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Rezensionen Literatur\Toni Morrison
(2004)
TONI MORRISON: "LIEBE"
Roman aus dem Englischen von Thomas Piltz
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Herrgott,
was war da früher mal los in Bill Coseys Strandhotel.
Nach der Weltwirtschaftskrise wollten auch die betuchteren
Schwarzen an der Ostküste ihren Spaß haben, und
den fanden sie bei Cosey im Seebad "Up Beach". Der
umtriebige Hotelier achtete persönlich darauf, daß
die distinguierte schwarze Kundschaft sich wohl fühlte
in seinem Haus, daß kein Gäste-Wunsch unerfüllt
blieb.
Toni Morrisons Roman "Liebe" spielt auf mehreren
Zeitebenen, in den dreißiger Jahren, in den neunziger
Jahren, und in den bewegten Zeitläuften dazwischen. Mitte
der Neunziger jedenfalls ist vom alten Glanz des Hotels nichts
mehr übrig. Bill Cosey, der charismatische Herbergsvater,
ist längst tot, das Hotel steht windschief und verlassen
am verdreckten Strand. Cosey hat nichts hinterlassen als eine
Bruchbude und eine tödlich zerstrittene Verwandtschaft,
die sich des Erbes wegen in die Haare geraten ist. Da sind
vor allem seine Frau Heed und seine Enkeltochter Christine,
in ihrer Kindheit dicke Freundinnen, heute längst betagte
Damen, die sich tempora mutantur aus tiefster
Seele heraus hassen. Wie in einem Thomas-Bernhard-Stück
hausen die beiden seit Jahrzehnten in derselben Villa, um
sich das Leben gegenseitig zur Hölle zu machen.
Die Haßgeschichte zwischen den beiden Ex-Freundinnen
ist das energetische Kraftzentrum in Toni Morrisons Roman.
Von hier aus entwickelt sich ein weitverzweigter Plot mit
vielen Haupt- und zahlreichen Nebenlinien. Es ist nicht immer
einfach, in diesem Buch den Überblick zu behalten. Der
Text ist aufgebaut wie eines der komplizierten Kreuzworträtsel
in der "New York Times" oder der Hamburger "Zeit":
eine Herausforderung für Freunde kniffliger Denksportaufgaben.
Zum einen treten auf knapp 280 Seiten viele, fast zu viele
Figuren auf, die alle irgendwie miteinander zu tun haben,
nur weiß man die längste Zeit über nicht,
wie. Neben Heed und Christine sind da noch die Kleptomanin
May, Christines Mutter, sowie Junior, eine durchtriebene junge
Frau von achtzehn Jahren, und die geheimnisvolle Erzählerin
L. Sie alle kreisen wie Planeten um die Sonne Bill Cosey,
den Toten, den großen Abwesenden.
Wie alle anderen Romane Toni Morrisons spielt auch dieser
unter den Angehörigen der schwarzen Minderheit in den
Vereinigten Staaten. Morrison hat immer wieder betont, daß
sie sich nicht nur von Faulkner und Virginia Woolf hat beeinflussen
lassen, sondern vor allem auch von der mündlichen Überlieferung
der Schwarzen in den USA, von den Traditionen der Oral History.
Da scheint es nur folgerichtig, daß auch im jüngsten
Morrison-Roman ein Chor von Stimmen nebeneinander und durcheinander
spricht, ein furioses Wechselspiel von Rede und Gegenrede
wird da inszeniert, ein polyphones Textgespinst von eindrucksvoller
Komplexität.
Keine leichte Kost, wie gesagt: Thematisch geht es um jahrzehntealte
Lügen, um einen verschwundenen Erbschein und das verteufelte
Mixtum compositum aus Liebe und Haß, das die zentralen
Figuren des Romans fast schicksalhaft aneinanderschmiedet.
Der Titel "Liebe", scheint's, läßt sich
nur ironisch verstehen. Einmal mehr geht es in Morrisons Roman
um die "Unerbittlichkeit der Machtverhältnisse",
um den Kampf "Mann gegen Frau, Schwarz gegen Weiß,
Arm gegen Reich". Immer wieder findet die Autorin kraftvolle,
poetische Bilder für die Gefühlswelt ihrer Protagonisten.
Die Liebe, so schreibt sie, sei mehr als ein sentimentales
Gefühl, sie sei "eine Zauberaxt, die mit einem Hieb
die ganze Welt weghackt, sodaß das junge Paar allein
zitternd zurückbleibt."
Es braucht Geduld, bis man das verzweigte Beziehungs-Tohuwabohu
in diesem Buch einigermaßen dechiffriert hat. "Liebe"
ein Roman wie eine komplizierte Familienaufstellung.
Mitunter fragt man sich während des Lesens, ob der Aufwand
dafürsteht, ob der Erkenntnisgewinn am Ende die Mühsal
der Lektüre lohnt, aber die Frage ist wohl falsch gestellt.
Toni Morrisons Prosaarbeiten lassen sich eben nicht wegschmökern
wie die belletristischen Fertigprodukte Donna Leons oder Isabelle
Allendes. Gerade die virtuose Konstruktion, der raffiniert
verschachtelter Aufbau des Romans, seine nicht-lineare Struktur,
macht seinen größten Reiz aus. "Liebe"
ist kein gschmackiges Leseleckerli für zwischendurch.
Toni Morrison hat ein Buch vorgelegt, das sich ästhetisch
und kompositionstechnisch auf der Höhe der Zeit bewegt.
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Gesendet in der Radiosendung "Ex Libris", Ö1,
Oktober 2004.
Buchhinweis:
Toni Morrison: LIEBE
Roman, Rowohlt Verlag (2004), 256 Seiten, ISBN: 349804494X.
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