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Rezensionen Literatur\Jesus Díaz
(2003)
JESUS DÍAZ: "DIE DOLMETSCHERIN"
Roman aus dem kubanischen Spanisch von Astrid Böhringer
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Der
diskrete Charme der Kontraste: Es sind zwei denkbar unterschiedliche
Welten, die der Kubaner Jesus Díaz in seinem Roman
"Die Dolmetscherin" aufeinanderprallen läßt.
Der kubanische Journalist Bárbaro Valdés, ein
sympathischer, etwas naiver junger Mann von 25 Jahren, soll
ins Vaterland der Werktätigen reisen, in die ruhmreiche
Sowjetunion, um eine Reportage über den Bau der "Baikal-Amur-Magistrale"
zu schreiben, einer dreitausend Kilometer langen Eisenbahnstrecke
quer durch Sibirien. Ein Schwarzer in der Taiga, ein tumber
Habanero in den eisigen Weiten Sibiriens, das ist natürlich
der Stoff, aus dem sich eine erstklassige Groteske fertigen
läßt. Jesus Díaz macht von den komödiantischen
Möglichkeiten des Genres reichlich Gebrauch. Bárbaro,
unter sexuellen Versagensängsten leidend, ist auch im
Alter von 25 noch "Jungfrau", er zeigt sich fest
entschlossen, im fernen Sibirien erstmals die Mysterien der
Liebe zu vollziehen.
Bebend vor Flugangst sitzt der junge, aus den Slums von Havanna
stammende Kubaner im Flugzeug zum ersten Mal in seinem
Leben. Die Propeller der Tupolew 104 rattern über dem
nördlichen Polarkreis, Bárbaro kotzt die Reste
seines Mittagessens in die Aeroflot-Papiertüte und denkt,
während er erschöpft in seinen Sitz zurücksinkt,
über sein Leben nach.
Zitat:
"Er spürte einen Stich, weil ihm klar wurde,
daß ihn seine Impotenz todunglücklich machte. In
Kuba fühlte er sich unter Druck wegen seiner zurückliegenden
Mißerfolge bei Frauen und auch und vor allem deshalb,
weil er panische Angst davor hatte, daß eine von ihnen
seine Tragödie preisgab, wie es dieses Miststück
getan hatte, mit dem er das letzte Mal ins Bett gegangen war."
Bárbaro will den Aufenthalt in Sibirien für eine
glanzvolle Rehabilitation nützen, eine Rehabilitation
in erster Linie vor sich selbst. Zitternd vor Kälte steigt
der junge Mann in Irkutsk aus dem Flugzeug. Auf dem Rollfeld
erwartet ihn seine persönliche Dolmetscherin, Nadeshda,
eine frostige Schönheit mit eisblauen Augen. Unverzüglich
erliegt Bárbaro den Reizen seiner Reisebetreuerin.
Über 200, etwas langatmige Seiten hinweg schildert Jesus
Díaz dann das schüchterne Liebeswerben des Kubaners,
den weder subarktische Temperaturen noch der polternde Rassismus
der sowjetischen Genossen zu entmutigen vermögen. Der
kubanische Romancier erzählt von Borschtsch-Bacchanalien
und gewaltigen Besäufnissen in verlausten Bauarbeiter-Camps,
er macht die unerqicklichen Begegnungen seines kubanischen
Anithelden mit sowjetischen Freiluftlatrinen ebenso anschaulich
wie die unerfüllte Liebessehnsucht des schmachtenden
Kariben.
Zitat:
"Er schaute Nadeshda verzückt nach und war sich
vollkommen sicher, daß es auf der ganzen Welt kein schöneres
Augenpaar als das dieser Sibirerin und keine abweisendere
Landschaft als die unermeßliche Taiga am Ende des Winters
gab. Sein Blick wanderte über die eisigen Schatten der
Landschaft, und er fragte sich, was er eigentlich hier tat,
in einer Gegend, in der nie zuvor irgendein Kubaner, irgendein
Schwarzer gewesen war, und er wußte nicht, ob er loslachen
oder weinen sollte. Er atmete die schneidend kalte Luft ein
und dachte, daß ihm, wenn er lachte, die Mandeln, und
wenn er weinte, die Tränen gefrieren würden."
