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Rezensionen Literatur\Cormac McCarthy
(2008)
CORMAC McCARTHY: "KEIN LAND FÜR ALTE MÄNNER"
Roman aus dem Englischen von Nikolaus Stingl
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Der
5. Juni 2007 war ein besonderes Datum. An diesem Tag gab der
74jährige Cormac McCarthy das erste Fernseh-Interview
seines Lebens. Da saß ein etwas krampfiger Herr in Jeanshemd
und Cordhosen in einem Lederfauteuil und antwortete eher maulfaul
auf die Fragen der Talkmasterin Oprah Winfrey:
OT
Oprah: "Did you always know, that you are a writer?
McCarthy: "That's hard to say
"
Oprah: "Are you passionated about writing?"
McCarthy: "I don't know. Passion it sounds
like a pretty fenzy word. I like, what I do
Sometimes
it's difficult. You always have the image of the perfect thing,
which you never can achieve. But you may never stop trying
to achieve."
Cormac McCarthy, es hat sich herumgesprochen, ist neben Thomas
Pynchon und J.D. Salinger der dritte große Einzelgänger
der US-amerikanischen Literatur. Allerdings war der in Rhode
Island geborene Romancier lange Zeit nicht so anerkannt wie
Pynchon und Salinger. Noch vor zehn, fünfzehn Jahren
verkaufte keiner von McCarthys Romanen in den USA mehr als
5000 Exemplare, und außer einer Handvoll Schriftsteller,
unter ihnen Saul Bellow, schien sich niemand für ihn
zu interessieren. Das hat sich geändert. Romane wie "All
die schönen Pferde", "Die Straße"
und das jetzt ins Deutsche übersetzte "Kein Land
für alte Männer" haben Cormac McCarthy spät
aber doch zu höheren literarischen Weihen und zu einem
gewissen Publikumserfolg verholfen.
Charakteristisch für McCarthys Prosa ist eine ungewöhnliche
Mischung aus krassem Naturalismus und kulturpessimistischer
Mystik, eine Mischung, die sich auch in "Kein Land für
alte Männer" findet. Interessant wird das Buch für
den deutschsprachigen Leser nicht zuletzt dadurch, daß
es einige Wochen NACH der oscarprämierten Verfilmung
durch die Coen-Brüder in den Buchhandel kam. Man kann
Buch und Film also unmittelbar miteinander vergleichen.
Was als erstes auffällt: Die Coens haben sich detailliert
an die literarische Vorlage gehalten, bis in die Einzelheiten
der Dialoge hinein. Der Plot ist ident, auch wenn McCarthys
Roman insgesamt karger, spröder, asketischer daherkommt:
Der Hobbyjäger Llewelyn Moss stößt bei einem
Ausflug in die menschenleere texanische Wüste auf drei
zerschossene Geländewagen sowie ein gutes Dutzend Leichen.
Im Kofferraum eines Pick-Ups entdeckt der Vietnamveteran ein
paar pralle Packen Heroin. Ein gescheiterter Drogendeal. Moss'
ärmliches Leben scheint an einem Wendepunkt angelangt
zu sein, als er ein Stück vom Tatort entfernt eine weitere
Leiche findet. Die Hände des Toten umklammern einen Koffer.
Der Inhalt: 2,4 Millionen Dollar. Moss nimmt das Geld an sich
und fährt nach Hause zu seiner Frau. In der Nacht darauf
macht er einen verhängnisvollen Fehler: Er kehrt an den
Schauplatz des Massakers zurück und damit nimmt das
Verhängnis seinen Lauf: Die Hintermänner des Drogendeals
hetzen einen psychopathischen Killer auf ihn...
Genau genommen folgt "Kein Land für alte Männer"
einer schlichten Dramaturgie: der einer auf 280 Seiten ausgedehnten
Verfolgungsjagd. Zwei Dinge unterscheiden McCarthys nihilistischen
Thriller von anderen, minderwertigeren Büchern dieser
Art. Zum einen die monströse Figur des Killers, der unerhörte
Kälte mit messerscharfer Intelligenz verbindet: mit seiner
Uzi und einem Bolzenschußgerät häuft der Mann
Chigurh heißt er Leiche auf Leiche. Der
zweite Unterschied: die in Kursivschrift eingstreuten Monologe
eines Sheriffs namens Bell, der hinter dem flüchtigen
Kofferdieb Moss und seinem potenziellen Killer her ermittelt.
Bell macht sich so seine Gedanken, über die immer blutrünstigeren
Methoden der Unterwelt, über den Verfall der Sitten,
über das Böse in der Welt. Der alte Sheriff verkörpert
den Common Sense, er ist ein trauriger Humanist, ein anständiger
Kerl, ohne viel Gewese darum zu machen.
Oprah Winfrey in ihrer Literatur-Talkshow schien eine tiefere
Text-Exegese eher wenig zu interessieren. In ihrem Interview
mit Cormac McCarthy beschränkte sie sich auf die ganz,
ganz harmlosen Fragen: "Schreiben Sie jeden Tag, Mister
McCarthy, oder brauchen Sie Inspiration für Ihre Arbeit?"
In diesem Fall hatte der ansonsten recht einsilbige Romancier
sogar eine schlagfertige Antwort parat:
OT McCarthy: "Faulkner was once asked, if he
writes every day or only when he is inspired. And he answered:
"I only write, when I am inspired, but I'm inspired every
day." So, you have to treat, what you are working..."
Als "Kein Land für alte Männer" 2005
in den USA erschien, äußerten sich die meisten
Kritiker enttäuscht. Wenn man jetzt, drei Jahre später,
die deutsche Übersetzung liest, versteht man auch warum.
Ganz anders als der Film der Coen-Brüder entwickelt der
Roman keinen Sog, die Sprache ist, bei aller Lakonik, langweilig
und seltsam hölzern, die einzelnen Szenen stehen eigenartig
unverbunden nebeneinander.
Was ist besser, Buch oder Film? Die Antwort auf die alte
Partyfrage fällt hier eindeutig aus: "Kein Land
für alte Männer" ist einer jener raren Fälle,
in denen die Kinoversion das Buch meilenweit hinter sich läßt.
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Gesendet in der Radiosendung "Ex Libris", Ö1,
April 2008.
Buchhinweis:
Cormac McCARTHY: KEIN LAND FÜR ALTE MÄNNER
Roman, Rowohlt Verlag (2008), 288 Seiten , ISBN-10: 3498045024.
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