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Rezensionen Literatur\Günter
Grass (2006)
GÜNTER GRASS: "BEIM HÄUTEN DER ZWIEBEL"
Roman
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Aus
der Perspektive des Literaturkritikers ist, läßt
man das Wortgeklingel hysterisierter Leitartikler beiseite,
eine einzige Frage von Belang: Was taugt der Text? Versuchen
wir diese Frage auch im Fall von Günter Grass' kontrovers
rezipierten Jugenderinnerungen ernst zu nehmen. Die zur Genüge
diskutierten Passagen über Grassens Intermezzo bei der
Waffen-SS nehmen einige wenige Seiten ein in einem Buch, in
dem der Nobelpreisträger "wortreich gemiedene Wörter"
endlich aussprechen möchte. Grass tut das, um es vorwegzunehmen,
auf ganz und gar überzeugende Weise.
Die Jugend-Memoiren des Nobelpreisträgers setzen mit
dem Beginn des Zweiten Weltkriegs ein, Grass war damals zwölf,
sie enden mit der Veröffentlichung der "Blechtrommel"
Ende der fünfziger Jahre. Zwei Dezennien, in denen eine
Menge passiert ist, auch in der Biographie des Kolonialwarenhändlersohns
aus Danzig- Langfuhr. "Der Junge, der ich war",
nennt Grass sich selbst im Rückblick. Er scheint dem
Dichter fremd zu sein, dieser Junge, der als begeisterter
Jungvolk-Pimpf die Lieder der Zeit schmetterte "Unsere
Fahne flattert uns voran" der mit angehaltenem
Atem die Wochenschau-Berichte vom siegreichen Vormarsch der
Wehrmacht im Westen verfolgte, der die Helden der Zeit verehrte:
Jagdflieger Galland, Max Schmeling und vor allem Kapitänleutnant
Prien, den Helden von Scapa Flow.
Grass' Autobiographie ist eine Selbstanklage, eine unverhohlene
Selbstbezichtigung: Der Autor wirft sich vor, als Kind nicht
oft genug nachgefragt zu haben. Als der Vater eines Schulkameraden
ins KZ Stutthof kam etwa. Oder als sein Lateinlehrer, ein
katholischer Priester, von einem Tag auf den anderen plötzlich
verschwand. "Ich war ein Jungnazi", schreibt
Grass, "gläubig bis zum Schluß... Um den
Jungen, der ich damals war, zu entlasten, kann nicht einmal
gesagt werden: Man hat uns verführt! Nein, wie haben
uns, ich habe mich verführen lassen!"
Grass wechselt immer wieder zwischen Ich- und Er-Form hin-
und her in seinem Text, oft innerhalb einiger weniger Absätze.
Sein Buch ist raffiniert strukturiert, flammende Selbstanklage
und farbsattes Zeitpanorama in einem. Vor allem scheint sich
Grass nicht verzeihen zu können, daß er sich einst
mit fünfzehn freiwillig zum Dienst mit der Waffe gemeldet
hat. "Ginterchen", wie seine kaschubische Großtante
ihn nennt, will zu den U-Booten, er wird aber, weil zu jung,
vom Dienst zurückgestellt. Der Halbwüchsige wird
Luftwaffenhelfer vor den Toren der Stadt, nur zwei oder drei
Mal hat er Gelegenheit, sich an den Achtkommaacht-Geschützen,
an denen man ihn ausgebildet hat, zu erproben. Es folgen einige
Monate als Arbeitsdienstmann das mächtig pubertierende
"Ginterchen" bekämpft aufsprießende Pickel
mit Pitralon und Mandelkleie als plötzlich der
Einberufungsbefehl auf dem elterlichen Eßzimmertisch
liegt.
In Berlin soll sich Arbeitsdienstmann Grass melden, dort
wird dem Siebzehnjährigen dann ein Marschbefehl zugeschoben.
Reiseziel: Dresden. Von dort geht's im Herbst 44 weiter auf
einen Truppenübungsplatz der Waffen-SS in die böhmischen
Wälder. In der nach einem Landsknechtführer aus
den Bauernkriegen benannten Division "Jörg von Frundsberg"
soll der begeisterte Jung-Nazi als Panzerschütze ausgebildet
werden.
