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Rezensionen Literatur\Elfriede Kern (2003)
ELFRIEDE KERN: "TABULA RASA"
Vier Erzählungen
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Wer
Elfriede Kerns frühere Bücher gelesen hat, wird
sich in diesen Erzählungen auf vertrautem Terrain wiederfinden.
Erneut entführt uns die Autorin in jene düster-diffusen
Grenzbezirke zwischen Traum und Wirklichkeit, in denen auch
ihre früheren Texte angesiedelt sind, wieder geht es
um die Mechanismen der Macht, die zwischen ihren seltsam verstörenden
Figuren wirksam werden. In der ersten von insgesamt vier Geschichten,
"Aufbrechen" heißt sie, geht es um eine namenlose
junge Frau, die eines Tages ihre Wohnung verlässt, um
sich in einem Akt von Landstreicherei auf die Suche nach...,
ja wonach eigentlich, zu begeben. Sie lernt einen jungen Mann
kennen, einen eigentümlichen Menschen; mit ihm durchstreift
sie Wiesen und Wälder. Der junge Mann trägt eine
Botentasche mit sich, in der er ein geheimnisvolles blaues
Ding aufbewahrt. Genauso wird es von Kern beschrieben: als
"blaues Ding". Am Ende bringt sich die Protagonistin
in den Besitz dieses Gegenstands, von dem wir nie erfahren,
worum es sich dabei eigentlich genau handelt.
Die letzten beiden Sätze der Erzählung lauten:
"Ich habe mich seitlich am Wegrand ins Gras gesetzt
und meine Hand mit dem blauen Ding darin vor meine Augen gehoben.
Ich habe es lange betrachtet und mir gedacht, dass sich alle
Unbill gelohnt hat." Aus, Ende. Elfriede Kern lässt
uns mit diesen Schlußsätzen allein. Analysen und
Deutungen werden nicht angeboten, nicht einmal in Ansätzen.
Das Aussparen und Weglassen interpretierender Details hat
Elfriede Kern einer eigenwilligen und durchaus irritierenden
Kunstform erhoben. Auch das Motiv der Vagantengeschichte,
das in diesem Text anklingt, werden Kern-Leserinnen und Leser
aus früheren Büchern der Autorin kennen. Das Glück
der Heimkehr ist den Kernschen Landstreicherinnen und Vaganten
in der Regel nicht vergönnt.
OT Kern: "Nein, sie kommen nicht nach Hause.
Wenn ich mit ihnen fertig bin, sind sie so versehrt... ein
Warten auf den Tod... Es gibt keine Rückkehr, und es
gibt kein glückliches Ende, das gibt es nicht."
Immer wieder versuchen Elfriede Kerns Protagonistinnen
oft weiß man nicht, sind es Männer, sind es Frauen
auszubrechen aus kleinbürgerlicher Enge und kryptosadistischer
Kontrolle. In der Regel misslingen diese Ausbrüche, der
Traum von der Freiheit endet stets in neuer Abhängigkeit.
"Inschrift" heißt die zweite Erzählung
des Bandes: Die Protagonistin, ein junges Mädchen, erlaubt
sich kleine Fluchten aus den "familienähnlichen
Verhältnissen", in denen zu leben sie gezwungen
ist. Sie treibt sich in Kinos und einem heruntergekommenen
Café herum, sie holt sich ihr Mittagessen bei der Essensausgabe
der Barmherzigen Schwestern und hockt stundenlang auf den
Stufen eines großen Einkaufszentrums. Eines Tages lernt
sie einen jungen Mann kennen, einen innerlich versehrten Menschen
wie sie, der sich mit seinem Messer gewohnheitsmäßig
Schnittwunden an den Unterarmen zufügt. Er unterweist
die Protagonistin in der Kunst der gezielten Selbstverletzung.
