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Rezensionen Literatur\Radek Knapp
(2003)
RADEK KNAPP: "PAPIERTIGER"
Eine Geschichte in fünf Episoden
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Schon
so mancher, weiß ein hübsches Apercu, sei als Tiger
losgesprungen und als Bettvorleger gelandet. Eine Redewendung,
die auf Walerian, den Helden von Radek Knapps neuem Erzählband,
ganz und gar nicht zutrifft. Wenn das Bild nicht so schief
wäre, könnte man sagen: Walerian, der Langeweiler,
ist als Bettvorleger gestartet und als Bettvorleger gelandet.
In der ersten der fünf, lose miteinander verknüpften
Erzählungen lernen wir den jungen Mann als ziellosen
Taugenichts von Ende zwanzig kennen, als charmanten Gelegenheitsarbeiter,
der sich als Krankenpfleger, Weihnachtsengel und Aushilfswärter
eines Paviangeheges durchs Leben schlägt. Walerian, so
heißt es im Buch, hatte unzweifelhaft ein Problem mit
dem, was man als Zukunft bezeichnet. Eine Problematik, die
der junge Tagträumer mit Millionen anderen Twenty- und
Thirty-Somethings von heute teilt, die als verwöhnte
Mittelschichtssprößlinge vom Ethnologiestudium
zur Shiatsu-Ausbildung, vom Gelegenheitsjob als Call-Center-Angestellter
zur sechsmonatigen Tracking-Tour durch die Anden hin- und
herswitchen, ohne auch nur im entferntesten eine Ahnung zu
haben, was sie mit ihrem Leben eigentlich anfangen sollen.
Immerhin, Walerian fühlt sich nicht recht wohl in seiner
Haut, wie wir schon zu Beginn des Buchs erfahren.
Zitat:
"Er ging auf die Dreißig zu und verspürte
ein wachsendes Schamgefühl darüber, bis dahin keine
außergewöhnlichen Taten vollbracht zu haben, und,
was noch bedenklicher war, auch keine solchen zu planen."
Wenigstens das: Walerian schreibt. Zwischen ausgiebigen Fernseh-Sessions
ringt er sich eine Erzählung namens "Papiertiger"
ab. Er betrachtet das Schreiben freilich eher als Marotte
denn als ernsthafte Betätigung. Daß seine literarischen
Ergüsse von einem deutschen Großverlag publiziert
werden, daß er binnen weniger Wochen zum Autoren-Starlet
der Saison avanciert, nimmt Walerian mehr erstaunt denn befriedigt
zur Kenntnis. Radek Knapps Erzählband ist eine hübsche
Satire auf das Schriftstellerdasein, auf die Riten und Rituale
des Literaturbetriebs mit all ihren Lächerlichkeiten.
Sein neues Buch, sagt der 39jährige Autor, sei allerdings
auch ein zoologisches Werk, gewissermaßen.
OT Knapp: "Also, es gibt auf unserem Planeten
alle möglichen Lebensformen... Papiertiger ist ein Tier,
das sich dadurch auszeichnet, dass es sich nicht wohl fühlt
an dem Ort, an dem es sich gerade befindet. Es ist ein Tier,
das an notorischer Unentschlossenheit leidet, und ich denke,
dass die Entlarvung des Papiertigers... einfach zu unserer
Pflicht gehört. Und dieses Buch ist die Entlarvung eines
Papiertigers."
Radek Knapp kann, was den Plot seines Erzählbands betrifft,
durchaus aus eigenem Erleben schöpfen. Knall auf Fall
stieg der junge Autor 1994 mit seinem Erzählband "Franio"
zum Darling der deutschen Feuilletons, zum inbrünstig
akklamierten Jungstar der Frankfurter Buchmesse auf
ein Avancement, das ihm nicht nur gut getan hat, wie Radek
Knapp heute unumwunden bekennt. Wenn man so schnell, so scheinbar
mühelos Erfolg hat, verliert man leicht den Boden unter
den Füßen.
OT Knapp: "Niemand ist heute so stark, dass er
seine Eitelkeit im Zaum halten könnte. Ich war da bei
Gott keine Ausnahme. Und heute bezahle ich dafür, aber
diesen Preis bin ich gern zu zahlen bereit. Zu viel Eitelkeit
schadet nämlich mächtig dem Schreibstil."
Radek Knapp hadert mit dem Schriftstellerdasein. Er würde
gern wieder zur, wie soll man es nennen, "Unschuld der
frühen Jahre" zurückkehren.
OT Knapp: "Mein Traum geht dahin, dass ich gern
wieder schreiben würde wie ein Debütant. Es ist
eine Tatsache, dass erste Bücher in der Regel blendend
geschrieben sind, wie es auch eine Tatsache ist, dass zweite
Bücher wieder in der Regel nicht so gut sind."
Woran liegt es Radek Knapps Meinung nach, dass erste Bücher
häufig besser sind als zweite Bücher?
OT Knapp: "Das erste Buch wird von einem Krankenpfleger
oder Taxifahrer geschrieben, das zweite von einem Schriftsteller."
Schon, schon. Allerdings weiß auch Radek Knapp, dass
sich ein Berufswechsel vom Haupterwerbsautor zum Taxifahrer
als langfristig eher unkomfortabel herausstellen dürfte,
es sei denn, der Autor von "Papiertiger" fände
plötzlich Spaß daran, als 60160-Chauffeur durch
Wien zu kutschieren. Eher unwahrscheinlich. Immerhin, bei
anderen, älteren Schriftstellern findet Radek Knapp,
der mit dem Autorenstand Hadernde, Trost.
OT Knapp: "Ich habe einmal vor zwei Jahren so
einen kleinen Preis gekriegt. Und der wahre Preis war, dass
ich beim Frühstücksbuffett Imre Kertesz getroffen
habe. Und ich habe ihm vorgejammert: Ich halte diese ganze
Scheiße mit dem Schriftstellersein nicht mehr aus. Er
hat's verstanden. Er hat gewusst: Zu einem echten Schriftsteller
gehört wohl die Verneinung des Schriftstellers."
Die Erzählungen in Radek Knapps Büchelchen sind
von durchaus unterschiedlicher Qualität. Wirklich gelungen
sind nur die Texte drei und vier, zusammen etwa neunzig Seiten.
In diesen beiden Texten, "Papiertiger" und "Die
neue Bewunderin" heißen sie, macht sich der 39jährige
auf charmante Weise über die Merkwürdigkeiten des
Literaturbetriebs lustig. Trotz einschlägiger Klischees,
die da bemüht werden, gelingt Radek Knapp eine pfiffige
Persiflage auf Dichtereitelkeiten und die Anhimmelungssucht
literarischer Enthusiastinnen. Die Stories eins, zwei und
fünf wirken fallweise unplausibel und scheinen zu den
beiden anderen nicht recht zu passen.
Alles in allem ein heterogener Erzählband, dessen Qualitäten
vor allem in den beiden Kerntexten zur Geltung kommen.
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Gesendet in der Radio-Sendung "Ex Libris", Ö1,
April 2003.
Buchhinweis:
Radek Knapp: PAPIERTIGER
Erzählungen, Piper Verlag (2003), 148 Seiten, ISBN: 349204395X.
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