Grass weiß, daß man sechs Jahrzehnte post bellum
keine klaren Grenzen mehr ziehen kann zwischen Fakten und
Fiktion. Der Erinnerung ist zu mißtrauen, das postuliert
der Autor immer wieder. Und so bietet er seine Kriegserlebnisse
in Form zusammenhangloser Erinnerungsfetzen dar: die gnadenlose
Schleiferei im Ausbildungslager, die Massenentlausung in der
Hygienebaracke, die Fahrt im Güterwaggon an die niederschlesische
Front, endlose Flüchtlingstrecks und an Chausseebäumen
baumelnde Wehrmachtssoldaten... Mitte April 45 dann die erste
"Feindberührung": Grassens Truppe, ein zusammengewürfelter
Haufen Infanteristen und Panzerschützen, bezieht in einem
Jungwald Stellung. Die SS-Division Frundsberg, Ohne Vorwarnung
machen vorrückende Sowjettruppen den Forst mit Katjuscha-Raketen
platt. "Ginterchen" duckt sich unter einen Jagdpanzer,
wie er's gelernt hat und pißt sich in die Hosen, während
die Stalinorgel den Jungwald rundum zerfetzt und die in ihm
Schutz suchenden Kameraden gleich mit. Es sind nicht viele,
die das Inferno überleben.
Er habe während seiner Kriegszeit keinen einzigen Schuß
abgegeben, behauptet Grass. Keine Rede von Sengen und Mordbrennen,
von Massenerschießungen, Judenmorden, Massakern an Zivilisten.
Ginterchen stolpert, wenn man seinen Schilderungen trauen
darf, durch das Kampfgetöse wie weiland Grimmelshausens
Simplicius durch den Dreißigjährigen Krieg. Irgendwo
in der Lausitz wird er verwundet. Er erholt sich in einem
Lazarett, gerät in amerikanische Kriegsgefangenschaft
und beginnt sich allmählich mit den Irrtümern
seiner jungen Jahre auseinanderzusetzen.
Das alles schildert der deutsche Nobelpreisträger in
seiner unverwechselbaren Sprache, dem charakteristischen Grass-Idiom
aus langen, in eigentümlichen Wortverbindungen sich windenden
Sätzen. Man kann diesen Stil manieriert nennen, mit gleichem
Recht aber läßt sich die saftige Anschaulichkeit
der Grass'schen Prosa loben, ihr grimmiger Witz, ihre bärbeißige
Selbstironie.
Es ist, nehmt alles nur in allem, ein starkes Erinnerungsbuch,
das Günter Grass da vorgelegt hat. Als "moralische
Instanz" zu der andere ihn ernannt haben
mag Grass durch das jahrzehntelange Verschweigen seiner SS-Zugehörigkeit
Schaden genommen haben. Als Schriftsteller hat sich der 79jährige
nichts vorzuwerfen. Grass ist ein Könner, bleibt ein
Könner, untadelig auch im kritischen Blick auf sich selbst
und seine Biographie.
Das Kriegsende markiert übrigens nicht einmal die Hälfte
der Grass'schen Memoiren. Auf weiteren 300 Seiten erzählt
der Autor von den Irrungen und Wirrungen der Nachkriegszeit,
von seiner Abneigung gegen Adenauer und den Ekstasen früher
Faulkner-Lektüre, von den tragischen Posen des Existenzialismus
und den ersten Gedichten, die er sich traklnd abgerungen hat,
von geglückter Liebe und romantischen Autostopp-Touren
ins ferne Italien. Die ersten literarischen Erfolge des späteren
Nobelpreisträgers waren bescheiden genug. Der Gedichtband
"Die Vorzüge der Windhühner", Grassens
Debüt, hat sich exakt 753 Mal verkauft. Diesmal wird's
wohl um einiges mehr sein.
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Gesendet in der Radiosendung "Ex Libris", Ö1,
August 2006.
Buchhinweis:
Günter Grass: BEIM HÄUTEN DER ZWIEBEL
Roman, Steidl Verlag (2006), 480 Seiten, ISBN: 3865213308.
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