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Porträts und Reportagen\Klaus
Wagenbach (1992)
"DIE DIKTATUR DES LEKTORATS"
KLAUS WAGENBACH gehört zu den schillerndsten Figuren
der deutschen Verlags-Szene. Der 62jährige Berliner hat
"die trübseligen Umgangsformen der Linken"
abgelegt, die heiteren möchte er beibehalten. Ein Porträt.
Von Günter Kaindlstorfer
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| Klaus
Wagenbach |
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"Immer, wenn ein neues Buch kommt", sagt Klaus
Wagenbach, "schnüffle ich daran. Nase rein, das
ist das erste." Der Verleger mit dem gemütlichen,
in langen Arbeitsjahren wohlerworbenen Bäuchlein wippt
auf seinem Bürosessel lässig nach hinten und greift
sich zu Demonstrationszwecken ein Werk von Djuna Barnes aus
dem Regal. Mit Kennermiene klappt er den Wälzer auseinander,
dann taucht er seinen Zinken tief zwischen die Seiten hinein.
"Manche Bücher sind mir einfach unangenehm, weil
sie ekelhaft riechen." Das Werk von Djuna Barnes gehört
nicht in diese Kategorie. Klaus Wagenbach legt großen
Wert auf die handwerkliche Machart seiner Bücher, (die
ihm gar nicht gediegen genug sein kann), dazu gehört
eben auch, daß der spätere Lesegenuß nicht
durch üblen Hautgout beeinträchtigt wird. "Normalerweise
stinkt Druckerschwärze nach Ruß", doziert
er: "Ich kann das nicht haben. Unsere Druckerschwärze
wird parfümiert, da verrate ich ja kein Geheimnis. Da
kommt ein bißchen Tannennadelduft dazu schon bekommen
unsere Bücher ein angenehmes Odeur."
Der Verlag residiert heute nach kärglichen Gründerjahren
in Wagenbachs Privatwohnung in einer hellen Villenetage
im Zentrum Westberlins. Wenn der Hausherr sich hinter die
Schreibmaschine klemmt und einen Blick aus dem Fenster wirft,
schaut er auf mächtige, alte Ahornbäume, die seinen
Firmensitz vornehm umgrenzen. Reich ist der Privatmann Klaus
Wagenbach von seinem Job bis jetzt nicht geworden. Er genehmigt
sich selbst ein Nettogehalt von 4500 DM im Monat, seine Mitarbeiter
müssen mit Salären zwischen 2800 und 3000 DM das
Auslangen finden. Entschädigt werden sie durch einen
interessanten Job und ein exzellentes Betriebsklima. "Wir
haben die tranigen Umgangsformen der Linken abgelegt",
sagt Wagenbach, "aber wir haben die heiteren beibehalten."
Alle beziehen ungefähr das gleiche Gehalt, man geht zusammen
mittagessen, an manchen Sommersonntagen rückt die Belegschaft
kollektiv zum Schwimmbad-Besuch aus. Natürlich steigen
in regelmäßigen Abständen auch fröhliche,
chiantifeuchte Feten die berühmten Wagenbach-Parties.
Im Grunde grenzt es an ein Wunder, daß der Wagenbach-Verlag
überhaupt noch Bücher unter die Leute bringt. Drei
schwere Krisen hat der Verlag in seiner knapp dreißigjährigen
Geschichte überstanden. Da war zunächst die Gründungsphase:
Wegen nachweislich linksradikaler Gesinnung bei S. Fischer
gefeuert, wagte Wagenbach 1964 den entscheidenden Schritt:
Auf Anraten von Freunden wie Ingeborg Bachmann und Uwe Johnson
gründet er einen eigenen Verlag. Beim Zusammenkratzen
des Startkapitals greift ihm der Vater unter die Arme, ein
bäuerlich geprägter Sozialreformer mit katholischem
Background, nach dem Krieg Mitbegründer der CDU. Nicht
ohne Nostalgie denkt Wagenbach an diese frühen Kampfjahre
zurück: "Mein Vater war politisch völlig anderer
Meinung als ich, aber daß ich aus politischen Gründen
gefeuert wurde, das hat ihn furchtbar aufgeregt. Er besaß
zwar kein Vermögen, aber er besaß eine Wiese im
Hochtaunus. Diese Wiese hat er mir geschenkt."
Der erste kaufmännische Akt des Jungverlegers bestand
darin, die Liegenschaft zu veräußern. Um das Stammkapital
aufzufetten, verkaufte er auch essentielle Teile seines Hausrats.
