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Porträts und Reportagen\Judith
Hermann (1998)
"TOM WAITS AM PRENZLAUER BERG"
Mit ihrem Erzählband "Sommerhaus, später"
hat die 28jährige Berlinerin JUDITH HERMANN das Debüt
des Jahres hingelegt. Ein Porträt.
Von Günter Kaindlstorfer
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| Judith
Hermann |
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Den Heiligen Abend wird sie nicht anders verbringen als in
den Jahren zuvor. "Ich bin zu Hause bei meinen Eltern.
Wir werden Karpfen essen oder Gans und nach dem Essen
wird gemeinsam musiziert." Judith Hermann will sich den
Erfolg der letzten Wochen nicht zu Kopf steigen lassen. Seit
die 28jährige Berlinerin mit ihrem Erzählband "Sommerhaus,
später", einer Sammlung von elegischen Geschichten
voll eigentümlicher Poesie, das Debüt des Jahres
hingelegt hat, kommt sie nicht mehr zur Ruhe: Lesungen, Fernsehauftritte,
ein Dutzend Pressegespräche, ein vierstündiges "Brigitte"-Interview.
35.000mal hat sich ihr Erstlingswerk bisher verkauft, der
Fischer Verlag bereitet drei Monate nach Erscheinen bereits
die sechste Auflage vor, die Kritiker übertrumpfen sich
gegenseitig in ihren Lobpreisungen. Marcel Reich-Ranicki hat
Judith Hermann im "Literarischen Quartett" als "hervorragende
neue Autorin" gefeiert, Hellmuth Karasek schwärmte
vom "Sound einer neuen Generation" , der "Spiegel"
sieht eine staunenswert sichere Prosaistin am Werk, und Florian
Illies preist in der FAZ etwas pompös die Stilsicherheit
der Autorin, die nichts Geringeres vorhabe, als dem "Leben
nach dem Ende der Geschichte" auf den Leib zu rücken.
"Der Rummel der letzten Wochen erschöpft und überfordert
mich", seufzt Judith Hermann, die mit der Rolle der literarischen
Primadonna sichtlich Schwierigkeiten hat. "Es war alles
zuviel. Ich möchte keine Kritiken mehr lesen, will einfach
wieder zu mir selbst finden."
Zu sich selbst findet die gebürtige Westberlinerin immer
dann, wenn sie ihrem Brotjob nachgeht: dem Kellnern. Judith
Hermann führt dasselbe Leben wie die Personnage ihrer
Erzählungen, Angehörige der jungdeutschen Boheme,
die den Berliner Szene- und Künstlerbezirk Prenzlauer
Berg bevölkert. Man malt oder schreibt, hört Tom
Waits oder Massive Attack, man versucht sich im Journalismus
oder macht ein bißchen Regieassistenz. Und wenn's finanziell
eng wird, steht man halt drei, vier Abende in der Woche hinter
irgendeiner Theke und zapft Schultheiss-Bier. Bei Judith Hermann
ist das nicht anders. Sie hat sich in den letzten Jahren als
Servierkraft im "Cafe Schwarz-Sauer" verdingt, einem
In-Schuppen der gediegeneren Art, heute serviert sie im "Houdini".
Daneben hat die Frau mit dem feinherben Gesicht Features fürs
" Deutschlandradio" gestaltet, in der Regel Alltagsthemen
behandelnd. Zuletzt zog sie mit ihrem Mikrofon durch Berliner
Kneipen, um die Lebensbeichten von Bierstubenoriginalen und
Tresen-Causeurs einzufangen. "Ich möchte unbedingt
weitermachen mit dem Kellnern, auch mit der Radioarbeit",
sagt Judith Hermann, "ich brauche das, um den Boden unter
den Füßen nicht zu verlieren. Außerdem stoße
ich da auf die Stoffe, die ich für meine Geschichten
brauche."
Worum's darin geht? Kurz gesagt: um das Leben der heute Zwanzig-
bis Dreißigjährigen, um die verlorenen oder nie
gehegten Illusionen einer weitgehend unpolitischen Generation,
die ohne große Erwartungen durchs Leben driftet: "Wir
hörten Paolo Conte aus Heinzes Ghettoblaster, schluckten
Ecstasy und lasen uns die besten Stellen aus Bret Easton Ellis'
'American Psycho' vor. Falk küßte Anna, und Anna
küßte mich, und ich küßte Christiane",
heißt es in der Titelerzählung "Sommerhaus,
später". Mit leichtem Strich zeichnet Judith Hermann
Skizzen aus dem Alltag der ach so pragmatischen neunziger
Jahre. Die Plots? Wenig spektakulär: Eine Frau erzählt
die Lebens- und Liebesgeschichte ihrer Petersburger Urgroßmutter
und geht ihres Lovers verlustig; ein kleinwüchsiger Videokünstler
verwirklicht seine sexuellen Obsessionen mit einer juvenilen
Adorantin; ein Maler läßt sich von einem geheimnisvollen
Mädchen bezaubern und verliert die Schöne zu schlechter
Letzt.
