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Reden und Laudationes\Hermes Phettberg (2003)
ALLES GUTE, HERMES PHETTBERG!
Eine Laudatio auf HERMES PHETTBERG anläßlich
der Verleihung des Publizistikpreises der Stadt Wien
Von Günter Kaindlstorfer
Lieber Hermes Phettberg!
Sehr geehrter Herr Stadtrat!
Honoratiorinnen und Honoratioren!
Schwestern und Brüder!
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| Hermes
Phettberg |
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"Bei aller sauren Arbeit stellt sich Gewinn ein",
heißt es in den Sprüchen Salomonis. Diesen Gewinn
zu lukrieren, sind Sie heute hier, sehr geehrter Herr Phettberg,
und mir fällt die Aufgabe zu, Sie mit Menschen- und Engelszungen
zu loben, auf daß Sie teilsaniert, erquickt und seelisch
gelabt nach Hause gehen. Ich hole mir Hilfe von einem Ihrer
publizistischen Weggefährten: "Was soll ich an Phettberg
loben?", fragte ich Armin Thurnher, den Herausgeber jener
Wochenschrift, die es seit mittlerweile 26 Jahren in heroischem
Alleingang schafft, dass man nicht gänzlich verzweifelt
an der publizistischen Kultur dieses Landes. "Was soll
ich loben an Phettberg?" fragte ich Thurnher. "Lob
die literarische Qualität seiner Texte", riet der
Herausgeber des "Falter" am Telefon, "Phettberg
ist ein echter Dichter. Er versteht aus seiner Weltverzweiflung
funkelnde literarische Kleinodien zu fertigen. Lob die Konsequenz
und Beharrlichkeit, mit der er sich einem angepassten Leben
verweigert."
Gelobt sei die literarische Qualität Ihrer Texte, sehr
geehrter Herr Phettberg! Gelobt sei die Radikalität,
mit der Sie Ihre Einsamkeit, Ihre seelischen Qualen und Obsessionen
zum Thema machen, gelobt seien Ihre Larmoyanz und der herzerfrischende
Hang zur Geschmacklosigkeit, der Ihre Texte auszeichnet, gelobt
sei vor allem auch der Humor, mit dem Sie den abgründigen
Seiten des Daseins in bester katholischer Tradition doch noch
etwas wie Erträglichkeit abzugewinnen verstehen. Sie
sind sich dabei über die Jahre und Jahrzehnte hinweg
bemerkenswert treu geblieben: Von Ihren publizistischen Jünglingsjahren
beim "Meidlinger Kolpingkurier" über Ihre Tätigkeit
als Aktionskünstler und Aktivist der "Libertinen
Sadamaochismusinitiative Wien" sowie der "Polymorph
Perversen Klinik" bis hin zu Ihren spektakulären
Fernseherfolgen im ORF und Ihrem Wirken als Seelsorger vom
Dienst im "Falter". Lauter beachtliche Leistungen
fürwahr!
"Aber ach, auch beim Lachen kann das Herz voll Gram
sein", heißt es in den "Sprüchen",
Kapitel 14, Vers 13 und was das bedeutet, ein Herz voller
Gram, das veranschaulichen Sie uns Woche für Woche in
Ihren Kolumnen. Sie scheuen dabei auch vor intimsten Geständnissen,
vor anmutigen blasphemischen Kapricen nicht zurück, man
mag das goutieren oder nicht, von radikaler Aufrichtigkeit
sind Ihre Texte jedenfalls immer. Manch einen, manch eine
mag das schockieren. Im "Falter" 11/03 lassen Sie
uns beispielsweise in schonungsloser Offenheit ich zitiere
diesen Text, um den thematischen Radius Ihres Wirkens kurz
zu skizzieren im "Falter" 11/03 lassen Sie uns
etwa in schonungsloser Offenheit an der Liebe zu Ihrem "Brunzküberl"
teilhaben. "Wo sonst nichts ist", schreiben Sie
da, "kein Gott, kein Mensch, kein Sinn, halte ich mich
an meinem Brunzküberl fest." Eine provozierende
Radikalität im Angesicht der Gottesverlassenheit, eine
spirituelle Beharrlichkeit, die an die theologische Kompromisslosigkeit
der großen Mystiker denken lässt.
Letztens traf ich Kurt Palm, sehr geehrter Herr Phettberg,
den Mit-Entwickler der "Nette-Leit-Show". Was soll
ich an Phettberg loben, fragte ich Palm. "Lob seine Radikalität",
sagte Palm: "Hermes ist radikal bis zur Selbstzerstörung.