Auf diese Weise kamen 120.000 Mark in die Verlagskassa. Damit
konnten Wagenbach die ersten Bücher finanzieren, zu mehr
reichte es nicht. Was den Verleger damals vor dem Bankrott
rettete, war die Tatsache, daß kein westdeutscher Verlag
sich damals für die Songs und Balladen eines aufmüpfigen
DDR-Poeten interessierte. Sein Name: Wolf Biermann. Klaus
Wagenbach sprang ein. Er stellte die Poeme des Protestbarden
zu einem Gedichtband zusammen und verlieh ihm den Titel "Die
Drahtharfe". Das Buch wurde zum Verkaufsschlager, der
Verlag war vorderhand saniert. Klaus Wagenbach allerdings
wurde von den DDR-Gewaltigen mit Einreiseverbot belegt. "Das
hat mich schwer getroffen", erinnert er sich, "denn
ursprünglich wollten wir einen DDR-Schwerpunkt machen,
mit vielen prominenten Ost-Autoren im Programm."
Daraus wurde nichts. Ostberlin strich sämtliche Lizenzen.
Dafür avancierte Wagenbach zum Haus- und Hof-Verlag der
bundesdeutschen Linken. Vieles von dem, was den Revoluzzern
von anno '68 gut und teuer war, erschien im Hause Wagenbach.
Von den frühen Reportagen Ulrike Meinhofs bis zu den
Schriften Rudi Dutschkes, von den Gedichten Erich Frieds bis
zu den sozialpsychologischen Büchern Peter Brückners.
Das bescherte Wagenbach das zweifelhafe Image des "Baader-Meinhof-Verlages"
sowie dem Verlagschef selbst mehrere Hausdurchsuchungen. "Ich
habe damals mehr Zeit im Gerichtssaal versessen als hinter
dem Schreibtisch." Wagenbachs Rechtsanwalt zu jener Zeit:
Otto Schily. Sein fanatischster Gegner: die Springer-Presse.
Alle Prozesse gingen "ehrenhaft verloren", wie Wagenbach
betont. Gerichtskosten und Geldbußen in Millionenhöhe
bugsierten den Verlag allerdings erneut an den Rand des Ruins.
In
den wilden 70ern mußte der "linke Hedonist"
Klaus Wagenbach dann auch mit internen Querelen fertig werden.
In einem "Anfall von ideologischer Verblendung"
hatte der "Radikaldemokrat" die Hälfte seiner
Anteile an ein Verlagskollektiv verschenkt. Es kam, wie es
kommen mußte: Die Partner forderten Mitsprache, wollten
den Verlag schließlich ganz übernehmen. Es folgten
heftige verlagsinterne Scharmützel. Im Frühjahr
1973 stand plötzlich ein Rechtsanwalt in der Verlagswohnung
in der Jenaer Straße, um im Namen des Kollektivs zu
fordern: "Der Name Wagenbach gehört der Bewegung!"
Das war dem Verleger zuviel: Wagenbach trennte sich von den
früheren Mitkämpfern, den Namen durfte er nach wüsten
Auseinandersetzungen behalten. Die Abspalter mußten
mit einem anderen Verlagsnamen vorlieb nehmen. Sie entschieden
sich für "Rotbuch". Alles Verlagsgeschichte.
Mit Schaudern denkt Wagenbach an die Geschehnisse von damals
zurück. Heute herrschen klare Strukturen im Haus. Wie
schauen die aus? "Bei uns gibt's eine Diktatur des Lektorats",
erklärt Wagenbach. Zwar dürfen alle Mitarbeiter,
vom Graphiker bis zum Hersteller, an den obligaten Generalsitzungen
am Montag teilnehmen, was aber inhaltliche Fragen betrifft,
herrscht strikte Gewaltenteilung. "Das Lektorat entscheidet
autonom, ob ein Text angenommen wird oder nicht.", sagt
Wagenbach. Ein Prinzip gilt als unantastbar: "Alle Entscheidungen
müssen einstimmig getroffen werden." Eine Ausnahme
gibt es: Kann sich das Lektorats-Kollektiv auf die Annahme
eines Manuskriptes nicht einigen, tritt die sogenannte "Herzklausel"
in Kraft. "Für solche Fälle gibt es ein heiliges
Ritual", erklärt Wagenbach: "Erst wird auf
Teufel komm raus gestritten dann folgt eine kleine Pause.
