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Rezensionen Literatur\Juri Andruchowytsch
(2008)
JURI ANDRUCHOWYTSCH: "GEHEIMNIS"
Roman aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Selbstinterviews
von Schriftstellern scheinen sich in jüngster Zeit einer
gewissen Beliebtheit zu erfreuen. Man denke an Wolf Haas und
seinen Roman "Das Wetter vor 15 Jahren", man denke
auch an Imre Kertesz, der sein "Dossier K." vor
zwei Jahren ebenfalls als kritische Selbstbefragung angelegt
hat. Nun also auch Juri Andruchowytsch: "Geheimnis",
das jüngste Buch des 48jährigen Ukrainers, besteht
aus einem 370 Seiten langen Interview, das der deutsche Journalist
Egon Alt im März 2006 angeblich mit Andruchowytsch geführt
hat. Nur: Egon Alt existiert nicht, wie penible Recherchen
im Internet und andernorts ergeben haben. Egon Alt kann auch
gar nicht existieren, denn der Name ist ein Wortspiel: Egon
Alt Alter Ego. Kurzum: Es ist niemand anderer als Juri
Andruchowytsch selbst, der sich da interviewt. Als gelehriger
Schüler E.T.A. Hoffmanns hat der Ukrainer einfach eine
kleine, ironische Herausgeberfiktion in seine autobiographische
Selbsterkundung eingebaut.
Worum geht es in "Geheimnis"? Andruchowytsch blickt
auf seine Kinder- und Jugendjahre in der westukrainischen
Stadt Stanislau seit 1962 Iwano-Frankiwsk genannt zurück.
Andruchowytschs Geburtsstadt, in der er auch heute wieder
lebt, liegt in einer der mythenumwobenen Regionen der alten
k.und-k.-Monarchie, in Galizien:
OT Juri Andruchowytsch: "Galizien ist eine ganz
besondere Region. Sie hat mich geprägt, die alten ukrainischen
Traditionen und vor allem die ukrainische Sprache Galiziens,
in der ich meine Werke schreibe, das ist alles ist sehr wichtig
für mich."
Obwohl Andruchowytschs Selbstinterview nur langsam in Schwung
kommt: "Geheimnis" ist eine über weite Strecken
interessante, auch amüsante Lektüre. Man erfährt
viel über den Alltag unangepasster Jugendlicher in der
Sowjetunion der sechziger und siebziger Jahre; diskret und
offenherzig zugleich lässt Andruchowytsch das dickliche,
schwerfällige Kind wieder lebendig werden, das er einmal
war. Klein-Juri lebte mit Eltern und Oma in einer bescheidenen
Zweizimmerwohnung in der 200.000-Einwohner-Stadt Iwano-Frankiwsk.
Fließendes Wasser und Kanalisation waren damals, Anfang
der 60er, eine ferne Utopie, ihre Notdurft verrichteten die
Andruchowytschs wie die anderen Hausparteien auch in einem
hölzernen Scheißhaus im Hof. Als Volksschüler
entwickelt Juri eine intensive Liebe zum Fußballsport.
Zitat:
"Alles begann mit unserem ersten Fernsehgerät,
das wir Ende der sechziger Jahre bekamen. Ungefähr zu
dieser Zeit nahm mein Vater mich auch zum ersten Mal mit zu
den Spielen von "Hurrikan", einer der örtlichen
Fußballmannschaften. Ich weiß noch, daß
wir "Ölfabrik" und "Lebensmittelfabrik"
mit 4:0 vom Platz fegten... Außerdem war ich Fan zweier
weiterer Mannschaften der sowjetischen Nationalmannschaft
und von Dynamo Kiew."
1969 weint Andruchowytsch bittere Tränen, als Kiew das
Endspiel um die sowjetische Meisterschaft gegen Spartak Moskau
trotz vermeintlicher Favoritenstellung vergeigt. Neben dem
Fußball spielt vor allem auch das Lesen eine wichtige
Rolle in Andruchowytschs Kindheit: Neben Gogol und E.T.A.
Hoffmann zählen vor allem Dostojewski und Hermann Hesse
zu seinen literarischen Hausgöttern. Daneben verbringt
der künftige Dichter hunderte und aberhunderte von Stunden
vor dem elterlichen Radioapparat.
