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Rezensionen Literatur\Michael Kumpfmüller
(2003)
MICHAEL KUMPFMÜLLER: "DURST"
Roman
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Es
ist eine finstere Geschichte, die der deutsche Autor Michael
Kumpfmüller seiner Leserschaft da auftischt und zumutet,
eine Geschichte von quälender Drastik und gleissender
Düsterkeit. Zum Ausgangspunkt seiner Erzählung hat
der 42jährige einen authentischen Kriminalfall genommen.
Schauplatz des Geschehens: eine Plattenbausiedlung in Frankfurt
an der Oder. Im Juni 1999 sperrt die 23jährige Sozialhilfeempfängerin
Daniela Jesse ihre beiden Söhne Kevin und Tobias ins
Kinderzimmer, sie hinterläßt dem Zwei- und dem
Dreijährigen ein paar Milchschnitten, eine Packung mit
eingeschweißten Würsten sowie ein paar Tetrapacks
mit Saft, dann verläßt sie die Wohnung und zieht
in die nahegelegene Unterkunft ihres Liebhabers. Dort scheint
Daniela Jesse die meiste Zeit über fad zu sein. Sie läßt
die sexuellen Aktivitäten ihres Lovers ergeben über
sich ergehen. Tagsüber, wenn der Mann in der Arbeit ist,
schlägt sie die Zeit in einer nahegelegenen Shopping-Mall
tot. Sie kauft sich ein Kleid, treibt sich in der Plattenbausiedlung
herum, langweilt sich...
Zwei Wochen später kehr Daniela Jesse in ihre Wohnung
zurück: Kevin und Tobias sind tot verdurstet. Im Todeskampf
haben sich die Buben noch gegenseitig zerbissen und zerkratzt,
ihre Leichen weisen bereits erste Spuren von Verwesung auf.
Die Gerichtsmediziner werden später feststellen, daß
Kevin und Tobias vermutlich am zehnten Tag ihrer Gefangenschaft
unter grausamen Qualen gestorben, man könnte auch sagen:
verendet sind.
Was hat Michael Kumpfmüller an diesem Stoff, an dieser
in der Tat "unerhörten Begebenheit" interessiert?
OT Kumpfmüller: "Ich hab davon in der Zeitung
gelesen... ein unerhörter Fall ist insofern, als die
Kinder zu Tode kommen, ohne dass die Frau Gewalt anwendet...
Ich hab selber auch zwei Kinder und hab mir gedacht, das geht
mich was an, da will ich weiterforschen und dann auch drüber
schreiben."
Die Öffentlichkeit hat sich seinerzeit sensationslüstern
auf den Fall Daniela Jesse gestürzt: Schnell war die
Yellow Press von "Bild" bis "Super-Illu"
mit rabiaten Verdammungen zur Hand. "Killermutter",
"Rabenmutter" man kennt die einschlägigen
Verdikte, die in solchen Fällen gefällt werden.
Und alle, alle haben sich gefragt: Wie war das möglich?
Wie kann eine Mutter so etwas tun? Und nicht zuletzt: Wie
läßt sich eine solche Untat in Zukunft verhindern?
Eine Frage, die Michael Kumpfmüller nur am Rande interessiert.
OT Kumpfmüller: "Also, das war zunächst
mal überhaupt nicht mein Motiv zu schreiben. Mir ging
es in erster Linie um diese 14 Tage, um die Leere... Zwei
vorschnelle Erklärungen: Entweder man sagt, die Täter
sind böse Monster oder man versucht, das durch Milieus
und soziale Umstände zu erklären... Ich glaube,
wir müssen uns damit abfinden, dass..... Wir müssen
an solchen Fällen studieren, zu was der Mensch in der
Lage ist."