Lob seine Echtheit. An ihm ist alles echt, nichts gekünstelt."
Ich denke, dass Ihr langjähriger Dominator da Recht hat,
lieber Herr Phettberg. An Ihnen ist alles echt, nichts gekünstelt,
nicht einmal, wenn Sie im Fernsehen auftreten. Deshalb soll
an dieser Stelle auch Ihr televisionäres Wirken laudiert
werden. Mit der "Nette-Leit-Show" haben Sie dem
Niedergang der nationalen, was sage ich, der transnationalen
Fernsehkultur eindrucksvoll entgegengewirkt. Sie haben der
veraesken Glätte unserer Hauptabendprogramme televisionären
Eigensinn, televisionäre Eigenart entgegengesetzt. Es
gibt viele Menschen in diesem Land, Tausende und Zehntausende
sind es, die der "Netten-Leit-Show" bittere Zähren
nachweinen. Wo sind die göttlichen Brüder Poulard
geblieben, fragen viele. Wo die wackeligen Polaroidfotos Ihres
Assistenten Robin? Warum findet weit und breit kein anständiges
Dosenschießen mehr statt? Ach ja, die Herrlichkeit der
Erden, muß Rauch und Aschen werden, beklagt ein großer
Dichter des Barock.
Damit sind wir, Sie merken es schon, beim Thema Katholizismus
angelangt. "Hermes Phettberg und der Katholizismus, das
gehört zusammen wie Hostie und Monstranz", sagte
der Dichter Franzobel, als ich ihn im Rahmen meines prälaudatorischen
Rundrufs zu Ihren Qualitäten befragte, sehr geehrter
Herr Phettberg. Was soll ich an Phettberg loben, fragte ich
Franzobel, den Verfasser eines vielbeachteten Theaterstücks
über Sie. "Stell eine Beziehung her zwischen Phettberg
und den großen katholischen Schriftstellern dieses Landes",
riet Franzobel: "Rück ihn in eine Linie mit den
beiden bedeutendsten Bußpredigern des süddeutsch-österreichischen
Raums, mit Abraham a Sancta Clara und Adolf Holl."
Ich weiß nicht, ob das die Linie ist, in der Sie sich
selbst verorten würden, sehr geehrter Herr Phettberg.
Ich meine, für den langen Marsch zu sich selbst, den
Sie in den letzten Jahren und Jahrzehnten angetreten haben,
für diesen Marsch sind die ruhmreiche Wiener Kleinkunst
und der nicht minder ruhmreiche Wiener Aktionismus ebenso
bedeutsam wie das katholische Erbe, das Ihnen, dem gebürtigen
Weinviertler, von Ihrer Frau Mutter unglückseligerweise
oder vielleicht auch glückseligerweise, je nachdem
mit auf den Lebensweg gegeben wurde.
Sei's, wie es sei, Franzobel hat mich gebeten, auch Ihr Verhältnis
zur Öffentlichkeit zur Sprache zu bringen. Zitat Franzobel:
"Hermes liebt es, mit der Öffentlichkeit zu kopulieren.
Auf dem Höhepunkt der 'Nette-Leit-Show-Hysterie' hat
es der 'Kulttaker der Nation' unglaublich genossen, von der
Öffentlichkeit sozusagen sodomisiert zu werden."
Soweit Franzobel. Hermes Phettberg und die Öffentlichkeit
das ist eine wahrhaft komplexe Beziehung. Ob Sie uns an
den imaginierten Exzessen und Ekstasen Ihres Innenlebens teilnehmen
lassen, sehr geehrter Herr Phettberg, ob Sie sich im Rahmen
öffentlicher Happenings publikumswirksam auspeitschen
lassen oder ob Sie, wie 1997 geschehen, die Bildungsschichten
dieses Landes monatelang in Atem halten, indem sie die Nation
an einem spektakulären "Work in Progress" Anteil
nehmen lassen: dem Aufräumen Ihrer Wohnung immer beziehen
Sie die Öffentlichkeit als devot umschmeichelten Ersatzpartner
in Ihre Inszenierungen mit ein. Das ist nichts, was zu loben
wäre, es ist einfach festzustellen. Wir wissen praktisch
alles über Sie, Herr Phettberg, oder zumindest haben
wir die Illusion, alles zu wissen: Wir sind bis ins letzte
Detail über Ihre Gewichtsprobleme und Ihre sexuellen
Präferenzen informiert, wir wissen um Ihr Faible für
knackige Jeansboys und Ihre Suchtgewohnheiten in Bezug auf
Essen und Fernsehen. Das alles wirkt sich, jetzt kommt eine
These, die ich dem bislang noch unbekannten Phettberg-Experten
Wolfgang G. verdanke, das alles wirkt sich sozialpsychologisch
reinigend und unglaublich entlastend auf das öffentliche
Leben aus.
