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Rezensionen Literatur\Michel Houellebecq
(2005)
MICHEL HOUELLEBECQ: "DIE MÖGLICHKEIT EINER INSEL"
Roman aus dem Französischen von Uli Wittmann
Rezension von Günter Kaindlstorfer
In
zarter Überspitzung darf man konstatieren: Houellebecqs
jüngstes Opus besitzt die Skandaltauglichkeit eines frühen
Jules Verne. Natürlich, der kraftmeiernde Untergangsprophet
bemüht sich auch diesmal nach Kräften zu schockieren,
mit deftigen Jokes und kaltschnäuzigem Kulturpessimismus,
dahinter schimmert aber auch in diesem Buch, wie in Houellebecqs
früheren, eine fast sentimental zu nennende Sehnsucht
nach dem Romantischen durch, wie auch der "Spiegel"
in seiner Besprechung des neuen Houellebecq-Romans festgestellt
hat.
Dabei ist Houellebecqs neues Buch, "Die Möglichkeit
einer Insel", vieles zugleich: satirische Zeitdiagnose
und elegisches Science-Fiction-Epos, Klon-Saga und melancholischer-Soft-Porno.
Der 47jährige hat seine Erzählung auf zwei Zeitebenen
angesiedelt. Zum einen spielt das Buch im Heute, einem satirisch
überhöhten Heute, wie man hinzufügen muß,
zum anderen bietet Houellebecq düstere Ausblicke in eine
huxleyhafte Zukunft, die von bösen Steinzeit-Barbaren
und geklonten Neo-Menschen geprägt ist.
Dem Heute sind siebzig bis achtzig Prozent der 440 Romanseiten
gewidmet. Houellebecq macht uns mit "Daniel 1" bekannt,
einem erfolgreichen Bühnen-, Film- und Fernsehkomiker,
der mit politisch inkorrekten Flapsigkeiten Furore und gutes
Geld macht.
Zitat:
"Ich begann mit kleinen Sketchen über Patchwork-Familien,
über die Journalisten von "Le Monde" und die
Armseligkeit der Mittelschicht im allgemeinen. Ich war sehr
überzeugend in der Rolle von Intellektuellen, die die
Hälfte ihrer Karriere bereits hinter sich hatten und
angesichts des entblößten Bauchnabels und der aus
der Hose hervorschauenden Strings ihrer Töchter plötzlich
inzestuöse Gelüste entwickelten. Kurz gesagt, ich
war ein scharfer Beobachter der gegenwärtigen Realität...
Um etwas konkreter zu werden, hier einer der Scherze, den
ich bei meinen Auftritten häufig angebracht habe:
'Weißt du, wie man den Fettkloß nennt, der die
Scheide umgibt?'
'Nein.'
'Frau.'"
Obwohl er geschmacklose Knaller dieser Art zum Besten gibt,
heimst Houellebecqs Protagonist auch in progressiven Blättern
gute Kritiken ein. Man hält seinen Humor für erfrischend,
seine Tabubrüche für aufklärerisch. Daniel
1 eine erfolgreiche Mischung aus Harald Schmidt und Theo
van Gogh sozusagen. Als der Komiker schließlich auch
mit antiislamischen und antisemitischen Gags zu punkten versucht,
setzt es Strafanträge und Morddrohungen. Besseres kann
ihm nicht passieren, Daniels Auftritte finden nun ausnahmslos
in ausverkauften Häusern statt. Houellebecqs Held hält
sich, wie sein Erfinder, an ein eisernes Gesetz der Fungesellschaft:
Tabubruch rechnet sich, auch finanziell.
Zitat:
"Als ich Isabelle kennenlernte, war ich bei etwa sechs
Millionen Euro angelangt. Eine Balzacsche Figur würde
sich in diesem Stadium eine Prachtwohnung kaufen, die sie
mit Kunstgegenständen füllt, und sich wegen einer
Tänzerin zugrunde richten. Ich wohnte in einer banalen
Dreizimmerwohnung im 14. Arrondissement und hatte noch nie
mit einem Top-Model geschlafen - hatte nicht mal die geringste
Lust darauf verspürt. Ich hatte wohl nur einmal mit einem
halbwegs bekannten Mannequin kopuliert; aber sie hat keinen
unauslöschlichen Eindruck auf mich hinterlassen."
