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Rezensionen Literatur\Jesus Díaz
(2003)
MANUEL VÁZQUEZ MONTALBÁN: "HOF DER LUST"
Roman aus dem Spanischen von Theres Moser
Rezension von Günter Kaindlstorfer
"Hof
der Lust", im spanischen Original vor einem Jahr erschienen,
ist so etwas wie ein Vermächtnis. In diesem Roman einem
seiner letzten zeigt Manuel Vázquez Montalbán
einmal mehr, warum er als einer der saftigsten, als einer
der fabulierfreudigsten Chronisten des postfrankistischen
Spanien gefeiert wird. "Hof der Lust" ist ein Buch
des Abschieds. Vier Geschichten verschränkt der Autor
ineinander, vier Handlungsstränge verbinden sich zu einem
melancholischen Panoptikum der Trennungen, zu einem Abgesang
auf die Freuden des Lebens. Da ist zunächst der Literaturwissenschafter
Julio, siebzig Jahre alt und Spezialist für die höfische
Dichtkunst des Hochmittelalters. Wir begegnen Julio, dem demnächst
emeritierten Professor, auf einer Insel vor der galicischen
Küste, wo ihm kurz vor Weihnachten ein hoher spanischer
Kulturpreis verliehen werden soll.
Auf die Reise ins Galicische hat sich der Gelehrte schon
gefreut, weniger der prunkvollen Zeremonie wegen, die ihm
hier zuteil werden soll, als vielmehr der britischen Mittelalter-Spezialistin
Myrna wegen, mit der ihn, den Professor, seit dreißig
Jahren ein kontinuierlich aufrecht erhaltenes Kongreß-Pantscherl
verbindet. Manuel Vázquez Montalbán schildert
das Zusammentreffen der durchaus schon betagten Liebesleute
sie ist sechzig, er siebzig mit einem Schuß Ironie.
Sein Ich-Erzähler Julio erinnert sich durchaus besserer
Tage.
Zitat:
"Myrna geht ins Badezimmer, ich höre das Prasseln
der Dusche. Vor zehn, sogar noch vor fünf Jahren hätte
ich ihren nackten Körper unter dem Wasser gesucht, wenn
auch nur als Scherz, um ihr zu schmeicheln, doch nun erscheinen
mir die zehn Meter, die mich von der Badezimmertür trennen,
als unüberbrückbare Distanz. Vielleicht bin ich
tatsächlich der alte, impotente Liebhaber, der seine
Kraft nur in der Erinnerung wiederzubeleben versucht."
Der alte Herr versucht seiner Manneskraft mit Viagra auf
die Sprünge zu helfen vergebens. Am Ende des Kongresses
wird Myrna ihn verlassen. Im zweiten Handlungsstrang des Romans
begegnen wir der Gattin des Verlassenen, Madrona heißt
sie. Während ihr Mann in Galicien pompöse Ehrungen
über sich ergehen läßt, strampelt sie sich
im schicksten Fitnesstudio Barcelonas die Seele aus dem Leib.
Die sportliche Seniorin ist Angehörige der versnobten
Bourgeoisie von Barcelona. In letzter Zeit fühlt sich
Madrona gesundheitlich nicht ganz auf dem Damm. Einen Tag
vor Weihnachten verkündet ihr der Hausarzt ein früherer
Liebhaber eine tödliche Diagnose. Leukämie.
Handlungsstrang drei hat Montalbán in den Dschungeln
von Chiapas angesiedelt: Dort kämpft Pedro, der Ziehsohn
des Akademikerpaars aus Barcelona, zusammen mit seiner Freundin
Myriam für eine bessere Welt als Aktivist der "Ärzte
ohne Grenzen". Das junge Paar wird in blutige Kämpfe
verwickelt: Mordlüsterne Großgrundbesitzer und
korrupte Paramilitärs trachten den beiden NGO-Aktivisten
nach dem Leben. Mit knapper Not entkommen sie ins rettende
Spanien, wo sie am Weihnachtstag unversehrt an Leib und
Leben eintreffen. Die Abenteuer von Pedro und Myriam in
Mexiko verweisen auf den vierten Handlungsstrang des Romans,
und der führt tief zurück ins 12. Jahrhundert. Es
ist die Geschichte von Erek und Enite, die Montalbán
kunstvoll herbeizitiert.
"Erek und Enite" der erste Roman aus dem Artus-Zyklus
von Chrétien de Troyes, entstanden um 1170. Erek, ein
junger Ritter der Artusrunde, freit die schöne Enite.
Nach der Hochzeit zieht sich das Paar aus dem gesellschaftlichen
Leben zurück, um in symbiotischer Zweisamkeit ganz füreinander
zu leben. Das geht nicht lange gut. Enite langweilt sich,
sie sehnt sich nach Abwechslung und Abenteuern. Die Eheleute
ziehen los, um sich in den Kämpfen der Welt zu bewähren.
Unübersehbar die Parallelen zu den anderen Figuren und
Geschichten in Montalbáns Roman. In "Hof der Lust"
entwickelt der katalonische Autor ein kunstvolles Geflecht
von intertextuellen Anspielungen. Es geht um Liebe, Lust und
Leidenschaft in diesem Buch es geht vor allem auch ums Abschiednehmen,
um die Unausweichlichkeit des Todes. Eine Art Vermächtnis,
wie gesagt.
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Gesendet in der Radio-Sendung "Ex Libris", Ö1,
Dezember 2003.
Buchhinweis:
Manuel Vázquez Montalbán: HOF DER LUST
Roman, Wagenbach Verlag (2003), 286 Seiten, ISBN: 3803131820.
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