprache zum Leben
zu erwecken."
Auch wenn es ihm darum vermutlich am allerwenigsten geht:
Kurt Palm ist auch ein exzellenter Didaktiker. Wie schon in
seinem Stifter-Buch "Suppe, Taube, Spargel, sehr, sehr
gut" gelingt es Palm auch diesmal auf nachgerade virtuose
Weise, Leben und Werk eines als schwierig gehandelten Schriftstellers
lebendig zu machen. Wie würde Buck Mulligan, der zu Beginn
des "Ulysses" auftretende Mediziner, zu Palms Buch
sagen? "Großartig ist gar kein Ausdruck",
würde Buck Mulligan wohl sagen: "Wundervoll,
einfach rundum wundervoll." (Ulysses, Seite 23)
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Gesendet in der Radio-Sendung "Ex Libris", Ö1,
September 2003.
Buchhinweis:
Kurt Palm: DER BRECHREIZ EINES HOTTENTOTTEN
James-Joyce-Alphabet, Löcker Verlag (2003), 279 Seiten,
ISBN: 3854093896.
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