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Porträts und Reportagen\Henning
Mankell (2000)
"MAPUTO, MON AMOUR"
Was macht der Krimi-Autor HENNING MANKELL in Mocambique?
Er schreibt Bestseller und verschenkt sein Geld.
Günter Kaindlstorfer hat ihn besucht.
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| Henning Mankell |
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Henning Mankell ist schlecht gelaunt. Mißmutig schaut
er in den schwarzgrauen Himmel über Maputo. Regen, nichts
als Regen. Seit Tagen entladen sich schwere Unwetter über
der Stadt, fette Tropfen zerplatzen auf dem Asphalt. "Wenn
das so weitergeht", seufzt Mankell, "wird es noch
mehr Tote geben." In den Slums der mocambiquanischen
Metropole werden schon die ersten Todesopfer beklagt, dreckigbraunes
Wasser hat letzte Nacht Tausende von Hütten mit sich
gerissen, die Bewohner haben Hab und Gut verloren, die meisten
von ihnen wissen nicht einmal, wo sie die kommende Nacht verbringen
sollen. Doch das ist erst die Ouvertüre: Nach dem Ablug
des österreichischen Besuchers geht das Inferno erst
richtig los. Die Fernsehbilder von gewaltigen Flutwellen und
in Baumkronen hockenden Menschen gehen um die Welt.
Henning Mankell, Verfasser mehrerer Weltbestseller, lebt
seit fünfzehn Jahren in Mocambique. Warum ausgerechnet
hier? Andere Erfolgsautoren wählen Vevey oder Monte Carlo
als Zweitwohnsitz. Was treibt den 52jährigen Schweden
in eines der ärmsten Länder der Welt? Dritte-Welt-Romantik?
68er-Nostalgie? Ein hartnäckiger Helfertick? "Quatsch",
sagt Mankell. "Reines Kalkül. Ich habe immer gewußt:
Wenn aus mir ein guter Schriftsteller werden soll, muß
ich mir eine außereuropäische Perspektive suchen."
Sechs bis sieben Monate im Jahr lebt Mankell im Süden
Afrikas, die restliche Zeit verbringt er in Schweden. Auch
in seinen Büchern hat sich der grauhaarige Mittfünfziger
immer wieder mit dem Elend Schwarzafrikas auseinandergesetzt,
in seinem eindrucksvollen Kinderbuch "Das Geheimnis des
Feuers" etwa (Oetinger-Verlag). Da beschreibt Mankell
auf nüchterne und zugleich anrührende Art und Weise
das Leben eines kleinen mocambiquanischen Mädchens, dem
eine Landmine beide Beine weggerissen hat. Mit Hilfe zweier
Beinprothesen und einer alten Singer-Nähmaschine gelingt
es der Heldin, im Leben wieder Fuß zu fassen. "Dieses
Buch ist ein Hymnus auf den Überlebenswillen der afrikanischen
Menschen", erklärt der Autor.
Mankell ist ein typischer Schwede. Vom Outfit her ein klein
bißchen verschmuddelt (schweißnasses Hemd, fettiges
Haar, Badeschlapfen), von lutherischem Arbeitsethos beseelt
(35 Romane, mehrere Dutzend Drehbücher und Theaterstücke),
politisch korrekt bis an die Grenze der Pedanterie. Im persönlichen
Umgang gibt sich der Schriftsteller friedlich, geradezu sanft,
auch wenn man das Gefühl hat, daß in seinem Inneren
einiges an verdeckter Aggression brodelt. In seinen Büchern
jedenfalls fließt eine Menge Blut: Arglose Menschen
werden skalpiert und enthauptet, mit Salzsäure verätzt
und in teuflischen Fallen gepfählt. Mag sein, denkt man
beiläufig, daß der ethisch ansonsten so untadelige
Romancier da eine dunkle Seite seiner Existenz auslebt.
Überaus blutrünstig geht es auch in Mankells jüngsten
Thriller zu, der soeben unter dem Titel "Mittsommermord"
bei Zsolnay erschienen ist: Ein pedantischer Serienkiller
rächt sich für eine berufliche Kränkung, indem
er ein Grüppchen jugendlicher Picknickgäste mittels
schallgedämpfter Faustfeuerwaffe ins Jenseits expediert.
Kommissar Wallander den die Leser spätestens seit Mankells
Bestseller "Die fünfte Frau" ins Herz geschlossen
haben nimmt mit stillem Fanatismus die Ermittlungen auf.
"Mittsommermord" zählt nach Einschätzung
von Kennern zu den besten Wallander-Krimis, fast scheint es,
als habe Mankell die Kunst des Spannungsaufbaus im angeblich
letzten aller Wallander-Krimis noch einmal auf die Spitze
treiben wollen. Auch diesmal bietet der schwedische Erzähler
interessante Figuren, eine raffinierte Konstruktion und jenen
besorgten, sozialkritischen Tonfall, den die Freunde politisch
engagierter Literatur an ihm so schätzen. Zugleich wirkt
"Mittsommermord" noch um einiges perfekter, ingeniöser
gestaltet als die früheren Bücher aus dieser Serie.
