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Reden und Laudationes\Sigrid Löffler
(2002)
"JOURNALISMUS MIT DEM KOPF, NICHT MIT DEN EIERN!"
Eine Laudatio auf SIGRID LÖFFLER anläßlich
der Verleihung des Publizistikpreises der Stadt Wien
Von Günter Kaindlstorfer
Sehr geehrte Frau Löffler!
Sehr geehrter Herr Stadtrat!
Meine sehr geehrten Damen und Herren!
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| Sigrid
Löffler |
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"Die Löffler ist zwar eine Linksliberale",
sagte der Obmann der Sozialistischen Jugend Wels an einem
Nachmittag irgendwann in den späten Siebzigern zu meinen
Freunden und mir, als wir nach der Schule wieder einmal auf
einer der damals zeittypischen Betonbänke in der Welser
Fußgängerzone hockten (das war gleich vis-à-vis
vom Weincomptoir Hauser, für die, die's kennen), "die
Löffler ist zwar eine Linksliberale", sagte also
der Obmann der Sozialistischen Jugend Wels, damals siebzehn
oder achtzehn Jahre alt, während er das "profil"
sinken ließ und versonnen über sein Trotzki-Bärtchen
strich, "aber was sie schreibt, die Löffler, hat
Hand und Fuß."
Das durfte durchaus als Kompliment gelten, denn rechts von
Rosa Luxemburg ließ der Obmann der Sozialistischen Jugend
Wels damals kaum etwas gelten. Im Gegensatz zu manch einem
seiner Genossen hat er später übrigens nicht den
langen Marsch durch die Vinotheken angetreten oder eine flippige
PR-Agentur gegründet, die Kampagnen für schicke
Investmentfonds oder Gewerkschaftsfresser wie Frank Stronach
entwickelt, nein, im Verlauf einer überaus wechselhaften
Karriere ist er was man absolut okay finden kann inzwischen
zum Pressesprecher der Arbeiterkammer Oberösterreich
avanciert.
Ich weiß nicht mehr, sehr geehrte Frau Löffler,
was für ein Text aus Ihrer Feder uns damals, in den späten
siebziger Jahren, so sehr begeistert hat. Vielleicht haben
Sie den neuen Roman von Heinrich Böll verrissen oder
auf gewohnt pointierte Weise die kulturpolitische Wende analysiert,
die ein Wahlsieg des schwarz-blauen Gruselduos Taus/Götz
mit sich bringen würde, vielleicht haben Sie die moralische
Verderbtheit der Androsch-Sekanina-SPÖ aufs Korn genommen
oder die tiefere Bedeutung von Susan Sontags jüngstem
Essay ins rechte Licht gerückt. Auf jeden Fall haben
wir Montag für Montag mit kritischem Interesse und heißem
Herzen gelesen, was Sie im "profil" geschrieben
haben, auch wenn Sie Georg Lukacs und seine lichtvolle Studie
zur Theorie des Romans damals vielleicht nicht in gleichem
Maß für einen heiligen Text gehalten haben wie
wir.
"Die Sentimentalität ist das Alibi der Hartherzigen",
sagt Schnitzler, und ich darf wohl vermuten, liebe Frau Löffler,
daß Sentimentalität auch Ihnen eine verdächtige
Haltung ist, im Leben wie in der Kunst. Manchmal allerdings
geht es nicht anders: Manchmal muß man sentimental werden.
Wenn man an diesem Podium steht beispielsweise, um Sie wie
pompös das klingt für Ihr Lebenswerk zu ehren.
Dann denkt man nicht ohne Wehmut an eine Zeit zurück,
da man als kulturell interessierter Österreicher gar
nicht anders konnte, als montags das "profil" aufzuschlagen
und zu lesen, was Sie über Theweleits Theoreme oder über
den Aufstand rechtskonservativer Trachtensumper gegen Claus
Peymann zu sagen hatten.
Sie waren und sind eine Ausnahmeerscheinung im österreichischen
Journalismus, liebe Frau Löffler: der Moderne und dem
kritischen Diskurs verpflichtet, für Verhaberungen nicht
zu haben, differenziert und kompromißlos in Ihrem Urteil.
Sie haben nicht nur etwas zu sagen, um ein Wort von Karl Kraus
zu variieren, Sie können es auch ausdrücken. Ob
als außenpolitische Redakteurin der "Presse"
oder als eine der leading figures im "profil" der
siebziger und achtziger Jahre, ob als Feuilleton-Chefin der
"Zeit", als Herausgeberin der "Literaturen"
oder als stets sachlich argumentierende Kontrahentin des televisionären
"Kreischerkönigs" Marcel R. Sie sind
sich, wie man so schön sagt, immer treu geblieben: als
glänzend schreibende und glänzend formulierende
Publizistin.