Michael Kumpfmüller zeichnet in seinem mehr als beachtlichen
Roman das Porträt einer jungen Frau, die nach eigener
Auskunft als Kind von ihrem Vater sexuell mißbraucht
worden ist. Daten, Zahlen, Fakten des realen Geschehens hat
Kumpfmüller vorsichtig verfremdet. Conny heißt
die junge Frau bei ihm. Was Conny einst widerfahren ist, gibt
sie in in gewisser Weise an ihre Kinder weiter: Das Verhältnis
zu ihren Söhnen ist geprägt von widersprüchlichen
Impulsen: Gewalt und Zärtlichkeit, Fürsorglichkeit
und Wut, Überforderung und eisige Lethargie sind in Connys
Innenleben auf unauflösliche Weise ineinander und miteinander
verstrickt. Mit distanziertem Interesse folgt Michael Kumpfmüller
seiner Protagonistin durch die dreizehn brütend heißen
Junitage, die sie letztendlich zur Mörderin machen werden.
Traumverloren irrt die junge Frau durch den Sommer, mal denkt
sie an ihre Kinder, dann vergißt sie sie wieder; im
Grunde hat Conny jeden Kontakt zu sich selbst verloren; auch
wenn sie Sex mit ihrem Liebhaber hat, und den hat sie bei
Kumpfmüller oft, fühlt sie im Grunde: nichts. Eine
quälende Dumpfheit erfüllt die junge Frau.
In früheren Jahrhunderten wäre Daniela Jesse wohl
als Kindsmörderin gesteinigt, als Hexe verbrannt worden.
Heute sitzt sie, nachdem die Boulevardpresse ihren Fall gründlich
ausgeweidet hat, in der brandenburgischen Justizvollzugsanstalt
Luckau, zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Um die
sensationsgierige Ausschlachtung eines realen Schicksals ist
es Michael Kumpfmüller nicht zu tun. Im Gegenteil: Der
Schriftsteller scheint peinlich um Sachlichkeit und Ent-Emotionalisierung
bemüht. Im Grunde ist es die metaphysische, besser gesagt:
die psychologische Frage nach dem Bösen, die Kumpfmüller
umtreibt. Der Fall Daniela Jesse wirft uns letztlich auf uns
selbst zurück, betont der Autor. Auch wenn wir das Böse
gern austreiben, auslagern, outsourcen würden aus uns
wir kommen um die Beschäftigung mit den destruktiven
Impulsen in unserem Inneren nicht herum. Um die Konfrontation
mit diesen destruktiven Impulsen geht es Kumpfmüller.
OT Kumpfmüller: "Die Frage ist dann am Ende
nur: Was hat das mit uns zu tun? Da habe ich auch sehen und
lernen müssen, dass es etwas mit mir zu tun hat... dass
auch ich Aggressionen habe gegen meine Kinder. Ich glaube,
man muß akzeptieren, dass man solche Gefühle hat.
Dann erst sind solche Unglücke zu vermeiden."
Michael Kumpfmüller hat ein hartes, ein kompromißloses
Buch vorgelegt. Als leichter Schmökerstoff für verschmuste
Winterabende ist dieser Roman nicht geeignet. Kumpfmüller
verlangt seinen Lesern einiges ab. Dabei läßt er
dem Fall Jesse seine erratische Rätselhaftigkeit. Der
Autor macht es seiner Leserschaft aber auch unmöglich,
in tröstliche Schuldzuweisungen zu flüchten. Wenn
sein Buch eine "Message" hat, dann ist es die: Daniela
Jesse hat mehr mit uns "Normalmenschen" zu tun,
als uns die "Bildzeitung" glauben machen möchte.
"Madame Bovary, c'est moi", hat Flaubert gesagt.
"Daniela Jesse, c'est nous", könnte man nach
der Lektüre von "Durst" sagen Daniela Jesse,
das sind wir! Michael Kumpfmüller ist von der deutschen
Literaturkritik respektvoll gelobt worden für sein Buch.
Mit Recht. Der 42jährige hat einen schwierigen Stoff
souverän gemeistert, ohne billige Schuldzuweisungen,
ohne falsches Pathos. Ein starkes Stück Literatur.
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Gesendet in der Radio-Sendung "Ex Libris", Ö1,
Dezember 2003.
Buchhinweis:
Michael Kumpfmüller: DURST
Roman, Kiepenheuer & Witsch (2003), 224 Seiten, ISBN:
3462033166.
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