Das
dürften die Leser auch so sehen. "Mittsommermord"
nimmt in den Bestsellerlisten seit Wochen absolute Spitzenränge
ein. Platz eins in Österreich und der Schweiz, Platz
zwei in Deutschland. "Wenn Bücher so oft gekauft
werden", erklärt Mankell, "gibt es immer ein
irrationales Moment. Ich vermute, der Erfolg meiner Romane
hängt stark mit der Figur von Kommissar Wallander zusammen.
Die Leute identifizieren sich mit ihm, weil er ein Mensch
aus Fleisch und Blut ist, kein Stereotyp wie Sherlock Holmes
oder Hercule Poirot. Kurt Wallander wirkt glaubwürdig,
weil er ganz und gar durchschnittlich daherkommt. Und weil
er sich von Buch zu Buch ändert. Das macht ihn für
das Publikum glaubwürdig."
Der schwedische Schriftsteller hat mancherlei mit seinem
Helden gemein, nicht nur das Alter und die Liebe zur Oper,
auch einen Hang zu ungesundem Essen und eine Vorliebe für
Autos der Marke Peugeot. "Es gibt gewisse Parallelen
zwischen uns", räumt Mankell ein, "aber in
vielem sind wir auch sehr unterschiedlich. Wallander ist eine
eigenständige Figur, das zu betonen ist mir wichtig,
er denkt und handelt in vielem anders als ich."
Henning Mankell sitzt auf einem wackligen Plastikstuhl im
Foyer des Avenida-Theaters von Maputo. Hier arbeitet er als
Regisseur, hier bringt er gemeinsam mit afrikanischen Schauspielern
eigene Performances und Stücke von Dario Fo auf die Bühne.
Größtenteils aber spielt man Afrikanisches um
die nationale Identität Mocambiques zu stärken.
Schritte hallen durch den Raum. Eine junge Schauspielerin
stöckelt vorbei, eines von insgesamt vierzig Ensemblemitgliedern
des Avenida-Theaters. Mankell grüßt, die Aktrice
mit dem hochgesteckten schwarzen Haar grüßt zurück.
"Sie ist großartig", flüstert er, als
die junge Frau in einer der Garderoben verschwunden ist. "Eine
unglaublich talentierte Schauspielerin. Sie würde auf
jeder Bühne in Deutschland oder Österreich gute
Figur machen. Wie die meisten Schauspieler hier." Man
merkt: Das Avenida-Theater Mocambiques einzige professionelle
Bühne ist die große Liebe im Leben des Henning
Mankell. "Ich bin stolz, in diesem Haus zu arbeiten",
erklärt er: "Das Avenida-Theater gehört zu
den besten Bühnen Afrikas, und das behaupte nicht ich,
das behaupten Leute, die etwas von der Materie verstehen."
Das
Avenida-Ensemble muß gänzlich ohne Subventionen
auskommen, Man ist auf den Kartenverkauf und die Einnahmen
aus der theatereigenen Bäckerei angewiesen. Und auf Sponsoren.
Einer der großzügigsten Geldgeber heißt Henning
Mankell. "Ich verdiene mit meinen Büchern gutes
Geld", erklärt er lakonisch, "dieses Geld auf
kreative Weise wieder auszugeben, macht mir Spaß."
Maputo, mon amour: Henning Mankell führt ein bescheidenes
Leben. Er haust in einem prunklosen Appartement im Zentrum
der mocambiquanischen Metropole, die Wohnung wirkt karg und
nüchtern, auf dem Höhepunkt der Regenfälle
kämpft auch der Multimillionär aus Schweden mit
einem undichten Dach. Mankell greift zum Kübel und läßt
sich durch solche Unbillen nicht weiter beirren. Er will nicht
luxuriöser leben als seine Freunde in der Stadt auch.
Anspruchslosigkeit als Lebensprinzip. Henry David Thoreau
und der alte Tolstoj, die Hohepriester der modernen Selbstbescheidung,
hätten an einem wie ihm ihre Freude gehabt.
Mankell wären solche Vergleiche vermutlich unangenehm.
"Ich will nicht zuviel Wind um meine Person machen",
sagt er. "Die Journalisten interessieren sich viel zu
sehr für mich. Schreiben Sie lieber über Mocambique
und die Menschen hier, die sind wichtiger." Damit ist
das Interview zu Ende. Henning Mankell muß wieder zur
Probe. Er erhebt sich ächzend aus seinem Stuhl und stopft
ein Zuckerl in den Mund. Seine Zehen fahren hastig in die
Badeschlapfen. Henning Mankell führt den Besucher zum
Ausgang. Als er die Tür aufstößt, entfährt
ihm ein leiser Fluch: "Scheißwetter!" Der
Regen ist in den letzten Stunden wieder stärker geworden.
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Erschienen in "Profil",
17. April 2000.
Buchhinweis:
Henning Mankell: DAS GEHEIMNIS DES FEUERS
Kinderbuch, Oetinger Verlag (1997), ISBN: 3789142115.
Henning Mankell: MITTSOMMERMORD
Roman, Zsolnay Verlag (2000), ISBN: 3552049622.
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