Natürlich
gibt es stärkere und schwächere Texte in diesem
Buch. An den stärkeren wie der in Jamaica spielenden
Erzählung "Hurrikan" bestechen bildhafte Sprache
und gekonnte Lyrismen, der Duktus der Texte ist kühl
und klar und wunderbar unangestrengt. "Es ist schade,
denkt Marie, daß man die Dinge immer nur einmal zum
ersten Mal sieht." Das genau ist das Berückende
an Judith Hermanns Geschichten: die Balance, in der sie die
Dinge zu halten vermag.
Bisweilen sind die Erzählungen auf liebenswerte, fast
fontanehafte Weise altmodisch. "Wir fuhren zum Rudern
hinaus an die Seen, und ich ruderte Sonja über das spiegelglatte,
schilfgrüne Wasser, bis mir die Arme schmerzten. Wir
aßen am Abend in den kleinen Gaststätten Schinkenplatten
und Bier , und Sonja bekam rote Wangen und ganz sonnenhelles
Haar."
Revolutionär ist daran nichts. Die 28jährige Autorin
ersinnt keine neue Sprache, sie geriert sich weder ästhetisch
noch politisch als Umstürzlerin, eine souveräne
Abgeklärtheit wird sichtbar in diesen Texten. Das Lebensgefühl
der Hermannschen Figuren ist alles andere als subversiv: Alles
hat man schon einmal erlebt und gefühlt und durchlitten.
Alles kennt man schon irgendwie. Und deshalb ist auch alles
irgendwie egal.
Klar, daß sich für ein solcherart fragmentarisiertes
Lebensgefühl die kleine literarische Form anbietet. "Das
Genre der Short story hat mich immer fasziniert", gesteht
Judith Hermann. Sie verehre Capote, Hemingway und Faulkner,
habe den persönlichen Umgang mit Schriftstellern aber
nie gesucht. "Literarischen Austausch pflege ich so gut
wie keinen", sagt sie, was der Wahrheit nicht ganz entspricht:
Denn immerhin hat Monika Maron, eine der renommiertesten deutschen
Erzählerinnen, Judith Hermanns Texte korrigiert und dem
Fischer Verlag empfohlen.
Ihre Eltern, berichtet die Jungautorin, beobachten den Kult
um die Tochter mit einer gewissen Skepsis. "Während
sich meine Mutter aus reinem Herzen freut, macht sich mein
Vater vorwiegend Sorgen. Er hat Angst, daß ich mit dem
Erfolg nicht fertig werde."
Judith Hermanns Vaterhaus steht in Neukölln, dem Simmering
Berlins der Begriff Vaterhaus ist hier beinahe wörtlich
zu nehmen: Die Mutter ging arbeiten, der Vater, ein hochmusikalischer
Mensch, kümmerte sich um Haushalt und Kinder. "Ich
bin keineswegs in einem linksprogressiven Milieu aufgewachsen",
erinnert sich Judith Hermann, "dazu hat die Politik eine
zu geringe Rolle gespielt. Aber ich würde sagen: Links
angehaucht war das Milieu meiner Kindheit schon." Besonderen
Wert legte man im Hause Hermann auf die musische Bildung des
Nachwuchses: Judiths Vater, selbst Klavierlehrer, sorgte dafür,
daß die Kinder früh Instrumente lernten und sich
im gemeinsamen Musizieren übten.
In den letzten Jahren hat Judith Hermann das Klavierspiel
etwas vernachlässigt. Wer sich die Nächte im "Cafe
Schwarz-Sauer" um die Ohren schlägt, wer Radiofeatures
und formvollendete Erzählungen fertigt, bringt fürs
Piano wohl nicht die nötige Muße auf. Judith Hermann
genießt das Boheme-Leben am Prenzlauer Berg. "Man
kann sich hier relativ lange im Zustand der Unentschlossenheit
bewegen", schwärmt sie. "Alle hier sind irgendwie
unentschlossen, alle machen irgendwie Kunst, und alle kucken
mal irgendwie, was kommt."
Kucken irgendwie. Und warten. Eine neue Generation treibt
durch die deutschen Metropolen. Glücksversprechungen?
Keine. Man lebt im Hier und Heute mal sehen, was kommt.
Hauptstadt dieser wiedererwachten Lost Generation: Berlin.
Ihr Parnaß: der Prenzlauer Berg. Judith Hermann: ihre
begabteste Rhapsodin.
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Erschienen in "Format",
21. Dezember 1998.
Buchhinweis:
Judith Hermann: SOMMERHAUS, SPÄTER
Erzählungen, Fischer Verlag (1998), ISBN: 3596223946.
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