Ich setze ein feierliches Gesicht auf, der Kollege setzt ebenfalls
ein feierliches Gesicht auf. Dann frage ich: Ist das Buch
für dich eine Herzensangelegenheit? Sagt der Kollege
ja, gilt das Manuskript als angenommen. Dagegen ist kein Rechtsmittel
mehr zulässig."
Bei jedem Satz aus Wagenbachs Munde merkt man: Der Mann verfügt
über einen ganz und gar undeutschen Humor. Dem Klischeebild
des bierernsten Norddeutschen entspricht der agile Verleger
sowieso nicht. Immer wieder unterbricht sich Wagenbach selbst,
um stillvergnügt in sich hineinzukichern. "Ich verrate
Ihnen ein Geheimnis", sagt er. "Deutsche Leser sind
ordentliche Leser. Für einen Verleger, wenn er klug ist,
bringt das erhebliche Vorteile mit sich. Wenn Kafka zum Beispiel
hundertsten Geburtstag hat, wird bei uns in Deutschland eisern
Kafka gelesen, damit kann man als Verleger spekulieren. Befindet
man sich gerade in Geldschwierigkeiten, bringt man eben einen
üppigen Bildband über Franz Kafka heraus. Man darf
darauf bauen, felsenfest, daß sich der Bildband so und
so viele tausendmal verkaufen wird eine sichere Bank.
Ich habe diesen Trick mehrfach mit Erfolg angewendet."
Zu seiner Geburtsstadt Berlin hat Klaus Wagenbach eine,
nun ja, sagen wir, ironisch-liebevolle Beziehung. "Ich
bin in den sechziger Jahren zurück nach Berlin gegangen,
da haben alle gesagt: Der Mann ist verrückt geworden.
Ich war aber ganz und gar nicht verrückt. Mir gefällt
Berlin, es ist eine durch und durch deutsche Stadt. Ich will
in einem richtigen Piefke-Ort leben, mit Schäferhunden,
mit Kleingartensiedlungen und halbfaschistischen Pilstrinkern
in der Kneipe ums Eck. Als Verleger darf man den Kontakt zum
Volk nicht verlieren. Den habe ich hier in Berlin." Wenn
Deutschland Wagenbachs Ehegattin wäre, eine mäßig
schöne, mäßig sinnliche Frau mit Dauerwellen
und Blümchenschürze, dann wäre Italien wohl
sein feuriger Flirt. Faktum ist: Der Verleger liebt Italien
wie sonst kaum etwas auf der Welt. In der Nähe von Montepulciano
besitzt Wagenbach ein Haus, drei Monate im Jahr verbringt
er dort arbeitend, lesend, dem "vino nobile"
zusprechend: "Ich bewundere Italien, da kann man als
Linker fünf oder sechs verschiedene Parteien wählen.
Herrlich! Italien ist in allem das Gegenbild zu Deutschland:
Was wir zuviel an Ordnung haben, haben die zuwenig, was wir
zuwenig an Anarchie haben, haben die zuviel. Wunderbar, der
Kontrast!"
Wagenbachs Zuneigung zur italienischen Literatur hat dem
Publikum in deutschen Landen so manchen Lektüregenuß
in Grün-Weiß-Rot verschafft. Luigi Malerba und
Giorgio Manganelli, Natalia Ginzburg und Romano Bilenchi,
Gesualdo Bufalino und Pier Paolo Pasolini, sie alle hat Wagenbach
entdeckt oder gefördert, jedenfalls aber, das weitaus
wichtigste: verlegt.
"Ein guter Verleger", sagt Wagenbach, "muß
über drei Eigenschaften verfügen: Erstens: Er braucht
eine gesunde Portion Neugier. Zweitens: Er sollte zwei oder
drei Fremdsprachen beherrschen. Drittens: Er muß sich
jederzeit auf eine fundierte Halbbildung verlassen können."
Im Falle des 62jährigen Verlegers gesellt sich noch ein
weiterer Vorzug hinzu: Wagenbach liest alle Werke, die in
seinem Haus erscheinen, auch selbst. Keine Selbstverständlichkeit
in seinem Gewerbe. Da liegt die Frage nahe, ob Wagenbach zu
seinen Büchern ein erotisches Verhältnis unterhält.
"In gewisser Weise schon", sagt er. "Wie ich
schon sagte: Ich rieche gern an Büchern. Das hat doch
mit Erotik zu tun, oder nicht?"
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Erschienen in "Der
Standard", 14. August 1992.
www.wagenbach.de
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