Im November 1996 sind Sie weggegangen aus Österreich,
und ich darf Ihnen sagen: Die Situation im Lande ist nicht
besser geworden seither. Ich spreche nicht so sehr von der
Politik, obwohl es natürlich unerquicklich genug ist,
daß sich eine Wende-Koalition mit völkisch-populistischer
Grundierung seit einiger Zeit an einer neoliberalen Transformation
Österreichs versucht. Schlimm genug auch, daß man
immer öfter schmißzerpflügte Visagen in den
Wandelgängen der Ministerien und anderer Schaltzentralen
der öffentlichen Verwaltung trifft aber das sind temporäre
Erscheinungen der österreichischen Innenpolitik. Wenn
ich behaupte, daß die Dinge nicht besser geworden sind
in dieser Repubik, dann spreche ich vor allem von den Medien.
Wenn man an die Zeit zurückdenkt, da Sie im "profil"
publiziert haben, sehr geehrte Frau Löffler, dann denkt
man an eine Zeit zurück, da der Magazinjournalismus im
Lande noch nicht in erster Linie "mit den Eiern"
gemacht wurde, wie es Österreichs erfolgreichster Magazinverleger
vor einiger Zeit einem illustrativen Apercu zufolge postuliert
haben soll. In einem Essay mit dem Titel "Die neuen Medien"
haben Sie sich bereits in den frühen Neunzigern mit dem
offenbar unaufhaltsamen Siegeszug des "U-Journalismus"
beschäftigt. "'News' ist kein Nachrichtenmagazin",
formulierten Sie da, "'News' ist ein Marketingkonzept.
Der Journalismus, wie dieses Blatt ihn praktiziert, ist die
gedruckte Verlängerung des Tresens in einem Szenebeisl.
Politik wird gnadenlos personalisiert, Information durch Klatsch
ersetzt... Der U-Journalist, wie er in der 'News'-Redaktion
auftritt, versteht sich als Vehikel der Unterhaltung, nicht
der ernstgemeinten Information. Er ist der Marktschreier des
Bestehenden."
Leider muß man feststellen, daß die Marktschreier
des Bestehenden nunmehr auch die schwachbrüstigen Rudimente
von kritischer Öffentlichkeit in diesem Land okkupiert
haben. Auch das "profil", Sie wissen es, ist vor
einiger Zeit in den ökonomischen Einflußbereich
des real existierenden Fellnerismus übergegangen. Das
heißt zwar noch nicht, daß der mit allen Abwassern
gewaschene Journalismus der Marke "News" auch in
der "profil"-Redaktion bereits die Macht übernommen
hätte, das heißt es nicht, aber der Zeitpunkt ist
durchaus absehbar, an dem dies geschehen könnte.
Es gehört zu den erfreulicheren Paradoxien des österreichischen
Nachkriegsjournalismus, daß eine um es beschönigend
auszudrücken mediokre Presselandschaft immer wieder
hervorragende Journalistinnen und Journalisten hervorgebracht
hat. Eine dieser Journalistinnen, sehr geehrte Frau Löffler,
sind Sie. Und vielleicht findet es Ihr Interesse, daß
seit den siebziger Jahren eine neue, kritische Generation
von Medienleuten herangewachsen ist, eine Generation, die
sich unter anderem auch auf Sie beruft. Manch eine und manch
einer hat sich damals in den Fußgängerzonen und
Schülercafés dieses Landes Ihre Texte verschlingend
heimlich, still und leise gedacht: "So gut wie
die Löffler will ich auch einmal werden!"
Das ist nicht leicht, gewiß nicht. Aber ich darf sagen:
Man bemüht sich!
Auf jeden Fall haben wir uns einiges abgeschaut von Ihnen:
Wie man liest und wie man schreibt, wie man kämpft und
wie man streitet, wie man offen bleibt und kritisch, auch
wenn man da und dort Konzessionen macht an die Spielregeln
des Betriebs.
Ihr Weggang aus Österreich hat uns geschmerzt, das gebe
ich zu. Aber eines darf ich Ihnen sagen: Wir bemühen
uns, die Lücke, die Sie hinterlassen haben, so gut wie
möglich, also notdürftig, auszufüllen. Wir
haben nämlich noch etwas von Ihnen gelernt, liebe Frau
Löffler, etwas sehr Wichtiges: Dieses Land braucht Journalisten,
die nicht mit den Eiern arbeiten, sondern mit dem Kopf.
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Gehalten am 24. Mai 2002 im Wiener Rathaus.
Alle REDEN UND LAUDATIONES
im Überblick
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