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Rezensionen Literatur\David Albahari
(2005)
DAVID ALBAHARI: "FÜNF WÖRTER"
Erzählungen aus dem Serbischen von Mirjana und Klaus
Wittmann
Rezension von Günter Kaindlstorfer
Es
war Hans Magnus Enzensberger, der den serbisch-jüdischen
Schriftsteller David Albahari für unsere Breiten noch
einmal entdeckt hat, nachdem die Verlage Zsolnay und Wieser
bereits in den neunziger Jahren den einen oder anderen Titel
des Autors verlegt haben, ohne große Resonanz. Erst
mit den Romanen "Mutterland" und vor allem mit "Götz
und Meyer" ist Albahari auch bei uns einer größeren
Leserschaft bekannt geworden. Beide Titel hat Enzensberger
dem Eichborn-Verlag anempfohlen.
Bei Eichborn ist jetzt auch der Erzählband "Fünf
Wörter" erschienen, eine Sammlung virtuos verknappter
Kurzgeschichten, in denen sich die Qualitäten der Albaharischen
Prosa brennpunktartig verdichten. Die Länge der Geschichten
bewegt sich zwischen zwei und zwanzig Seiten, die fast schon
programmatische Erzählung "Fünf Wörter",
sie hat dem Band den Titel gegeben, besteht überhaupt
nur aus sechs Zeilen.
Zitat:
"Ich kenne viele Wörter, benutze aber nur wenige.
Wenn man mich etwas fragt, antworte ich, wenn nicht, schweige
ich. Wie viele Wörter braucht der Mensch, um auf eine
jede Frage zu antworten? Zwei, drei, höchstens fünf.
Man braucht die Wörter 'ja', 'nein', 'vielleicht', 'keine
Ahnung'. Alle anderen sind überflüssig, vor allem,
wenn man selbst keine Fragen stellt."
Albaharis Texte balancieren nah am Verstummen dahin, das
Schweigen, die Stille sind stets gegenwärtig in diesen
Geschichten. Faszinierend liest sich schon der erste Text
des Bandes, "Der Schatten". Ein nationalistischer
Schriftsteller besucht ein serbisches Städtchen, er mietet
sich in einem schäbigen Hotelzimmer ein, absolviert eine
Lesung in der lokalen Bücherei, dann wird er von einem
jungen Mann angesprochen, der um eine Unterredung unter vier
Augen bittet. Die beiden gehen ins Hotelzimmer, dort gibt
sich der junge Mann als Sohn einer ehemaligen Geliebten des
Autors zu erkennen. Seinet-, also des Schriftstellers wegen,
sagt der Bursche, habe die Mutter einst Selbstmord begangen.
Zitat:
"Der junge Mann steckte die Hand in die Hosentasche.
Das wollte ich ihnen zeigen", sagte er. Bogdan, der Schriftsteller,
senkte den Blick und sah in der Hand des Mannes eine Granate.
Er hatte von solchen Handgranaten gelesen: Soldaten brachten
sie in den vergangenen Jahren von der Front mit und verkauften
sie für wenig Geld. Mit der anderen Hand zog der Jüngling
am Sicherungsstift."
Ein effektvoller Schluß: Die Detonation wird nicht
mehr geschildert, Leserin und Leser wissen ohnehin, was passieren
wird. David Albahari erweist sich in seinen Kurzgeschichten
als Meister der Zuspitzung, vor allem aber auch: der Auslassung.
Paradigmatisch dafür ist die Exilantengeschichte "Die
andere Sprache", in der der seit 1994 in Kanada lebende
Autor wohl auch eigene Erfahrungen verarbeitet hat. Ein bosnischer
Serbe namens Zoran wandert nach Kanada aus, in die Rocky-Mountains-Metropole
Calgary, in der sich, das nur nebenbei, auch Albahari niedergelassen
hat. Verzweifelt versucht Zoran, Frauen kennenzulernen, irgendeine
Art von Kontakt zu irgendeinem Menschen in der neuen Heimat
zu finden, vergebens. Immer unerbittlicher verstrickt er sich
in Isolation, eine Erfahrung, die viele Emigranten machen.
