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Rezensionen Literatur\Mircea Cartarescu (2008)
MIRCEA CARTARESCU: "DIE WISSENDEN"
Roman aus dem Rumänischen von Gerhardt Csejka
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Die
deutschsprachige Literaturkritik hat ein imposantes Vergleichs-Arsenal
aufgefahren, um Mircea Cartarescus begnadeten Roman "Die
Wissenden" kulturhistorisch zu nobilitieren. Als eine
Mischung aus Gottfried Benn und "Blade Runner" hat
man den 530-Seiten-Roman bezeichnet, als rumänische Melange
aus Pynchon, Proust und Kusturica. Vergleiche, die eine gewisse
Berechtigung haben. Postmoderne und schwarze Romantik irrlichtern
durch die surrealen Text-Labyrinthe des 51jährigen Rumänen
ebenso wie Science-Fiction- und Fantasy-Zitate sonder Zahl.
Der Autor selbst, ein jungenhaft wirkender Mann mit Donovan-haften,
dunklen Augen, bemüht eine kartographische Metapher,
um das Konzept seiner "Orbitor"-Trilogie zu erklären.
OT Mircea Cartarescu: ",Orbitor' ist so etwas
wie eine Landkarte meines Gehirns, eine Landkarte meiner Erinnerungen,
meiner Träume, meines Unbewußten. Für Psychoanalytiker
ist das Buch ein gefundenes Fressen, und Kaffeesudleser können
aus ihm, wenn sie Lust haben, die Zukunft lesen."
Eine Inhaltsangabe der "Wissenden" zu geben ist
so gut wie unmöglich. Im Zentrum des Geschehens stehen
der Ich-Erzähler Mircea und seine bizarre Familiengeschichte.
Ende des 19. Jahrhunderts brechen Mirceas Vorfahren von Bulgarien
aus in die Walachei auf, sie werden von einer gespenstischen
Meute von Toten überfallen. Damit sie die gefrorene Donau
überqueren können, muß ein Findelkind namens
Vassili seinen Schatten opfern. In grotesken Visionen entwickelt
Cartarescu seine Geschichte, die ins kriegsgebeutelte Bukarest
der 40er Jahre ebenso führt wie in den bleiernen Betonsozialismus
der rumänischen Nachkriegszeit und: ins Mississippi-Delta,
wo der Dichter die Anhänger eines obskuren Voodoo-Kults
bei ihrem tollen Treiben beobachtet. Cartarescu greift tief
in die Splatter-Kiste: Tote Ahnen steigen aus ihren Gräbern
und verbünden sich mit Dämonen, ein Voodoopriester
und ein schwarzer Albino treten auf - als Führerfiguren
der titelgebenden "Wissenden", einer weltverschwörerischen
Sekte. Reales und Surreales, Esoterik, Naturwissenschaften
und obskure Geheimlehren gehen in Cartarescus Roman eine ironisch
gebrochene Verbindung ein.
OT Mircea Cartarescu: "Die rumänischen Kritiker
sagen, es gibt verschiedene Cartarescus: einen phantastischen
voller Phantasie und Imagination, einen realistischen, der
die Phänomene der Welt detailreich beschreibt, einen
romantischen, der sich mit abgründigen Gefühlen
beschäftigt und einen visionären, der die bedeutenden
Themen abhandelt, die Beschaffenheit der Welt, die großen
metaphysischen und religiösen Probleme der Menschhheit.
Ich bin ein bisschen von all dem. Für mich ist das nichts
Besonderes."
Sein poetisch-nihilistisches Credo bringt der Schriftsteller
an einer Stelle des Romans so auf den Punkt: "Wir
sind dünne Spinnennetze, die der Wind bläht und
zerreißt. Wir sind Interferenz-Farbsäume auf einer
Seifenblase, vielfarbig, feucht, verzweifelt... Unsere Welt
ist ohne Gewicht und ohne Sinn." So könnte man
lange weiterzitieren aus Cartarescus Roman, den Gerhardt Csejka
brillant ins Deutsche übertragen hat. Die Realität,
für Cartarescu ist sie lediglich ein "Sonderfall
des Irrealen"...
OT Mircea Cartarescu: "Das Schreiben ist für
mich eine Droge, eine psychedelische Erfahrung. Ich schreibe
deshalb so gern, weil ich dabei eigenartige Dinge sehe. Die
Wirklichkeit erscheint mir seltsam verformt und bizarr. Deshalb
schreibe ich immer mit der Hand. Das geht langsam, und die
Erscheinungen und Gestalten haben Zeit, sich zum Text zu formen.
"Texistenz", nenne ich das eine Wortzusammensetzung
aus "Text" und "Existenz". "Texistenz"
ist integraler Bestandteil meines Schreibens."
Mircea Cartarescus Roman ist auch eine Hommage an seine Heimatstadt
Bukarest. Wie Dublin bei Joyce oder Buenos Aires bei Borges
wird die rumänische Hauptstadt in den metapherntrunkenen
Schilderungen Cartarescus zur mythischen Metropole, zu einer
stadtgewordenen "Melange aus Fleisch, Stein, Gehirnflüssigkeit,
Stahl und Urin", wie es an einer Stelle des Romans
heißt.
In Rumänien gilt Mircea Cartarescu seit Jahren als literarischer
Superstar. Es wird Zeit, daß der sprachmächtige
Rumäne auch bei uns eine größere Leserschaft
gewinnt.
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Gesendet in der Radiosendung "Diwan", Bayern
2, Februar 2008.
Buchhinweis:
Mircea Cartarescu: DIE WISSENDEN
Roman, Zsolnay Verlag (2007), 528 Seiten, ISBN-10: 3552054065.
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