Die junge Frau erweist sich als gelehrige Schülerin:
Sie schneidet sich die Haut am Unterarm auf und beobachtet
interessiert das Muster der Blutstropfen auf dem Boden. So
endet Erzählung zwei. Wie alle Kernschen Figuren bewegt
sich auch die Heldin dieser Geschichte in einer seltsam klaustrophobischen,
einer ganz und gar autistischen Welt.
OT Kern: "Ja, sie sind, denke ich, in einem hohen
Maß autistisch, meine Figuren... unbefangenen Blick
auf ihre Umwelt zu haben."
Es ist ein karges und kantiges Erzählen, das Elfriede
Kern in ihren Texten kultiviert. Ein Stil, der nicht nur auf
jubelnde Zustimmung stößt. Bei Lesungen werde sie
immer wieder mit verstörten Reaktionen konfrontiert,
erzählt die Autorin. So nach dem Motto: Wie kann eine
FRAU derartig abgründig schreiben?
OT Kern: "Es ist immer noch so, dass man den
Frauen abfordert eine gewisse Einfühlung, eine Liebe
zu den Mitmenschen... nicht in den Büchern zumindest."
Vier Geschichten umfasst Kerns Erzählband; die ersten
drei, keine mehr als fünfzehn, sechzehn Seiten lang,
bilden eine Art Präludium zum eigentlichen Haupttext,
der mehr als hundertseitigen Erzählung "Ruth schläft".
Als Mitglied einer abgehalfterten Zirkustruppe zieht sich
Ruth, die Ich-Erzählerin, mit der Akrobatin Blanka in
ein entlegenes Winterquartier auf dem Lande zurück. Nachts
schaben wilde Tiere an der Hauswand, die Atmosphäre ums
Haus ist durchaus unheimlich. Was treiben die beiden Frauen
in der ländlichen Einsamkeit? Ruth soll Blanka für
die Frühjahrssaison trainieren. Die Artistin leidet allerdings
an Narkolepsie, einer Krankheit, bei der die Patienten unwillentlich
immer wieder in tiefe Schlafzustände fallen. Trainerin
Ruth sieht sich gezwungen, ihre Freundin aufs grausamste zu
schikanieren, damit sie im Frühjahr ein glanzvolles Comeback
in der Manege feiern kann. Die Logik von Beherrschung und
Unterwerfung bestimmt den ganzen Text, mit "Ruth schläft"
hat Elfriede Kern ein Lehrstück über die Dressierbarkeit
des Menschen vorgelegt.
Die 53jährige Autorin darf in der österreichischen
Literaturszene mittlerweile als durchgesetzt gelten. Mit ihren
Romanen "Schwarze Lämmer" und "Kopfstücke"
sowie mit "Etüde für Adele und einen Hund"
hat sich Elfriede Kern zum Teil durchaus enthusiastische Kritiken
und eine eingefleischte Fangemeinde erschrieben. Leider erreichen
die vier Erzählungen des vorliegenden Bandes nicht ganz
die Qualität der Kernschen Romane. Die sture Verwendung
der Perfekt-Form in der ersten Geschichte wirkt ermüdend
"ich habe mich aus ihrem Griff befreit, ich
habe die Frau beiseite gestoßen und habe meinen Essensvorrat
an mich genommen" usw. Außerdem entwickeln
die Erzählungen nicht den Sog der Romane, die man, ein
Charakteristikum der Kernschen Erzähltechnik auf der
"langen Strecke", nicht und nicht beiseite legen
kann, ehe man sie ganz zu Ende gelesen hat. Elfriede Kern
scheint ihre Talente vor allem im Romangenre ausspielen zu
können; die Erzählungen haben gewiß ihre Qualitäten
die verstörende Kraft der "Schwarzen Lämmer"
oder der "Kopfstücke" erreichen sie nicht.
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Gesendet in der Radio-Sendung "Ex Libris", Ö1,
November 2003.
Buchhinweis:
Elfriede Kern: TABULA RASA
Erzählungen, Verlag Jung und Jung (2003), 180 Seiten,
ISBN: 3902144610.
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