So weit, so unerfreulich. Es ist freilich nicht nur die Kälte,
die Bàrbaro zu schaffen macht, sondern mehr noch die
verstörende Hantigkeit seiner Dolmetscherin, die ihm
teils verführerisch, teils auch grausam abweisend gegenübertritt.
Gegen Ende des Romans hin erfahren wir, woher die Sprödigkeit
der Genossin rührt: Nadeshda ist einem in Selbstmitleid
ertrinkenden Wodkasäufer angetraut, einem Forstwirt,
der regimekritischer Umtriebe wegen zehn Jahre lang im Breschnewschen
Gulag schmachten mußte. Ihm als edelmütige Retterin
zur Seite zu stehen, hat sich Nadesha in helfertickhafter
Selbstlosigkeit zur Lebensaufgabe erkoren. In der gerafften
Nacherzählung mag das alles einigermaßen amüsant
klingen. Eine Täuschung. In der Real-Time-Lektüre
erweist sich Díaz¹ Roman als matte Sache. Die
Erzählung kommt und kommt einfach nicht von der Stelle.
Über weite Strecken hin erinnert dieses Buch was
die Kriterien Dramaturgie und Tempo betrifft an einen
Leitartikel der "Komsomolskaja Prawda". Gegen Ende
hin versinkt die Handlung dann in telenovelahafter Schwülstigkeit:
Den finalen Liebesakt zwischen Nadeshda und Bárbaro
läßt Jesus Díaz im Freien über die
Bühne gehen bei zwanzig unter Null. Jesus Díaz
beschreibt die interkulturelle Begegnung im sowjetischen Winter
so:
Zitat:
"Nadeshda bohrte ihm ihre Fingernägel in den
Rücken, schlang ihre Beine um seine Hüften und fing
an zu keuchen. Instinktiv begriff er, daß er in sie
eingedrungen war, er spürte, wie sein Geschlecht von
einer wohligen, feuchten Wärme umschlossen wurde... Plötzlich
lag Bárbaro auf dem Rücken, sie galoppierte auf
ihm wie eine junge Stute, und tief in seinem Inneren entstand
ein ungeheures Glücksgefühl, das mit der Geschwindigkeit
eines Stromstoßes bis zu seiner Kehle raste und sich
dort in einen Schrei der Erfüllung verwandelte. In diesem
Moment packte er sie an den Hüften und ergoß sich
in ihr."
Die "Literary Review" in London verleiht alljährlich
den "Bad Sex Award" für die schlechteste Sexszene
des Jahres. Mit der eben zitierten Sentenz hat sich Jesus
Díaz posthum und äußerst eindrucksvoll in
die Riege der Favoriten katapultiert. Doch damit nicht genug:
Gekrönt wird der Roman von einer unerhört kitschigen
Wendung. Beim Sex im Freien hat sich Bárbaro, der an
die eisigen Temperaturen Sibiriens nicht Gewöhnte, so
schrecklich an der Lunge verkühlt, daß Díaz
ihn nach mehrtägigem Fieberdelirium sein Leben in den
Armen der schönen Nadeshda aushauchen läßt.
Ein melodramatisches Finale im Stil einer Berlusconi-Soap.
Fazit? Poststalinistische Eintönigkeit und karibischer
Schwulst gehen in diesem Buch eine ausgesprochen unglückliche
Mesalliance ein. Jesus Díaz, vor einem Jahr im spanischen
Exil verstorben, wird der Nachwelt mit seinen großen
Romanen in Erinnerung bleiben. "Die Dolmetscherin"
gehört nicht dazu.
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Gesendet in der Radio-Sendung "Ex Libris", Ö1,
Juni 2003.
Buchhinweis:
Jesus Diáz: DIE DOLMETSCHERIN
Roman, Piper Verlag (2003), 252 Seiten, ISBN: 3492044158.
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