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Rezensionen Literatur\Attila Bartis
(2005)
ATTILA BARTIS: "DIE RUHE"
Roman aus dem Ungarischen von Agnes Relle
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Wie
machen das die Ungarn? Unser Nachbarland bereichert die europäische
Literatur nicht nur mit exzeptionellen Schriftsteller der
60-plus-Generation von Imre Kertesz bis Peter Nadas
immer öfter machen auch magyarische Meistererzähler
der jüngeren Garde auf sich aufmerksam. Attila Bartis
zum Beispiel. Mit seinem 300-Seiten-Roman "Die Ruhe"
hat der 37jährige jetzt eine verstörende Familiengeschichte
vorgelegt, einen abgründigen Wenderoman, ein Kammerspiel
neurotischer Selbstzerstörung. Der Suhrkamp-Verlag promoted
den Roman als "eines der bleibenden Bücher über
die Wende in Ungarn". Das trifft den Kern der Sache in
den Augen des Autors nur bedingt. Er habe eigentlich keinen
Polit-Roman schreiben wollen, sagt Attila Bartis.
OT Bartis: "Politik an sich interessiert mich
nicht, mich interessiert ihre Wirkung auf die Menschen. Das
kommunistische System hat die Menschen versehrt und stigmatisiert.
Das wollte ich zeigen in meinem Roman. Ich wollte analysieren,
wie das System die Menschen geformt oder besser gesagt: deformiert
hat. Diese Deformationen sehen wir ja bis zum Jahr 1989, bis
zum Ende des Kommunismus."
Im Zentrum von Attila Bartis' Romans steht eine symbiotische
Mutter-Sohn-Beziehung mit allen Ingredienzien des Perversen.
Im Vergleich zu dem, was Bartis da schildert, gleicht das
Tableau etwa der Jelinekschen "Klavierspielerin"
einem veritablen Familien-Idyll. Rebeka Weér, einst
eine umjubelte Heroine des Budapester Bühnenlebens, hat
ihre Wohnung seit eineinhalb Jahrzehnten nicht mehr verlassen.
Mitte der Siebziger, als ihre Tochter sich in den Westen absetzte,
war die Schauspielerin mit Auftrittsverbot belegt worden.
Damals versuchte die Diva in einem Verzweiflungsakt, ihre
Karriere zu retten, indem sie eine gefakete Beerdigung für
die Tochter inszenierte. Der Sarg der abgeblich Verewigten,
einer Geigerin, wurde mit Fotos und Notenpapier gefüllt
und in einer grotesken Zeremonie unter die Erde gebracht.
Gleichzeitig verschickte Rebeka Todesanzeigen an hochmögende
Apparatschiks aus Kultur und Politik. Es half nichts. Die
einst euphorisch gefeierte Aktrice blieb von den großen
Bühnen des Kadar-Reichs verbannt.
Die Konsquenz: Rebeka verbarrikadiert sich in ihrer mit Requisiten
vollgestopften Wohnung. Bis zu ihrem Tod setzt die Schauspielerin
ihren Fuß nicht mehr vor die Tür. Das bietet ihr
Gelegenheit, ihren Sohn Andor, einen jungen Schriftsteller,
der bei ihr lebt, nach allen Regeln der Kunst zu tyrannisieren.
Die egozentrische Mama errichtet ein Schreckens-Matriarchat,
dem sich der haßerfüllte Sohn mit Wollust unterwirft.
Mit ihren Zornexzessen, Ängsten, Depressionen macht sie
ihm das Leben zur Hölle.
Ganz nebenbei entwirft Attila Bartis in seinem Roman auch
ein Panorama der jüngeren ungarischen Zeitgeschichte,
von der Hochzeit des angeblich so gemütlichen Gulasch-Kommunismus,
der so gemütlich auch wieder nicht war, bis zu den Wende-
und Nachwendejahren der frühen Neunziger. Es ist ein
graues, trübes, kaputtes Ungarn, in dem sich das Romangeschehen
vollzieht. In der Tristesse der menschlichen Beziehungen spiegelt
sich die Trostlosigkeit, die Korrumpiertheit des politischen
Systems. Attila Bartis weiß, wovon er schreibt. Als
Angehöriger der ungarischen Minderheit in Siebenbürgen
geboren, hat der Autor zwei KP-Diktaturen aus der Innen-Perspektive
kennengelernt.
OT Bartis: "Ich habe gleich zwei Systemwechsel
mitgemacht. Zunächst habe ich in Siebenbürgen die
schlimmsten Jahre der Ceaucescu-Zeit erlebt. Mein Vater, ein
Journalist und Publizist, saß sechs Jahre lang in einem
von Ceaucescus Gefängnissen, dann wurden wir nach Ungarn
verbannt, die ganze Familie. Das war 1984. Ich war damals
sechzehn. Bis zum Untergang des Kommunismus durften wir nicht
nach Siebenbürgen zurückkehren. 1989 habe ich dann
den demokratischen Umsturz in Ungarn miterlebt. Diese Zeit
habe ich in sehr, sehr guter Erinnerung. Es war eine große
Euphorie damals. Euphorisch machte mich die Befreiung vom
KP-Regime, zum anderen aber auch der Umstand, daß ich
zum ersten Mal nach sechs Jahren wieder in meine Heimat Siebenbürgen
zurückkehren durfte."
Attila Bartis lebt seit mehr als zwei Jahrzehnten in Budapest.
Er sei, bekennt der Schriftsteller, ein melancholischer, nein,
ein depressiver Mensch. Natürlich fühle er sich
nicht immer gleich niedergeschlagen, es gebe durchaus Höhen
und Tiefen. Aber eines sei unbestreitbar: Depressiv sei er
immer. Dabei hat Bartis überhaupt keinen Grund zur Schwermut.
Sein Roman beispielsweise ist mit enthusiastischen Kritiken
bedacht worden. Andreas Breitenstein lobte "Die Ruhe"
in der "Neuen Zürcher" als großen Wende-Roman,
als "andächtiges Memento mori", als "kalkuliertes
Spiel mit dem Entsetzen". Richard Kämmerlings in
der "Frankfurter Allgemeinen" wiederum pries die
"beeindruckende Sprachkraft" des Buchs, er erklärte
Bartis' Roman zu einem "gewaltigen Epitaph auf eine tyrannische,
verrückte, unerträgliche Mutter".
Den Autor, einen blassen, großgewachsenen, schüchtern
wirkenden Mann, scheinen Elogen dieser Art eher kalt zu lassen.
Wie man überhaupt den Eindruck hat: Attila Bartis legt
keinen Wert auf Interviews, Lesungen, Rezensionen, Signierstunden,
das ganze Talmi des Literaturbetriebs, das er, so hat man
den Eindruck, für platte Oberflächenphänomene
hält. Damit liegt er gewiß nicht falsch. Die Essenz
des Literarischen wird vom Klappern des Betriebs nicht einmal
im Ansatz berührt. Man begegnet ihr am ehesten in der
individuellen Begegnung mit einem Buch. In der Lektüre
von Attila Bartis' Roman "Die Ruhe" beispielsweise.
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Gesendet in der Radio-Sendung "Ex Libris", Ö1,
November 2005.
Buchhinweis:
Attila Bartis: DIE RUHE
Roman, Suhrkamp-Verlag (2005), 300 Seiten, 3518416820.
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