Wer ist, so mögen Sie fragen, Wolfgang G.? Wolfgang
G. ist einer meiner ältesten Freunde, keine Berühmtheit,
ein bescheidener Phettberg-Leser, im Zivilberuf Sachbearbeiter
im "Wiener Arbeitnehmerförderungsfonds", Verwendungsgruppe
6. Als ich mir gestern abend letzte telefonische Ezzes für
meine Lobrede holte, setzte mir Wolfgang G. seine Phettberg-Theorie
auseinander. Im wesentlichen läuft sie auf folgende Hauptthese
hinaus: Indem Phettberg seine Schwächen öffentlich
macht, übt er eine wichtige sozialtherapeutische Funktion
aus. Hermes, der Schmerzensmann, der notorisch leidende Negativchristus,
Phettberg führt den Menschen vor Augen, dass sie nicht
allein sind mit ihren Schwächen und Unvollkommenheiten.
Darüber hinaus bietet er uns allen einen nicht zu unterschätzenden
Trost: dass es mit ihm noch schlechter steht als mit uns.
Auf diese Weise, so meint mein Freund Wolfgang G., wirkt Hermes
entlastend.
Ich weiß nicht, ob diese Theorie eine gewisse Stichhaltigkeit
für sich beanspruchen kann, sehr geehrter Herr Phettberg,
ich weiß nur, daß das öffentliche Leben in
dieser Stadt, in diesem Land um vieles ärmer wäre
ohne Sie. Die Beharrlichkeit, mit der Sie sich der pseudo-dynamischen
Leistungsgesellschaft unserer Tage verweigern, Ihr unermüdlicher
Einsatz für die Rechte der sexuell Unattraktiven, Ihre
Resistenz gegen die Diktatur der Weight Watchers das alles
ist Grund genug, Sie mit einem hohen Preis auszuzeichnen.
Was Sie aber neben Ihren Leistungen als Kolumnist und Fernsehstar
wirklich und wahrhaftig zum Träger eines der renommiertesten
Publizistikpreise dieses Landes prädestiniert, ist ein
Medienhappening, das Sie vor genau elf Jahren inszeniert haben:
Damals schritten Sie zur öffentlichen Bekotung der Zeitschriften
"Wiener", "Basta" und "News".
Allein dafür würde Ihnen nach Einschätzung
renommierter Medien-Experten nicht nur der Publizistikpreis
der Stadt Wien gebühren, sondern im Grunde auch das Goldene
Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich
und der Menschenrechtspreis der Friedrich-Ebert-Stiftung sowie
der evangelischen Diakonie.
Ich komme zum Schluß, sehr geehrter Herr Phettberg.
Im "Falter" vom 7. Mai 2003 haben Sie einen verzweifelten
Appell an Ihre Leser gerichtet. Eindringlich beschreiben Sie
die Einsamkeit, die Menschen- und Gottesverlassenheit, in
der Sie zu leben gezwungen sind. Sie hielten das alles nicht
länger aus, schreiben Sie, und man glaubt Ihnen aufs
Wort. "Den heurigen Sommer möchte ich in einem Folterkeller
verbringen mit täglichem Whipping und Spanking",
schreiben Sie da: "Ich wünsche mir einen 'Jeansboy
mit Herz', der mich aus meiner Einsamkeit erlöst."
Anläßlich der Verleihung des Publizistikpreises
der Stadt Wien wünsche ich Ihnen, sehr geehrter Herr
Phettberg, daß sich Ihre Wünsche erfüllen
mögen. Ich wünsche Ihnen ein, zwei, viele Jeansboys
mit Herz, die Sie nach allen Regeln der Kunst "Whippen"
und "Spanken" mögen, was immer man sich darunter
im Detail auch vorzustellen hat. Der Publizistikpreis der
Stadt Wien geht in diesem Jahr an einen wahrhaft Würdigen.
In diesem Sinne: Alles Gute, Hermes Phettberg!
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Gehalten am 15. Mai 2003 im Wiener Rathaus.
Alle REDEN UND LAUDATIONES
im Überblick
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