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Rezensionen Literatur\Karl-Markus
Gauß (2003)
KARL-MARKUS GAUSS: "VON NAH, VON FERN"
Ein Jahresbuch
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Karl-Markus
Gauß hat viele Talente. Auf die Kunst der Feindschaft
versteht sich der in Salzburg lebende Schriftsteller genauso
gut wie auf die hohe Kunst des geglückten Satzbaus. Nachzuprüfen
auch im jüngsten Band aus Gaußens Feder, "Von
nah, von fern", erschienen bei Zsolnay. Wie schon in
seinem Erfolgsbuch "Mit mir, ohne mich" pflegt Gauss
auch in seinem neuen Opus ein Genre, das im deutschen Sprachraum
als durchaus unterschätzt gelten darf: das Genre des
JOURNALS.
Als kritischer Chronist läßt der Schriftsteller
diesmal das Jahr 2002 Revue passieren. Das thematische Spektrum
ist breit gefächert: Es reicht vom Selbstmord Franz Innerhofers
im Jänner bis zu den Kriegsvorbereitungen der amerikanischen
Golfkriegsarmee im Dezember 2002. Am Genre des Journals reize
ihn vor allem die inhaltliche Bandbreite, sagt Karl-Markus
Gauss.
OT Gauß: "Es sind melancholische Passagen
drin, gnadenlos politische Passagen... die Gegenwart mit ihren
Widerlichkeiten, es sind aber auch bestimmte Idyllen aufblitzend...
Das ganze ist ein disparates Gebilde, von dem ich glaube,
dass ich... eines... Herangehens sehr gut verwirklichen kann."
Karl-Markus Gauß profiliert sich in seinem Buch nicht
nur als pointierter Zeitkritiker, sondern auch als kämpferischer
Polemiker gegen die Eitelkeiten und Blasiertheiten des Kulturbetriebs.
Umberto Eco und Salman Rushdie beispielsweise hält der
Schriftsteller schlicht und einfach für mittelmäßige,
für hoffnungslos überschätzte Autoren.
OT Gauß: "Die schreiben ja beide gar nicht
mehr dafür, dass sie gelesen werden, sondern dass sie
entweder, wie Rushdie, verteidigt werden, oder, wie Eco, ihre
Elaborate häppchenweise quer durch die europäische
Magazinpresse verkaufen können."
Der Kern der Gaußschen Kritik: Beide, Salman Rushdie
wie Umberto Eco, schrieben Bücher für Agenten, nicht
für Leser. Pardon wird nicht gegeben in diesem literarischem
Journal. Wortmächtig zieht Gauß auch gegen den
deutschen Leichenvermarkter Gunther von Hagens zu Felde. Die,
wie er es nennt, "Eventschächtungen" des umstrittenen
Anatomen erregen des Schriftstellers Abscheu in besonderem
Maße.
Zitat:
"Gunther von Hagens ist die Leni Riefenstahl der plastifizierten
Körper, ein Meister aus Deutschland, der vom Triumph
seines Willens über den Verfall der Materie so beraucht
ist, daß er seine Sektionen mittlerweile als pseudosakrale
künstlerische Akte inszeniert. Das betont er durch den
schwarzen Hut, den er, ohne deswegen Joseph Beuys zu werden,
niemals abnimmt."
Man hört, der Mann kann schreiben. Eine temperamentvolle
Attacke reitet Gauß in seinem Buch auch gegen den österreichischen
Brachialdokumentaristen Ulrich Seidl. Der umstrittene Filmemacher
sei letztlich nichts als ein Menschen-Denunzierer, poltert
Gauß, ein cineastischer Manipulateur, der es sich in der
schwarzen Idyllik seiner Filmkunst behaglich eingerichtet
habe.
OT Gauß: "Er ist natürlich ein absoluter
Kenner und Künstler, nur ist sein gesamtes künstlerisches
Schaffen darauf orientiert, die Menschen in ihrer tiefsten
Beschämung zu zeigen, die Menschen als Alltagsfaschisten
in jederlei Fasson hinzustellen. Dabei entwickelt er eine
unglaubliche Präzision. Ich habe dagegen allerdings einen
grundlegenden Einwand: Er hat eine selbstzufriedene, snobistische
Aversionsroutine gegen das ach so dumme Volk entwickelt."
Eine Routine, die Karl-Markus Gauß ganz und gar gegen den
Strich geht. Zu polemischer Höchstform schwingt sich
der Salzburger Literat auch im Zusammenhang mit dem Kärntner
Landeshauptmann auf. In satirischer Zuspitzung zieht Gauß
gegen die Publicitysucht von Österreichs reisefreudigsten
Politiker vom Leder.
Zitat:
"Am Montag jettet er von Österreich in den Irak,
um mit dem Blutrünstigen für ein paar Fotos um die
Wette zu grinsen... Dann besteigt er von rasender Eskorte...
zurück nach Österreich... tief gerührt umstandslos
wieder rückgängig macht."
Karl-Markus Gauß in rhetorischer Raserei auf
einen groben Klotz gehört wohl ein grober Keil. Man darf
sich den Journal-Schreiber vom Fuße des Mönchsbergs
freilich nicht als polternden Hysteriker vorstellen, als wildgewordenen
Polemiker, der mit Schaum vor dem Mund der ganzen Welt den
Krieg erklärt. Im Gegenteil: In Gaußens neuem Buch
finden sich auch stille, nachdenkliche Passagen: über
seinen aus der Vojvodina geflüchteten Großvater,
der, kaum in Österreich angekommen, so gut wie nichts
mehr gesprochen hat, über die Rastlosigkeit der modernen
Welt, über die landschaftlichen Schönheiten der
Ostslowakei, die der Schriftsteller letztes Jahr bereist hat.
Wenn es so etwas wie eine allgemeine politische Stoßrichtung
in Gauß' neuem Buch gibt, dann ist es die Kritik am
Neoliberalismus. Der europäische Sozialstaat finde in
Gauß einen glühenden Verteidiger.
Karl-Markus Gauß: "Ich war vor einigen
Jahren in England, dem Versuchsland Maggie Thatcher... In
diesen Zügen, die dort fahren... die würde in Österreich
kein Pensionistenverein akzeptieren... Diese Züge, die
stinken, eng sind, jeden Komfort eingebüßt haben,
die wären ja sozusagen die Zukunft Europas, aber die
Zukunft Europas, und davon bin ich fest überzeugt, ist
noch nicht entschieden."
Karl-Markus Gauß würde wohl gern ein Wörtchen
mitreden, was Europas Zukunft betrifft. Nur leider: Auf solche
wie ihn haben die Mächtigen bisher nur selten gehört.
Eigentlich schade.
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Gesendet in der Radio-Sendung "Ex Libris", Ö1,
August 2003.
Buchhinweis:
Karl-Markus Gauß: VON NAH, VON FERN EIN JAHRESBUCH
Journal, Zsolnay Verlag (2003), 264 Seiten, ISBN 3552052860.
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