Zitat:
"Sobald er Fremden gegenüberstand, war Zoran
einfach nicht imstande, etwas zu sagen, er stotterte, ruderte
mit den Armen, und all sein Englisch verwandelte sich in eine
klebrige Masse. Die Konsequenz: Er sprach mit niemandem mehr,
außer gelegentlich mit sich selbst."
Um der Einsamkeit des Exilierten zu entfliehen, schreibt
sich Zoran in eine Sprachschule ein. Die Kurse werden von
der kanadischen Regierung finanziert, sie sollen Einwanderern
helfen, sich rascher in der neuen Heimat zu integrieren. Zoran
drückt also wieder die Schulbank. Nicht weiter verwunderlich,
daß er sich in die Cindy verliebt, die sommersproßige
Englischlehrerin mit den netten Lachgrübchen. Nach dem
Unterricht stellt Zoran Nachforschungen an, er beginnt Cindy
zu verfolgen, zu Fuß, per Auto. Eines Tages dringt er
in das Haus der Lehrerin ein. In aller Ruhe inspiziert Zoran
das Wohn- und das Arbeitszimmer, dann klettert er in den Wandschrank
neben dem Bett der Lehrerin und macht es sich zwischen ihren
Kleidern bequem. Nach einiger Zeit kommt die junge Frau nach
Hause.
Zitat:
"Zoran hielt den Atem an. Er hörte Schritte:
ins Schlafzimmer, wieder hinaus. Im Bad wurde Badewasser eingelassen.
Dann vernahm er das Klappern von Geschirr aus der Küche,
das Öffnen von Schubladen, das Zuschlagen der Kühlschranktür,
Husten. Dann hörte er wieder Schritte, Cindy ging den
Korridor entlang und trat ins Arbeitszimmer. Zoran hob langsam
die Arme und verbarg sein Gesicht in den Händen. Früher
oder später, das wußte er, würde Cindy den
Schrank öffnen, er mußte bereit sein. Er versuchte,
sich Cindy vor dem Wandschrank vorzustellen, aber es gelang
ihm nur zur, ihr Gesicht, einen Teil ihres Gesichts zu sehen...
Die Sommersprossen leuchteten im Dunkel wie Sterne, wie Gold,
wie feines Glitzern auf Meereswellen. Dann verschwanden sie,
und als die Schritte endlich vor der Schranktür Halt
machten, war Zoran schon in der Hocke, bereit zum Sprung."
Aus, Ende der Erzählung. Den Rest muß der Leser
sich selbst dazudenken. Wie wird Cindy auf Zorans Attacke
reagieren? Wird sie ihn rausschmeißen? Könnte,
auch wenn man sich das schwerlich vorzustellen vermag, so
etwas wie Liebe zwischen den beiden entstehen? Man weiß
es nicht. Alles ist möglich. Den Kunstgriff, knapp vor
der Klimax einer Story auszublenden, diesen Kunstgriff wendet
Albahari immer wieder an in seinen Geschichten was wesentlich
zu ihrer Qualität beiträgt. 22 Texte versammelt
Albaharis Erzählband. Fesselnder Lesestoff. Die besten
dieser hochkonzentrierten, aufs Wesentliche zugespitzten Geschichten
erinnern an Beckett, an Carver nein, solche Vergleiche treffen
den Kern der Sache nicht. Albahari hat sie auch gar nicht
nötig. Er ist ein souveräner, ein ganz und gar eigenständiger
Autor. Sein Ruhm wird wachsen, auch in unseren Breiten.
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Gesendet in der Radiosendung "Ex Libris", Ö1,
April 2005.
Buchhinheis:
David Albahari: FÜNF WINTER
Erzählungen, Eichborn Verlag (2005), 177 Seiten, ISBN:
382185751X.
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