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Rezensionen Literatur\György
Dragomán (2008)
GYÖRGY DRAGOMÁN: "DER WEISSE KÖNIG"
Roman aus dem Ungarischen von Laszlo Kornitzer
Rezension von Günter Kaindlstorfer
György
Dragománs Roman "Der weiße König"
wird von der Kritik flächendeckend gefeiert, und das
mit Recht. Der 35jährige Ungar führt seine Leser
in die Fäulnisphase des rumänischen Ceaucescu-Regimes
zurück, konkret: in das Jahr 1986, als der reale Sozialismus
in Agonie dahindämmerte und in Tschernobyl ein Reaktor
in die Luft flog. Dragomán weiß, wovon er schreibt:
Wie sein Protganonist, ein wacher, intelligenter Bub namens
Dzsátá, hat auch er seine Kindheit und Jugend
als Angehöriger der ungarischen Minderheit in Siebenbürgen
verbracht.
Rumänien 1986, das war in Dragománs Schilderungen
bekommt man es noch einmal vor Augen geführt eine durch
und durch verrottete Gesellschaft: Niedertracht, Bosheit,
Korruption und uneigennützige Gemeinheit vergifteten
das Leben der Menschen bis in die feinsten Verästelungen
des privaten Lebens hinein. Der elfjährige Dzsátá
erfährt das am eigenen Leib, nachdem sein Vater, ein
regimekritischer Naturwissenschafter, vor seinen Augen von
der Staatssicherheit verhaftet und in ein Arbeitslager verschleppt
worden ist. Der Bub wächst allein bei seiner Mutter auf,
einer aus politischen Gründen entlassenen Lehrerin. Wohin
er auch kommt, Dzsátá wird gemobbt und als Zuchthäusler-Sohn
verspottet. Hat György Dragomán eigene Erfahrungen eingearbeitet
in seinen Debütroman? Der Autor dementiert und dementiert
auch wieder nicht.
OT György Dragomán: "Einige Dinge habe ich
schon selbst erlebt. Mein Vater ist zum Beispiel für
einige Tage festgenommen und verhört worden, aber er
mußte nicht monate- oder jahrelang in einem Arbeitslager
schuften. Es gab auch Hausdurchsuchungen bei uns zu Hause,
aber nur zwei Mal. Alles in allem hatten wir Glück: Der
Staat wollte unsere Familie nicht zerstören, er wollte
nur, daß wir nach Ungarn gehen."
In achtzehn souverän ineinander verwobenen Erzählungen
legt Dragomán die Anatomie einer totalitären Gesellschaft
offen. Wohin Dzsátá auch kommt überall
stößt er auf Kriechertum, Feigheit, Verlogenheit,
Aggressivität und vor allem: auf brutale Gewalt. Da sind
die sadistischen Lehrer, die nach oben kuschen und nach unten
prügeln, wenn sie einmal Lust haben, sich abzureagieren,
und das haben sie eigentlich permanent. Da sind die Jugendlichen
auf der Straße, die sich das Leben gegenseitig zur Hölle
machen und durchaus auch mal mit dem Messer zur Hand sind,
wenn's um die Ehre oder ein paar Lei geht, die man dem Schwächeren
abknöpfen kann. Da sind die Arbeiter auf der Straße,
die den Kindern schamlos Gewalt antun, und da ist, in Dzsátás
Fall, der nach Lavendelwasser duftende Großvater, früher
eine große Nummer in der Partei, der im Garten hinter
seiner Villa zusammen mit dem Enkel Katzen abknallt, um dem
Elfjährigen den Umgang mit Handfeuerwaffen näherzubringen.
Der reale Sozialismus in Dragománs Roman wird er noch einmal
als zu Recht im Orkus der Geschichte versunkenes Unrechtssystem
kenntlich, als eine durch und durch korrumpierte Gesellschaftsordnung,
in der der Stärkere, Gemeinere, Brutalere über den
Schwächeren, Sensibleren, triumphiert. Die Diktatur,
so der Sukkus des Romans, bringt unvermeidlich das Schäbigste
im Menschen zum Vorschein. In seiner brutalen Absurdität
hatte der Ceaucescu-Sozialismus allerdings auch seine widersprüchlichen
Seiten. Was heute erlaubt war, konnte morgen verboten sein
und umgekehrt. Es war nicht leicht, in den kafkaesken Unübersichtlichkeiten
des Systems zu erkennen, was im Moment gerade erlaubt, was
unerlaubt war, weiß György Dragomán.
OT György Dragomán: "Die Regeln waren nicht
klar. Niemand wusste: Was ist wirklich verboten? Die Folge
war, daß jeder sich selbst zensuriert hat."
Dragománs Protagonist kann sich einzig und allein auf seine
Familie verlassen, genauer gesagt, auf seine Mutter, die ihr
möglichstes tut, um sich und den Knaben mit Anstand durchs
Leben zu bringen. Die Familie als Residuum des Humanen gab
es das auch Dragománs Kindheit?
OT György Dragomán: "Es gab mehrere solche
Momente: Ich erinnere mich, als ich in den Kindergarten kam,
da sagte mein Vater zu mir: "Es gibt zwei Regeln. Erstens:
Nichts, was du dort hörst, ist wahr. Zweitens: Du darfst
dort nichts von dem erzählen, was wir zu Hause sprechen."
György Dragomán hat einen beklemmenden und berührenden,
einen erstaunlich vielschichtigen Roman vorgelegt, spannend
zu lesen, stilsicher und sprachlich überzeugend, auch
in der Übersetzung von Laszlo Kornitzer.
Seit zwanzig Jahren lebt Dragomán jetzt schon in Ungarn.
Mit Politik, mit Tagespolitik, beschäftigt sich der Schriftsteller
nur am Rande, wie er sagt.
OT György Dragomán: "Unsere Demokratie ist
nicht die Beste. In Ungarn widmen wir der Politik zu viel
Energie, dabei ist es mit der Politik wie mit dem ungarischen
Fußball: Es lohnt sich nicht, sich allzu viel damit
zu beschäftigen. Aber trotzdem ist es eine funktionierende
Demokratie, und das will ich nie vergessen. Immer wenn ich
schreibe, denke ich mir: Gottseidank, ich kann schreiben,
worüber ich will."
Daß György Dragomán noch viele Bücher von
der Qualität seines Erstlings schreibt, sei ihm
und vor allem uns, seinen Lesern, gewünscht.
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Gesendet in der Radiosendung "Ex Libris", Ö1,
Juli 2008.
Buchhinweis:
György Dragomán: DER WEISSE KÖNIG
Roman, Suhrkamp Verlag (2008), 293 Seiten, ISBN-10: 3518419625.
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