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Rezensionen Literatur\Franzobel 2004)
FRANZOBEL: "LUNA PARK"
Vergnügungsgedichte
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Zitat
"Picknick" (gelesen von Franzobel):
"Du. Da ist das Tuch, der Korb und die Natur,
auch Mücken, Küssenkönnen und das Bäumeblühen,
auch Summt und Surrt sind da.
Es sticht das Gras, die Jungfernschaft. Du,
da sind Kaktusfeigen, Muscheln aus der Dose,
angefaulte Äpfel schillern Du und da
und der Nachtisch lockt die Bienen an,
Ameisen verspritzen sich, und auch
die Sonne schmilzt. Duda,
weil keine Grille sang.
Es zirpte."
Als "Turnübungen in Sachen Syntax" will Franzobel
seine Gedichte verstanden wissen, als lyrische Fieberschübe,
die sich, wenn's nach dem Dichter geht, allesamt auch zum
Vertonen und zum Singen, gar zum Beten eignen sollen. Seit
zwölf Jahren erprobt sich Österreichs vielleicht
fidelster Avantgarde-Poet seit H.C. Artmann jetzt schon als
Lyriker viele seiner poetischen "Fieberschübe"
sind höchst realen Fieberzuständen entsprungen,
gesteht Franzobel.
OT Franzobel: "Die ersteren Gedichte waren auch
so, dass ich mich in eine Art Dichtungsklausur zurückgezogen
habe... Die letzten Gedichtzyklen sind meist entstanden, wenn
ich krank gewesen bin... dahindelirieren... diese paar Tage
habe ich das Gefühl, das Bewusstsein zieht sich in eine
Höhle zurück und kratzt dort ein bisschen... wie
Höhlenmalereien... in kurzen Wachphasen zwischen Zwiebackessen
und Teetrinken.... die sich dann allmählich zu gedichtartigen
Gebilden formieren."
Bisweilen geht es unerhört zotig zu in Franzobels lyrischem
Schaffen. Unüberhörbar: Des Dichters Präferenz
für üppige Formen weiblicher Erotizität.
Zitat "Dicke Titten" (gelesen von Franzobel):
"Dicke Titten Die dicken Titten... wia die Fritatten,
die hängan in Tee... die hängen, oje."
"Franzobel ist die Vollendung und die Vollstreckung
Ernst Jandls", so hat der österreichische Autor
Alois Brandstetter die lyrischen Qualitäten des 36jährigen
einmal auf den Punkt gebracht. Besser kann man es nicht ausdrücken.
Ernst Jandl sei tatsächlich einer seiner poetischen Hausgötter,
bekennt Franzobel.
OT Franzobel: "Naja, ich bin mit Jandl sozialisiert
worden. Jandl ist die lyrische Bibel für mich... als
österreichisches Schulkind kommt man heute gar nicht
um Jandl herum. Meine Sprache ist durchdrungen und durchwachsen
und vielleicht auch vergiftet mit Jandlscher Syntax... wie
auch die Romantiker... Hölderlin und die Expressionisten
wichtig für mich sind, so ist halt Jandl der zeitgemäßeste
von denen."
Zitat "Blunzengröstl" (gelesen von
Franzobel):
"Blunzengröstl essen, Kistlbrunzen müssen,
Blunzengröstl essen, Blunzenkistl müssen,
Brunzen brunzen, Gröstlkistl essen müssen,
Brunzen blunzen, Kistl müssen, Gröstl essen,
Blunzen essen, brunzen müssen, Köstl. Köstl."
Wie Jandl und Artmann experimentiert auch Franzobel in seinen
Gedichten mit dialektalem Sprachgut. Worte wie "Blunzen"
oder "Brunzen" erschließen sich dem Lyrik-Freund,
der Gedicht-Liebhaberin nördlich des Weißwurst-Limes
wohl nur in Ausnahmefällen. Deshalb die Frage an den
Dichter: Was ist das eigentlich, ein Blunzengröstl?
OT Franzobel: "Blunzengröstl ist quasi eine
zergatschte Blutwurst... Es hat ein bissel was vom "Rheinischen
Himmelreich"... man kriegt kleine Blutwurstscheiben...
die Euromünzen... eine Scheibe Blutwurst... "Brunzen"
bedeutet Wasserschlagen oder Pullern oder Pissen."
Pullern und Pissen, Brunzen und Schlunzen, Fressen und Saufen
Franzobel präsentiert sich in seinen Poemen als
Liebhaber von Derbheiten und Vulgarismen aller Art. Woher
kommt seine Vorliebe für Orales, Anales und Fäkales,
für den "sprachlichen Underground"?
OT Franzobel: "Naja, wahrscheinlich, mit Freud
zu sprechen wär vielleicht in meiner Entwicklung... sinnliche
Erotik, die mich immer interessiert hat, abseits dieser glatten
Pornographie... Erotik, die ins Fleisch geht. Natürlich
hat Gedichteschreiben auch mit Triebumleitung zu tun."
Die Triebumleitung ist in den meisten Gedichten des vorliegendes
Bandes gelungen. Franzobel hat seinen Versen jede falsche
Feierlichkeit, jeden Anflug von lyrischem Pathos ausgetrieben.
Die Franzobelschen Poeme sind pures, lustvolles Spiel mit
Sprache und Klang, mit Sinnlichkeiten, Deftigkeiten und lyrischen
Kessheiten aller Art. Der Terminus "Vergnügungsgedichte"
als Subtitel ist trefflich gewählt: Franzobels Gedichte
sind ein Lese- und ein Hörgenuß ersten Ranges.
Ob sie auch zum Beten geeignet sind? Da sei der heilige Gregor,
der Schutzpatron aller Verseschmiede, vor.
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Gesendet in der Radio-Sendung "Büchermarkt",
Deutschlandfunk, Februar
2004.
Buchhinweis:
FRANZOBEL: "LUNA PARK"
Gedichte, Zsolnay Verlag (2003), 166 Seiten, ISBN: 3552052755.
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