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Rezensionen Literatur\Friedrich
Nietzsche (2003)
WASCHLAPPEN UND ÜBERMENSCH
Jetzt wieder im Buchhandel: Nietzsche unplugged als
Briefschreiber
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Eine
Frohbotschaft für Zarathustra-Jünger mit schmaler
Geldbörse: Vier Jahre lang war die achtbändige Studienausgabe
mit Nietzsches Briefen vergriffen, jetzt liegt sie in einer
praktikablen Neu-Edition wieder vor. Die Korrespondenzen des
sächsischen Groß-Nihilisten ermöglichen einen
faszinierenden Einblick in Nietzsches Alltagswelt, gleichsam
aus erster Hand. Nicht ohne Rührung liest man die ungelenken
Briefe des Naumburger ABC-Schützen; mit sechs schreibt
Volksschüler Fritz an Oma Erdmuthe, daß es ihm
"gut geht", er hoffe, daß sich auch die Großmama
wohl befinde. Wieviele Generationen von Erstklässlern
haben sich solche Briefe schon abgerungen? Mit zehn berichtet
Nietzsche der Mutter in Eilenburg, daß er nachmittags
mit Tante Lina eine Gemäldeausstellung besucht und abends
ein Kännchen "Chokolade" getrunken habe.
Auch große Genies fangen klein an. Ganz und gar alltäglichen
Themen widmen sich auch die Briefe, die Pennäler Fritz
aus der Elite-Lehranstalt Schulpforta nach Hause schickt.
Der kränkelnde Zögling, ein notorischer Vielleser,
ersucht um die Zusendung von Waschlappen und ETA-Hoffmann-Novellen,
da ihm der Lesestoff auszugehen drohe. Überhaupt wird
viel ersucht in diesen Internatsbriefen: "Nietzsche bittet
um die Erlaubniß, sich eine Badehose nebst Bademütze
anzuschaffen", heißt es in einem Schreiben an Lehrer
Kletschke.
Die kritische Brief-Edition in acht Bänden bedient ein
voyeuristisches Interesse, keine Frage. Pikante Details und
decouvrierende Enthüllungen aus Nietzsches Privatleben
wird man allerdings vergeblich suchen. Der geniale Philosoph
in Unterhosen das spielt's auch in den Briefen nicht. Schon
gar nicht im Zusammenhang mit Lou von Salomé, der schönen
Aristokratin, der Nietzsche im Frühjahr 1882 verfiel.
"Grüßen Sie diese Russin von mir",
schreibt der Meisterdenker an seinen Freund Paul Rée:
"Ich bin nach dieser Gattung von Seelen lüstern.
Ja, ich gehe nächstens auf Raub darnach aus."
Ein Raubzug, der auf tragikomische Weise im Sand verläuft:
Lou von Salomé fühlt sich erotisch mehr zu Nietzsches
Freund Rée hingezogen als zum schnauzbärtigen
Genius. Eine hochkomplexe, vorzugsweise in Briefen ausgelebte
Menage à trois nimmt ihren Lauf. Der notorische Schüchterling
Nietzsche läßt gar sich zu einem Heiratsantrag
hinreißen sein Eheansuchen wird von Lou allerdings
abschlägig beschieden.
Man kann schwelgerisch schmökern in Nietzsches Korrespondenzen
von vorne bin hinten durchackern wird die 3500 Seiten wohl
nur der wissenschaftlich Forschende. Die Wirkung dieser Briefe:
Sie entmythifizieren einen Mann, den eine nicht nur faschistische
Rezeption immer wieder zum philosophischen Herrenmenschen
emporgemendelt hat. Das geht nun nicht mehr: Im Gegensatz
zum Nietzsche-Mythos vom tragischen Einsamkeits-Genie tritt
uns in diesen Briefen auch ein zu Freundschaft und Geselligkeit
begabter Mensch entgegen ein Philosoph wird vom Kopf auf
die Füße gestellt.
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Erschienen in "profil",
15. Dezember 2003.
Buchhinweis:
Friedrich Nietzsche: SÄMTLICHE BRIEFE
Kritische Studienausgabe in 8 Bänden, de Gruyter/dtv
(2003), 3458 Seiten, ISBN: 3423590637.
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