Houellebecq schreibt mit machistischer Attitüde, man
kennt das; findet man dergleichen degoutant, lasse man oder
frau am besten die Finger von seinen Büchern. Akzeptiert
man den Macho-Schmäh des Pariser Provo-Stars aber als
Stilmittel, lesen sich Houellebecqs Auslassungen über
den Schicki-Micki- und Medienbetrieb von heute hochamüsant.
Die oft gestellte Diagnose, daß Houellebecq ein "düsterer",
ein "depressiver" Autor sei, sei hiermit ausdrücklich
angefochten. Selten hat der Franzose witziger und mit mehr
Drive erzählt als in den beiden tragikomischen Liebesgeschichten,
die er seinen Helden Daniel 1 durchleben läßt.
Beide Amouren enden traurig: sowohl die zu Isabelle, der intellektuellen
Chefredakteurin des Teenagermagazins "Lolita", als
auch die zu Esther, einer sinnlichen Film- und Fernsehdiva
aus Madrid. Wer die vierzig, erst recht die fünfzig überschritten
hat, beklagt Houellebecq, wird eben zum Loser auf dem Markt
der Liebe und der Lüste. Da macht auch Daniel 1 keine
Ausnahme. Am Ende wird er, rasend vor Begierde nach der verflossenen
Spanierin, freiwillig aus dem Leben scheiden. Vorher allerdings,
und da beginnt der Science-Fiction-Strang des Romans, läßt
Houellebecq seinen Helden einer Sekte beitreten, den sogenannten
Elohim. Die Verheißung, die den Elohim-Jüngern
zuteil wird, klingt verlockend: ewige Wiedergeburt durch Klonen.
Zitat:
"Die Elohimiten lebten sehr gesund. Sie wollten nicht
altern; aus diesem Grund rauchten sie nicht. Drogen waren
eher verpönt. Was die Ernährung betraf, waren sie
ziemliche Schonkost-Freaks. Gesundheit war das Ziel. Alles,
was gesund war, und insbesondere alles, was mit Sex zu tun
hatte, war erlaubt. Auf ihrer Website und in den Broschüren
kam das deutlich zum Ausdruck: netter, etwas fader Kitsch,
beeinflußt von den Präraffaeliten, mit einem Hang
zu dicken Titten im Stil von Walter Girotto."
Houellebecqs Held, Daniel 1, lässt sich klonen. In den
entsprechenden Passagen des Romans brilliert Houellebecq als
Suspense-Erzähler, der einen spannenden Plot wie sein
Landsmann Jules Verne mit technisch-wissenschaftlichen Utopien
garniert. In einem zweiten Handlungsstrang kommen nun die
Klone des Pariser Brachialhumoristen Daniel 1 zu Wort, Daniel
24 und Daniel 25, seine Wiedergänger in ferner Zukunft.
Daniels Klone führen ein denkbar trostloses Leben in
einer apokalyptischen oder post-apokalyptischen Welt. Ihr
Problem: Der wissenschaftliche Fortschritt hat alles weggezüchtet
aus ihrer genetischen Grundausstattung, was Leiden schafft
- Gefühle vor allem. Die Neo-Menschen verkehren und kommunizieren
ausschließlich via Daten-Highway miteinander. Ihr Emotionshaushalt
ist angenehm heruntergedimmt. Lachen, Weinen, Mitleid, Güte,
Liebe alles weggezüchtet. Leider macht das die
Neo-Menschen nicht glücklicher. Ihr Leben plätschert
eintönig, melancholisch, langweilig dahin.
Die science-fiction-haften Passagen stellen das eigentliche
Problem des Houellebecq-Romans dar: So eintönig wie das
Leben der Klone kommen auch die Schilderungen ihres Alltags
daher. Michel Houellebecq hat eine grimmige Anti-Utopie geschrieben,
ein spannendes, über weite Strecken amüsantes Buch
mit erklecklichen Längen. Literaturkritische Jubelchoräle
sind angesichts dieses Werks ebenso wenig angebracht wie hämische
Verrisse. Houellebecq hat einen Roman mit Stärken vorgelegt,
aber eben auch: mit Schwächen. Und den Hype um Houellebecq
jüngstes Opus nehme man als das, was er ist: Marketing-Gekreisch.
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Gesendet in der Radiosendung "Ex Libris", Ö1,
September 2005.
Buchhinweis:
Michel Houellebecq: DIE MÖGLICHKEIT EINER INSEL
Roman, DuMont Verlag (2005), 445 Seiten, ISBN: 3832179283.
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