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Rezensionen Literatur\Truman Capote
(2006)
TRUMAN CAPOTE: "SOMMERDIEBE"
Roman aus dem Englischen von Heidi Zerning
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Er
habe es immer gewußt, hat Truman Capote einmal von sich
behauptet: Er brauche nur eine Handvoll Wörter in die
Luft zu werfen, und sie fielen genau in der richtigen Reihenfolge
wieder herab. Die eitle Selbsteinschätzung eines Großmauls,
möchte man meinen. Das Problem ist nur: Der Mann ist
der Wahrheit doch recht nahe gekommen. Wenn man Capotes lange
verschollen geglaubten Erstling liest, ist man verblüfft
über das literarische Ingenium, das sich hier offenbart.
Kaum zu glauben, daß ein 19jähriger diesen Text
verfaßt haben soll, einen Text, der trotz gewisser Unzulänglichkeiten
mit einem Übermaß an charmanten Szenen und brillanten
Sequenzen aufwartet.
Capote selbst hat nicht allzuviel von seinem Debütroman
gehalten. "Sommerdiebe" sei "dünn, clever,
unempfunden", hat der Dichter in reiferen Jahren einmal
zu Protokoll gegeben. Und im Interview mit Lawrence Grobel
behauptete Capote später, das Manuskript sei gar nicht
so schlecht gewesen, es hätte sich gut veröffentlichen
lassen, er habe es allerdings vernichtet, weil eine Publikation
seinem Renommee letztlich geschadet hätte. Darüber
kann man geteilter Meinung sein. Faktum ist: "Sommerdiebe"
ist die beachtliche Talentprobe eines Autors, den selbst sein
Intimfeind Norman Mailer für den "vollkommensten
Schreiber" seiner Generation gehalten hat.
Im Zentrum des Geschehens steht ein 17jähriges New Yorker
Upper-Class-Girl namens Grady McNeil. Vor kurzem noch ein
Wildfang mit verschorften Knien, ist das Finanzmagnaten-Töchterl
aus Uptown Manhattan zur sublimen, wenngleich etwas kapriziösen
Schönheit herangeblüht. In Gradys postpubertärer
Unberechenbarkeit scheint bisweilen schon Holly Golightly
durchzublitzen, die flatterhafte Partygöre aus Capotes
Meisterroman "Frühstück bei Tiffany".
Am Beginn von "Sommerdiebe" läßt Capote
die 17jährige mit Mam und Dad im "Plaza" frühstücken,
dann bringt Grady ihre Eltern zum Hafen, wo ein schicker Oceanliner
auf sie wartet. Der wird die Eltern zu einer mehrmonatigen
Europareise über den Atlantik befördern. Grady fühlt
sich großartig.
Zitat:
"Eine freudige Erregung stieg in ihr auf angesichts
dieses Sommers, der sich vor ihr erstreckte wie eine endlose
weiße Leinwand, auf die sie selbst die ersten groben
Pinselstriche auftragen konnte, ganz und gar frei."
Es ist eine klassische Boy-meets-Girl-Geschichte, die Truman
Capote da entwirft. Grady nutzt die sommerliche Freiheit,
so vorübergehend sie auch sein mag, um eine aberwitzige
Affäre mit dem Parkplatzwächter Clyde Manzer einzugehen.
Clyde, ein Proll aus Brooklyn, paßt zu Grady wie ein
Automechaniker aufs Galadiner. Just das aber scheint die 17jährige
zu attrahieren. Ewig lockt der Plebs, vor allem auf erotischem
Terrain.
Zitat:
"Los, steck mir eine Zigarette an", sagte er.
Clyde Manzers Stimme, knurrig vom Schlaf, aber immer etwas
heiser und belegt, hatte eine bestimmte Eigenschaft: alles,
was er sagte, machte einen gewissen Eindruck, denn eine murmelnde
Kraft, gedämpft wie ein Motor im Leerlauf, durchzog jede
Silbe mit der Lunte der Männlichkeit. "Sabber die
Zigarette nicht voll", sagte er. "Du sabberst sie
immer voll!"
Szenen wie diese offenbaren den späteren Meister. Truman
Capote zeichnet Charaktere aus Fleisch und Blut, man kauft
es Grady ab, daß sie dem rohen Clyde verfällt.
Auch die Nebenfiguren sind treffend gezeichnet. Gradys wohlhabender
Verehrer Peter, ihre verbiesterte Schwester Apple, Clydes
Familie drüben in Brooklyn sie alle kann man sich anschaulich
vorstellen bei der Lektüre.
Zitat:
"Die Manzers waren in der Tat eine Familie: die abgestandenen
Düfte und die abgenützten Möbel ihres mit Nippes
vollgeräumten Hauses rochen stark nach einem gemeinsamen
Leben und einer Eintracht, die kein Aufruhr sprengen konnte...
Für Grady war es eine fremde, eine warme, fast eine exotische
Atmosphäre."
Es nimmt kein gutes Ende mit den Liebenden. Grady und Clyde
heiraten, die junge Frau wird schwanger, in einem alkoholgetränkten
Finale steuert sie ihr Buick-Cabrio auf den Abgrund hinter
den Leitplanken der Queensboro Bridge zu. Ein melodramatisches
Ende für einen ansonsten überzeugenden Roman. Schon
in seinem Erstling bezaubert Truman Capote mit funkelnden
Dialogen und stimmungsvollen Bildern. In fast schon impressionistischer
Manier fängt der Autor die Farben des New Yorker Nachkriegssommers
ein. Auch dem nihilistischen Lebensgefühl der Happy Few
von Manhattan wird einprägsam Ausdruck gegeben.
Zitat:
"Der größte Teil des Lebens ist so langweilig,
daß es sich nicht lohnt, darüber zu reden, und
langweilig ist es in allen Lebensaltern. Wenn wir die Zigarettenmarke
wechseln, in ein neues Stadtviertel ziehen, eine andere Zeitung
abonnieren, uns ver- und entlieben, dann protestieren wir
auf oberflächliche und auch tiefe Weise gegen die nicht
zu mildernde Langeweile des alltäglichen Lebens."
Truman Capote hat bedeutendere Bücher geschrieben als
dieses, keine Frage. Das überragende Talent des New Yorker
Exzentrikers blitzt in dem schmalen Erzählwerk aber schon
auf. "Sommerdiebe" ist ein anmutiger Roman, mit
leichter Hand geschrieben, ein schmales, charmantes Buch von
subtiler Traurigkeit.
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Gesendet in der Radio-Sendung "Ex Libris", Ö1,
April 2006.
Buchhinweis:
Truman Capote: SOMMERDIEBE
Roman, Kein & Aber (2006), 145 Seiten, ISBN: 3036951571
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