Zitat:
"Mit vierzehn klebte ich richtig an unserem Radio,
es war ein unheimlich sperriges Röhrengerät. Auf
seinen Skalen waren Dutzende von Städten markiert, darunter
auch Kopenhagen, Lissabon und Edinburgh. Aber nie habe ich
es geschafft, auch nur die Spur eines Senders von dort reinzukriegen
die Skala war nur Bluff."
Und so muß sich Andruchowytsch mit "Radio Free
Europe", das unentwegt gestört wurde, und mit den
Sendern der sozialistischen Bruderstaaten begnügen.
Zitat:
"Auf Mittelwelle kriegte ich die Rumänen rein
und englischsprachige Sendungen von "Radio Luxemburg",
aber es war kaum was zu hören, und die Frequenz flutschte
immer wieder weg. Dafür konnte ich auf der Langwelle
ziemlich gut Polen empfangen. Dort lief mehr westlicher Rock'n'Roll
als bei den Rumänen, daher hörte ich irgendwann
den lieben langen Tag ,Radio Polen'."
Auch wenn das pubertierende Dickerchen Juri Anruchowytsch
mit vierzehn, fünfzehn über so etwas wie Sex Appeal
kaum verfügte, begann er sich doch auch für Mädchen
zu interessieren. Eine zu jener Zeit noch eher einseitige
Angelegenheit.
Zitat:
"Ich haßte Spiegel, haßte mein Spiegelbild,
diese entsetzlichen Hosen. Wie konnte so eine Vogelscheuche
überhaupt daran denken, den Mädchen zu gefallen?
Und das war doch das Wichtigste auf der Welt: den Mädchen
zu gefallen? Ehrlich gesagt, war es die Hölle. Ich finde
überhaupt, daß Kindheit und Jugend hauptsächlich
die Hölle sind."
In der zehnten Klasse gelingt Andruchowytsch dann doch der
Durchbruch, wenn auch nicht in Sachen Erotik, so doch zumindest
in Sachen Selbstsicherheit: Juri beginnt zu tanzen, mit Mädchen
zu reden, Alkohol zu trinken. Er schwänzt die Schule
und hört auf, seine Hausaufgaben zu machen die ganz
normale Entwicklung paarungsbereiter männlicher Teenager
also. Und dann beginnt Andruchowytsch auch noch Gedichte zu
schreiben, was seine Chancen beim anderen Geschlecht exorbitant
erhöht. Die ersten drei Titel seiner Publikationsliste
sind folgerichtig Gedichtbände.
OT Juri Andruchowytsch: "1991 habe ich aufgehört,
Gedichte zu schreiben. Ich dachte, es wäre für einen
Mann von über 30 lächerlich, weiterhin zu dichten.
Ein Gedichtband, 2004, das war noch ein Rückfall. Mittlerweile
ist mir klar: Die Prosa liegt mir mehr als die Poesie."
Und in klarer, farbiger, präziser Prosa berichtet Juri
Andruchowytsch in "Geheimnis" von seiner frühen
Hochzeit, der grässlichen Militärzeit in der Sowjetarmee
und von den spektakulären Erfolgen der von ihm mitbegründeten
Performance-Gruppe Bu-Ba-Bu, die von 1985 an die ukrainische
Kulturszene unsicher macht.
Privates und Politisches greifen eng ineinander in diesen
Memoiren, deren zeitlicher Bogen von den Chruschtschow-Jahren
bis zur orangen Revolution von anno 2004 reicht.
Aber Obacht, man darf nicht alles allzu wörtlich nehmen
in diesem Selbstinterview: Alle handelnden Personen, behauptet
Andruchowytsch im Vorwort, seien frei erfunden. Eine frei
erfundene Autobiographie? Sogar das wäre einem begnadeten
Flunkerer wie Juri Andruchowytsch zuzutrauen.
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Gesendet in der Radiosendung "Ex Libris", Ö1,
Oktober 2008.
Buchhinweis:
Juri Andruchowytsch: GEHEIMNIS
Roman, Suhrkamp Verlag (2008), 387 Seiten, ISBN-10: 3518420119.
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